LesestoffUnister: Ein Jahr danach

Das Wrack des abgestürzten Flugzeugs
Das Wrack des abgestürzten Flugzeugs
© dpa

Vor genau einem Jahr passierte das Unfassbare: Ein kleines Privatflugzeug stürzte über einem Waldgebiet in Slowenien ab. Es war auf dem Rückweg von Venedig. An Bord: Unister-Gründer und Chef Thomas Wagner und drei weitere Personen. Mit ab-in-den-urlaub.de und fluege.de war Unister Marktführer beim Verkauf von Reisen im Internet. Doch der Leipziger Konzern stand kurz vor der Pleite, Wagner war muss so verzweifelt gewesen sein, dass er sich auf einen windigen Deal einließ. Bei dem Versuch, frisches Geld für das strauchelnde Unternehmen zu organisieren, fiel Wagner auf einen Kreditbetrüger herein, einen sogenannten Rip-Dealer. In Venedig sollte die Geldübergabe stattfinden.

Nachdem der Bluff aufgeflogen war, flog Wagner in der gemieteten Piper zurück nach Leipzig. Er sollte sein Ziel nicht erreichen. Die Maschine stürzte ab. Seitdem ranken sich Mythen um den Absturz, befeuert von ehemaligen Unister-Mitarbeitern. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der Absturz auf vereiste Tragflächen zurückzuführen. Ein tragischer Unfall. Doch manch einer glaubt immer noch an die große Verschwörung. An einen Anschlag der organisierten Kriminalität. Erst Mitte Oktober wurde das Höhenruder der Maschine gefunden. Es lag ungewöhnlich weit von der Absturzstelle entfernt. Es soll Spuren von Fremdeinwirkungen aufweisen.

Rip-Dealer auf der Flucht

Angetrieben werden die Spekulationen über ein Verbrechen auch dadurch, dass der vermeintliche Diamantenhändler, der Wagner nach Venedig gelockt hatte, immer noch nicht gefasst wurde. Ein deutscher Vermittler, der den mutmaßlichen Deal mit Wagner eingetütet hatte, wurde allerdings in erster Instanz zu drei Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Er hat Berufung eingelegt.

Nach dem Tod Wagners beantragten die Gesellschafter des Unternehmens Insolvenz. Unister wurde zerschlagen, die Reiseportale gingen an den tschechischen Investor Rockway. Der Insolvenzverwalter sieht Anzeichen, dass es bei Unister zu einer Insolvenzverschleppung gekommen sein könnte. Gerichtsfeste Beweise hat er noch nicht.

In Leipzig läuft gegen ehemalige Unister-Manager ein Strafverfahren. Auf der Anklagebank hätte auch Wagner gesessen. Es geht um strittige Verkaufspraktiken, den unerlaubten Vertrieb von Versicherungen und Computerbetrug. Die Angeklagten weisen alle Vorwürfe zurück.

Capital hatte bereits im August vergangenen Jahres das Geschäftsmodell von Unister durchleuchtet und beschrieben, wie es zu der Existenzkrise des Unternehmens kommen konnte. Lesen Sie hier die Geschichte über den Aufstieg und Fall Unisters.

Fünf Freunde

Es waren einmal fünf junge Männer, die aus dem Nichts eines der größten Start-ups Europas aufbauten. Doch Mitte Juli 2016 sind von den fünfen zwei tot, der dritte hat gerade seinen Bruder verloren, und der vierte, Sebastian Gantzckow, weiß weder ein noch aus. Bloß Daniel Kirchhof, der fünfte Miteigentümer des Leipziger Onlineportalbetreibers Unister, versucht noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Am 16. Juli, es ist ein Samstagabend, treffen sich Kirchhof und Gantzckow in Leo’s Brasserie in der Leipziger Innenstadt. Zwei Tage sind seit dem Unfall vergangen, bei dem Unister-Chef Thomas Wagner und Mitgründer Oliver Schilling ums Leben kamen. Abgestürzt mit einer kleinen Maschine, in einem Wald in Slowenien.

Sie waren auf dem Rückweg aus Venedig, wo Wagner neues Geld für die marode Firma auftreiben wollte. Ein dubioser Retter hatte ihm einen Kredit von mindestens 10 Mio. Schweizer Franken angeboten. Als Sicherheit sollte Wagner 1,5 Mio. Euro in bar mitbringen. Dafür bekam er Schweizer Franken. Doch Wagner ließ sich Blüten andrehen. Ein Betrüger hatte ihn gelinkt.

Traurig und tragisch

So traurig, so tragisch die Situation auch ist: Was jetzt aus der Firma werde, will Kirchhof wissen. Viele Jahre war er die Nummer zwei hinter Wagner, bis er vergangenen Sommer im Streit Unister verließ. Er redet auf Gantzckow ein. Zwei Investoren habe er aufgetrieben. Noch sei nicht alles verloren. Er brauche nur ein bisschen Zeit. Kirchhof kämpft das ganze Wochenende. Er telefoniert, simst und mailt. Sitzt nachts in der Firma, um Unterlagen zu sichten. Da haben die beiden anderen noch lebenden Gesellschafter – Gantzckow und Oliver Schillings Zwillingsbruder Christian – ihre Entscheidung aber längst gefällt.

Am Montagmorgen geht beim Amtsgericht Leipzig der Insolvenzantrag für die Dachgesellschaft der Unister-Gruppe ein. Ein fünfseitiges Schriftstück, das am Sonntag so schnell zusammengeschrieben wurde, dass manche Zahlen falsch sind. Eine aber ist entwaffnend ehrlich: Die Gesellschaft verfüge über liquide Mittel „in Höhe von 0,00 Euro“. Kirchhof wird von dem Antrag erst am Mittag aus den Medien erfahren.

Aufstieg und Fall

Die Pleite markiert das bittere Ende einer Erfolgsgeschichte, wie sie sonst eher im Silicon Valley geschrieben wird. Sie handelt von dem smarten Gründer Thomas Wagner und seinen Partnern. Ihre tollkühnen Ideen revolutionieren den Reisemarkt. Mit Internetportalen wie ab-in-den-urlaub.de und fluege.de fordern sie die Großen der Branche heraus. Es dauert nicht lange, da vermittelt Unister mehr Reisen als die Riesen TUI oder L’Tur. Aus einer Studentenbude wird in zehn Jahren eine Holding mit etlichen Tochterfirmen und knapp 2 000 Mitarbeitern. Wagner & Co sind die Popstars der deutschen Start-up-Szene. Politiker hofieren sie. Altehrwürdige Unternehmen buhlen um ihre Gunst.

Doch hinter der schicken Gründerzeitfassade der Zentrale in der Leipziger Innenstadt verbirgt sich auch eine andere Geschichte. Ein Wirtschaftskrimi, der von geneppten Verbrauchern handelt, von fragwürdigen Produkten, dubiosen Deals und Krieg zwischen den Gesellschaftern. Und von einem Geschäftsmodell, das Recherchen von Capital zufolge schon vor fünf Jahren implodierte. Damals untersagte Google Unister eine Werbepraxis, die bis dahin viele Millionen in die Kassen gespült hatte.

Seitdem kämpfte Unister immer wieder mit einer angespannten Finanzlage. Immer wieder trieb Wagner Geldgeber oder kreative Einnahmequellen auf. Doch immer wieder traten neue Finanzlöcher auf. Am Ende muss Wagner so verzweifelt gewesen sein, dass er sich sogar auf den dubiosen Venedig-Deal einließ, um seine Firma am Leben zu halten. Wie konnte es bloß so weit kommen?