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Vor der 12. Staffel Unrealistische Deals: Investor rechnet mit „Die Höhle der Löwen“ ab

Das Team von „Die Höhle der Löwen“
Die Investoren Georg Kofler, Nils Glagau, Dagmar Woehrl, Diana zur Loewen, Moderator Amiaz Habtu und Ralf Duemmel (v. l.) sind bei der zwölften Staffel „Die Höhle der Löwen“ dabei. Es fehlt Carsten Maschmeyer
© IMAGO / APress
Die bekannte Gründershow „Die Höhle der Löwen“ startet heute Abend in ihre zwölfte Staffel. Sie hat erfolgreiche Start-ups wie Ankerkraut und YFood hervorgebracht. Doch Investoren kritisieren, die Sendung habe wenig mit der Realität zu tun

Nach jeder ausgestrahlten Folge der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ summte bei Olaf Jacobi das Handy. Freunde simsten oder riefen ihn an. Auch beim Volleyball kamen die Mannschaftskollegen auf ihn zu: „Jetzt wissen wir endlich, was du machst“, sagten sie und klopften ihm auf die Schulter.

Jacobi ist Venture Capitalist, also Risikokapitalgeber. Er betreut junge Unternehmen von der Gründung bis zur Marktreife – auf den ersten Blick genau das, was die „Löwen“ in der TV-Show auch machen. Mit der glitzernden TV-Welt habe sein Job aber nicht viel zu tun, sagt Jacobi. Irgendwann war er so genervt, dass er sogar in einem Gastbeitrag mit den Mythen rund um die Fernsehsendung aufzuräumen versuchte.

In der Sendung hoffen aufstrebende Start-ups wieder auf das Geld und Netzwerk der sechs „Löwinnen“ und „Löwen“, darunter prominente Investoren wie Carsten Maschmeyer oder Ralf Dümmel. Die Sendung läuft im TV-Sender Vox, der wie Capital zu RTL Deutschland gehört, und erreicht wöchentlich rund zwei Millionen Zuschauer. Das Format brachte erfolgreiche Firmen wie das Gewürzunternehmen Ankerkraut hervor, aber auch spektakuläre Pleiten wie die des Modelabels Von Floerke. In jedem Fall brachte sie der Gründerszene in Deutschland enorme Aufmerksamkeit.

„Tribunal gibt es nicht“

Jacobi ist nicht der einzige Geldgeber, der das Format für maximal unrealistisch hält. Selbst Ex-„Löwe“ Frank Thelen sagt, dass Wagniskapital in der Regel anders verteilt wird. Was Jacobi und andere Risikokapitalgeber kritisieren, sind die vorgespielten Abläufe solcher Deals: In der TV-Sendung sitzen auf der einen Seite die Jurorinnen und Juroren, auf der anderen Seite die hilflosen Gründerinnen und Gründer, deren Zukunft vom Gusto der Löwen abhängt. „Diese Art von Tribunal gibt es in der Realität nicht“, sagt Jacobi. „Normalerweise begegnen sich Start-ups und potenzielle Investoren auf Augenhöhe. Wenn die Start-ups wirklich gut sind, bewirbt sich der Investor vielmehr auf das Unternehmen.“

Bei seinem Risikokapital-Fonds Capnamic läuft das so: Entweder bewerben sich Unternehmen selbst auf Risikokapital oder Capnamic schaut sich bestimmte Märkte an, und sucht interessante Start-ups heraus. Jährlich kommen so bis zu 4000 potenzielle Deals zusammen. Der größte Teil fällt sofort raus, weil sie in der falschen Finanzierungsphase und zum Beispiel schon zu groß sind, oder aber das Geschäftsmodell scheint nicht massentauglich.

Mit den verbleibenden 20 bis 30 Prozent nimmt Capnamic Kontakt auf. „Am Ende investieren wir von diesen 4000 potenziellen Deals gerade mal in etwa fünf bis zehn Unternehmen pro Jahr. Und das zieht sich dann über mehrere Monate“, sagt Jacobi. Zum Vergleich: Ralf Dümmel investierte allein in 135 Unternehmen in neun Staffeln von „Die Höhle der Löwen“, und benötigt für seine Entscheidung nur etwas mehr als eine Stunde.

Zwischen Capnamic und „Die Höhle der Löwen“ gibt es noch weitere fundamentale Unterschiede. Während Jacobi und viele andere vor allem in B2B-Unternehmen investieren, die Produkte für andere Unternehmen herstellen, liegt der Fokus bei den „Löwen“ auf den Endverbrauchern (B2C).

Das macht das Format für Jacobi noch unglaubwürdiger: „Ich kann 20 bis 30 Unternehmen anrufen und fragen, ob das Start-up bei ihnen ein relevantes Problem lösen würde. Bei Konsumentenprodukten brauchen die Gründer entweder einen Hype oder eine breite Marktforschung“, sagt er. Das erste ließe sich nicht planen, das zweite sei teuer. Wie auch immer: Ein Pitch von einer Stunde sei hierfür nicht ausreichend.

Hohe Ausfallquote

Tatsächlich scheinen ihn jüngste Zahlen der Kreditplattform Creditsafe zu bestätigen. Demnach haben „Die Höhle der Löwen“-Gründungen ein doppelt so hohes Ausfallrisiko wie der restliche Markt. Die Zahlen überzeugen Jacobi allerdings nicht. Er verweist darauf, dass es sich um absolute Zahlen handele und nicht nachvollziehbar sei, in welchem Stadium ein Start-up vor die Wand fahre – ganz am Anfang oder erst kurz vor der Series-B-Finanzierung, wenn Unternehmen also schon Produkte am Markt haben. „Mit jeder Runde sinkt das Ausfallrisiko. Man darf das Risiko daher nur für einzelne Phase betrachten“, sagt Jacobi und führt einen weiteren Punkt an: „B2C-Start-ups haben ohnehin ein höheres Ausfallrisiko.“ 

Bei aller Kritik hält Jacobi der Sendung aber auch etwas zugute: „Sie hat die deutsche Start-up-Kultur sicherlich positiv beeinflusst. Vor allem für Ingenieure bei Bosch oder Siemens ist die Botschaft wichtig: Wenn du eine gute Idee hast, gibt es Möglichkeiten, diese groß zu machen.“

Ähnlich sieht das Christoph Stresing, Vorsitzender vom Bundesverband Deutsche Startups: „Wir brauchen in Deutschland viel mehr Unternehmergeist. Menschen zu animieren, mit Mut und Entschlossenheit ihre Ideen voranzutreiben und dabei auch Risiken einzugehen, war vermutlich nie wichtiger als jetzt. Für diese Mentalität leistet ,Die Höhle der Löwen' einen nicht zu unterschätzenden Beitrag.“

Dass die Sendung sehr realistisch ist, würde auch Stresing nicht behaupten. In einem Punkt decke sich die Sendung aber durchaus mit der Realität: „Ein kurzer und gehaltvoller Pitch ist das A und O.“ Zwar werden Gründer hier durch TV-Redakteure unterstützt. „Es sendet aber auch ein wichtiges Signal an alle Gründer da draußen und zeigt, wie man es richtig hinbekommt.“


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