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Inflation Uniqlo: Warum der japanische Modehändler 40 Prozent mehr Lohn zahlt

Uniqlo-Store in der japanischen Hauptstadt Tokyo
Uniqlo-Store in der japanischen Hauptstadt Tokyo
© xStanislavxKogikux
Jahrelang dominierte in Japan die Deflation. Jetzt hat sich der Wind gedreht – und Premierminister Kishida hat Unternehmen aufgefordert, ihre Löhne zu erhöhen. Die Modehandelskette Uniqlo geht einen ganz radikalen Schritt

Die Schaufensterpuppen bei Uniqlo tragen rote Perücken. Die Kleidung ist sportlich bis schick – von der Steppjacke bis zum Hemd oder Baumwollhose wird man bei der japanischen Modemarke auch in Deutschland fündig. Zehn Filialen gibt es bei uns. In Japan sind es 80-mal so viele. Wer dort bei Uniqlo arbeitet, darf sich ab März auf eine große Gehaltssteigerung freuen. Der Mutterkonzern Fast Retailing will seinen Angestellten in Japan bis zu 40 Prozent mehr Gehalt zahlen. Das Unternehmen folgt damit der Aufforderung des japanischen Premierministers Fumio Kishida. 

Anlass dieser Forderung ist die zuletzt gestiegene Inflation in Japan. Dabei waren steigende Preise dort lange undenkbar – Preiserhöhungen galten unter Japanern als unhöflich. Im November stieg die Kerninflation, die die Preise für Energie und Lebensmittel nicht einschließt, um 3,7 Prozent – so schnell wie seit über 40 Jahren nicht mehr. In Japan herrschte jahrelang sogar Deflation – und das, obwohl die Zentralbank seit mehr als 20 Jahren eine ultralockere Geldpolitik verfolgt. Mehr Geld im Umlauf führt laut Ökonomen zu steigender Inflation. Doch in Japan griff diese Gesetzmäßigkeit lange Zeit nicht – bis Ende 2022.

Inzwischen ergibt sich daraus aber ein Problem: Da gleichzeitig der Yen-Kurs auf einem historisch schwachen Niveau gegenüber dem Dollar steht, Importe aus dem Ausland also teurer werden, und die  Gehälter seit Jahrzehnten stagnieren, hat die Kaufkraft merklich abgenommen.  Unternehmen war es bisher kaum möglich, ihre gestiegenen Energie- und Materialkosten an die Verbraucher weiterzugeben. Die Lösung für Japans Premier Kishida setzt da an: Steigen die Löhne, steigt die Kaufkraft. Steigt die Kaufkraft, können Unternehmen ihre höheren Kosten besser weitergeben.

„Die Lohnentwicklung in Japan war sogar lange negativ. Das hat sich erst 2021 gedreht. Das Lohnplus soll vor allem den Konsum ankurbeln“,  sagt Christiane Süßel, Japan-Expertin von der Gesellschaft für Außenwirtschaft Germany Trade and Invest. Aber es stelle sich die Frage, ob höhere Gehälter in dieser Situation wirklich einen positiven Kreislauf anstoßen können – oder nicht eher in eine Lohn-Preis-Spirale münden würden. 

Japan ist ähnlich wie Deutschland fast vollkommen auf Energielieferungen aus dem Ausland angewiesen. Preissteigerungen und das historisch schwache Niveau des Yen gegenüber dem US-Dollar haben die Wirtschaft stark belastet und die Regierung im vergangenen Jahr dazu gezwungen, ihre Wachstumsprognosen mehrfach nach unten zu korrigieren. Laut Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist die Wirtschaft 2022 wohl nur um 1,7 Prozent gewachsen. „Damit hat Japan zwar das Negativwachstum der Coronakrise hinter sich gelassen. Aber die stark anziehenden Preise und das raue geopolitische Umfeld bremsen die Erholung noch aus“, stellt Süßel fest. 

Japanische Gehälter können im G7-Vergleich nicht mithalten 

In Japan sind Gehaltsgefüge noch deutlich hierarchischer strukturiert als beispielsweise in Europa. Eigentlich bestimmt das Dienstalter über die Höhe des Gehalts. Fast Retailing geht daher auch einen umso radikaleren Schritt: Der Konzern will das System komplett umkrempeln und die Gehälter anhand der Fähigkeiten und Leistung seiner Mitarbeitenden festlegen – auch um international wettbewerbsfähig zu werden. Denn obwohl Japan nach den USA und China die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist, sind die Durchschnittsgehälter hier im Vergleich der G7-Staaten am niedrigsten. Für global operierende Konzerne sei es deshalb äußerst schwierig, internationale Talente zu finden, sagt Hisashi Yamada, stellvertretender Vorsitzender des Japan Research Institute, gegenüber der Financial Times. Er berichtet angesichts des Arbeitskräftemangels außerdem von einem weit verbreiteten „Krisengefühl“ im japanischen Management. 

Bei Uniqlo können Filialleiter ab März mit 390.000 Yen (2770 Euro) statt zuvor 290.000 Yen (2060 Euro) im Monat rechnen. Die Einstiegsgehälter für Hochschulabsolventen liegen dann bei 300.000 Yen (2130 Euro) statt 255.00 Yen (1813 Euro). Bereits im vergangenen September hatte es bei Fast Retailing Lohnsteigerungen in Höhe von durchschnittlich 20 Prozent gegeben. Für das japanische Unternehmen bedeuten die höheren Löhne einen Anstieg der Personalkosten in Höhe von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, zusätzlich zu höheren Materialkosten und Lieferkettenproblemen durch die Corona-Ausbrüche in China. Eigenen Angaben zufolge soll das durch Produktivitätssteigerungen aufgefangen werden. In japanischen Uniqlo-Filialen wurden aber auch die Produktpreise erhöht, teilweise um bis zu 1000 Yen (7 Euro). 

Ökonomen rechnen damit, dass auch andere Unternehmen in Japan ihre Gehälter anheben werden – allerdings nicht so stark. „Die von Fast Retailing gezeigte Lohnerhöhung ist ziemlich unglaublich, aber wir werden bei vielen Unternehmen erhebliche Lohnerhöhungen sehen", sagte Taro Saito, Executive Research Fellow beim NLI Research Institute der Financial Times. Für Christiane Süßel ist Uniqlos Schritt ein Hinweis darauf, dass vor allem große Konzerne die Forderung der Regierung umsetzen werden. Allerdings gebe es in Japan auch viele kleine und mittelständische Unternehmen. Hier sei die Entwicklung noch unklar. 

Lohnsteigerungen um drei Prozent erwartet 

Die japanische Regierung fordert ihrerseits eine Lohnsteigerung von deutlich über zwei Prozent. Japans größte Gewerkschaft, die Japanese Trade Union Confederation, fordert fünf Prozent mehr Lohn für die Beschäftigten. Goldman Sachs erwartet für die Frühjahrsverhandlungen einen Lohnanstieg von etwa 2,5 Prozent, das wäre der höchste seit Ende der 1990er-Jahre. Die Bank of Japan fordert drei Prozent, um ihr Inflationsziel von zwei Prozent zu erreichen. 

Die Aussichten von Experten für die nahe Zukunft sind insgesamt verhalten. Premierminister Kishida stimmt aber zuversichtlich, dass das Konsumklima Ende 2022 erstmals wieder ein Vor-Pandemie-Niveau erreichen konnte. Auch der Inflationsdruck werde der Zentralbank zufolge in diesem Jahr abflachen. 

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