KolumneBosch und die Kalaschnikow

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Es ist ein Satz wie mit dem Hammer gemeißelt: „Immer habe ich nach dem Grundsatz gehandelt, lieber Geld verlieren als Vertrauen.“ Die Worte stammen von dem Erfinder und Industriellen Robert Bosch – dem Gründer des gleichnamigen Unternehmens. Der frühere Vorstandschef und jetzige Aufsichtsratsvorsitzende Franz Fehrenbach hat sie in vielen, in sehr vielen Reden zitiert. Und für den Bosch-Konzern waren es über viele Jahre keineswegs leere Worte. Eine Mischung aus Pietismus, sozialer Verantwortung und Nachhaltigkeit prägt die Unternehmenskultur bis heute. Mehrheitlich gehört der Konzern einer gemeinnützigen Stiftung, die Familie hält nur noch acht Prozent des Kapitals.

Und doch könnte das Unternehmen, das immer so viel auf seinen guten Ruf hielt, in dem Dieselskandal als Mitbetrüger unter die Räder geraten. Im Fall VW konnte sich Bosch in den USA noch mit einer vergleichsweise geringen Geldzahlung von 300 Mio. Euro aus dem Staub machen. Seit letzter Woche aber ist bekannt, dass deutsche Staatsanwälte nun auch im Fall Daimler gegen Mitarbeiter des Konzerns ermitteln. Für Bosch ist dieses Verfahren viel gefährlicher. Bei VW stammte nachweislich nur ein Teil der betrügerischen Software von Bosch, in Wolfsburg legte man Wert auf eine eigenständige Bearbeitung des Codes. Bei den betroffenen Dieselfahrzeugen von Daimler aber kam angeblich die gesamte Motorsteuerung aus dem Hause Bosch.

Motorschutz oder Manipulation?

Letztlich geht es nun um die Frage, ob Bosch nur ein Messer an Daimler lieferte oder eine Kalaschnikow. Die Verteidiger des Unternehmens vergleichen ihren Anteil am Dieselbetrug gern mit einem Messer in einem Mordprozess: Niemand könne den Hersteller eines simplen Küchenwerkzeugs zum Komplizen stempeln, nur weil es einem Kriminellen als Waffe diente. Anders dagegen bei einer Kalaschnikow: Wer solch eine gefährliche Maschinenpistole leichtfertig in Umlauf bringt, muss sich mindestens eine Mitschuld an der anschließenden Tat anrechnen lassen.

Bei der von Bosch an Daimler gelieferten Motorsteuerung geht es nicht um eine Software, die einen Prüfstand erkennt wie bei VW. Die Funktion schaltet stattdessen die Abgasreinigung bei bestimmten Temperaturen ab. Nun streiten Juristen und Techniker darüber, ob dieser Mechanismus schlicht dem Schutz des Motors diente oder auch der Manipulation der Abgaswerte. Die Verantwortung von Daimler und Bosch dürfte daher viel schwieriger zu beweisen sein als im Fall VW, wo zahlreiche Manager offensichtlich in betrügerischer Absicht handelten.

Die Chancen stehen deshalb nicht schlecht für Bosch-Chef Volkmar Denner, auch in Deutschland mit einem blauen Auge davon zu kommen. Aber kann ein Konzern, der sich ausdrücklich ethischem Handeln verpflichtet hat, die ganze Sache damit abhaken? Keinesfalls. Auch Bosch muss Lehren aus dem Dieselskandal ziehen. Wer die Äußerungen aus dem Konzern seit dem Beginn der VW-Krise verfolgt, erkennt das übliche Muster der Schönrednerei: Erst alles leugnen, dann nur das zugeben, was längst bewiesen ist. Und bloß keine Fehler des Vorstands einräumen, um den Juristen der anderen Seite keine Munition zu liefern. Dabei sollte sich gerade Bosch nicht davor drücken, ganz im Sinne des Gründers an den guten Ruf des Unternehmens zu denken und nicht nur an mögliche Strafen.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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