KommentarUngleichheit - das neue Mega-Thema

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Überschuldung von Privathaushalten belastet Wachstum

Der Beginn dieses kreditfinanzierten Konsummodells der US-amerikanischen Mittelschicht fällt genau zusammen mit dem rasanten Anstieg der Einkommensungleichheit am oberen Ende der Verteilung seit den frühen 1980er Jahren, den Pikettys Top-Einkommens-Daten so eindrucksvoll zeigen. Eine Zeit lang sah es so aus, als könnte auch die Mittelschicht selbst ohne laufende Ersparnis Vermögen bilden, weil die Häuserpreise stetig zu steigen schienen. Doch diese Illusion ist spätestens seit dem Platzen der Immobilienblasen nach 2007 vorbei. Was bleibt, ist eine bei den reichen Haushalten und im Ausland verschuldete Mittelschicht und eine gestiegene Vermögensungleichheit, die nach und nach verstärkend auch auf die Einkommensungleichheit zurückwirken wird.

Gleichzeitig ist die Überschuldung der Privathaushalte eine schwere Hypothek für die künftige Wachstumsentwicklung in den USA. Nachdem jahrzehntelang fehlende Einkommenssteigerungen der Mittelschicht durch Kredite ersetzt wurden und so der Konsum hochgehalten wurde, droht nun die säkulare Stagnation nicht zuletzt deswegen, weil bei sich weiter verschärfender Ungleichheit aber erschöpften Verschuldungsmöglichkeiten die Konsumnachfrage nicht in Gang kommt.

In Deutschland reduzierte die Mittelschicht nicht ihre Ersparnisbildung und sie verschuldete sich auch nicht zunehmend, als zu Beginn der 2000er-Jahre die Einkommensungleichheit rasant anzusteigen begann. Dies dürfte mit anderen sozialen Normen zusammenhängen und mit der weniger laxen Kreditvergabe der Banken im Vergleich etwa mit den USA. Dennoch entwickelte sich die relative Ersparnisbildung von arm und reich auseinander: Hierzulande waren es die Unternehmen, die in den frühen 2000er Jahren begannen, im Zuge stark steigender Gewinne vermehrt Geldvermögen zu bilden. Weil die Unternehmen ihre Einnahmen nicht an den privaten Haushaltssektor weitergaben, stiegen zwar die Top-Haushaltseinkommen viel weniger stark an als etwa in den USA, wo die Unternehmen viel aggressiver auf Gewinnausschüttungen für die Aktionäre und Bonuszahlungen für die Spitzenmanager setzten. Die einbehaltenen Unternehmensgewinne bleiben zwar in Pikettys Top Income Shares unberücksichtigt, ihr Anstieg bedeutet aber eine Zunahme der Ungleichheit, weil die Letzteigentümer der Unternehmen in erster Linie reiche Haushalte sind. Und spätestens mit dem Ableben der Baby-Boomer, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, wird die Vererbung von in Unternehmen angehäuften Vermögen zum ernsthaften Verteilungsproblem werden, vor allem wenn die angemessene Besteuerung dieser Vermögen weiterhin ein politisches Tabu bleibt.

Einkommen der großen Masse muss Schritt halten

Die anhaltend hohen Finanzierungsüberschüsse des Unternehmenssektors bedeuten aber nicht nur, dass sich die Ersparnisbildung von reich und arm auseinanderentwickelt, sondern sie sind auch ein schwerwiegendes makroökonomisches Problem. Die privaten Haushalte waren in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland immer Nettosparer. Der Staat darf sich wegen der sogenannten Schuldenbremse nicht mehr neu verschulden. Wenn nun auch noch die Unternehmen angesichts hoher Gewinne nicht mehr auf eine für diesen Sektor eigentlich übliche Nettokreditaufnahme angewiesen sind, bedeutet dies, dass die deutsche Volkswirtschaft strukturell weniger ausgibt, als sie einnimmt, also Leistungsbilanzüberschüsse realisiert. Damit trägt Deutschland maßgeblich zur Nachfrageschwäche in Europa und weltweit bei, welche sich zu der besagten säkularen Stagnation zu verfestigen droht.

Das sollte die zentrale Lehre sein, die die Volkswirtschaftslehre und die Wirtschaftspolitik aus der Weltwirtschaftskrise 2007ff. ziehen sollte: Der Kapitalismus kann auf Dauer nur stabil sein, wenn die Einkommen der großen Masse der Bevölkerung im Gleichschritt mit der Güterproduktion steigen. Wenn dies nicht der Fall ist, droht längerfristig Instabilität: entweder weil die Mittelschicht wie in den USA nur noch kreditfinanziert konsumieren kann und früher oder später überschuldet ist; oder weil wie in Deutschland die Binnennachfrage schwächelt und Wachstum und Beschäftigung nur noch über die kreditfinanzierte Nachfrage des Auslands erzeugt werden können. Die zunehmende Ungleichheit, die Piketty in „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ so faktenreich analysiert, und die schwere Krise des Kapitalismus im frühen 21. Jahrhundert sind untrennbar miteinander verbunden.

Starthilfe für Debatte über Vermögensverteilung

Dass dabei gerade auch in Deutschland eine bessere Lohnentwicklung und eine gleichmäßigere Einkommensverteilung makroökonomisch stabilisierend wirken könnten, wird glücklicherweise von immer mehr wirtschaftspolitischen Akteuren diskutiert. Allerdings schreitet das Umdenken hierzulande nur langsam voran: Bekanntermaßen stoßen Verteilungsfragen unter deutschen Ökonomen nicht auf besonderes Interesse. Dies zeigt auch die erste Rezeption von Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“.

Dennoch bleibt zu hoffen, dass „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ die politische Debatte zur sozialen Ungleichheit in Deutschland beleben wird. Dies gilt insbesondere für die dringend notwendige Verbesserung der Datenlage zu Einkommens- und Vermögensverteilung. Mancher Leser dürfte etwa überrascht darüber sein, in Pikettys Buch keine langen Zeitreihen zur Verteilung der Vermögen für Deutschland zu finden. Das liegt zum einen daran, dass es in Deutschland keine Vermögensteuer gibt, anders als etwa in Frankreich, wo seit der Französischen Revolution von 1789 die Verteilung der Vermögen von Amts wegen erfasst wird. Doch überhaupt steht die Forschung zur Vermögensungleichheit in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Das Sozioökonomische Panel (SOEP) befragt die Haushalte erst seit 2002 zu ihren Vermögensverhältnissen, sehr reiche Personen beteiligen sich hieran jedoch kaum. Und auch die Erfassung sehr hoher Einkommen wird seit 2009 durch die sogenannte Abgeltungssteuer erschwert, die als Quellensteuer nicht mehr personenbezogen erfasst wird, sondern direkt von den Finanzinstituten anonym abgeführt wird. Mithin wird durch die vorhandenen Daten die Einkommens- und Vermögensungleichheit in Deutschland tendenziell unterschätzt.

Das Mindeste, das die deutsche Politik von Thomas Pikettys Bestseller lernen kann, ist daher, dass eine demokratische Gesellschaft halbwegs genau wissen sollte, wie Einkommen und Vermögen verteilt sind. Und dass es Ökonomen braucht, die Verteilungsfragen überhaupt zu stellen bereit sind. Für diese notwendige Debatte ist „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ eine wertvolle Starthilfe.