KommentarUngleichheit - das neue Mega-Thema

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Bedeutung unterschiedlicher Sparquoten

Gegen diese Weltfremdheit vieler Ökonomen schreibt Piketty an. Denn sowohl der gesunde Menschenverstand als auch empirische Arbeiten zeigen, dass Personen mit relativ hohen Einkommen systematisch einen höheren Anteil ihres Einkommens sparen als Personen mit relativ niedrigen Einkommen. Und weil dies über den gesamten Lebensverlauf gilt, vererben Personen mit relativ hohen Lebenseinkommen auch proportional mehr an ihre Nachkommen als Personen mit relativ niedrigen Lebenseinkommen. Dies ist ganz einfach so, weil es sich eben nicht jeder leisten kann, einen großen Teil seines Einkommens auf die hohe Kante zu legen. Wer nicht gerade oben in der Einkommenshierarchie steht, hat nun einmal andere Sorgen, als auch noch für die Zeit nach dem eigenen Ableben ein Vermögen für die Hinterbliebenen anzuhäufen.

Thomas Piketty
Thomas Piketty
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Die langfristige Entwicklung der Einkommens- und Vermögensungleichheit hängt daher im Wesentlichen von drei Faktoren ab: die Spreizung der Arbeitseinkommen, das Verhältnis von r und g, und die Unterschiede in den Sparquoten zwischen den Haushalten. Leider hat sich die bisherige Debatte um „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ fast ausschließlich um das Verhältnis von r und g gedreht, während die Bedeutung unterschiedlicher Sparquoten unterbelichtet geblieben ist.

Wenn die Sparquoten unabhängig vom relativen Einkommen wären, dann wäre auch das Verhältnis von Vermögen zu Einkommen für die einzelnen Haushalte unabhängig vom jeweiligen Einkommen, so dass über alle Einkommensgruppen hinweg das Verhältnis von Kapital- und Arbeitseinkommen gleich wäre. Somit wäre langfristig die Vermögens- und Einkommensverteilung identisch mit der Lohnverteilung, und das Verhältnis von r und g wäre irrelevant für die Verteilungsentwicklung.

Vermögende profitieren vom schwachen Wachstum

Wenn hingegen die oberen Einkommensgruppen höhere Sparquoten haben als die unteren Einkommensgruppen, sind die Einkommen langfristig ungleicher verteilt als die Löhne, weil die Vermögen und Kapitaleinkommen ungleicher verteilt sind. Wie stark diese Dynamik ist, hängt nicht alleine vom Verhältnis zwischen r und g ab, sondern zentral von der Diskrepanz zwischen den Sparquoten von reicheren und ärmeren Haushalten. Das ist die zentrale Ungleichheitsfeder im Kapitalismus: Weil die Reichen reich sind, können sie mehr sparen als arme Haushalte, und deswegen bilden sie höhere Vermögen, erzielen höhere Kapitaleinkommen, können noch mehr sparen und so weiter. Hinzu kommt, dass Reiche in der Regel höhere Renditen auf ihr Vermögen erzielen, weil sie ihr Portfolio besser diversifizieren und risikofreudiger sein können. Je höher außerdem die Rendite auf Vermögen, und je geringer das Wirtschaftswachstum, desto leichter fällt es den reichen Haushalten, ihre relative Vermögensposition weiter zu verbessern und zu vererben.

Vieles spricht nun in der Tat dafür, dass die Wachstumsraten in den entwickelten Volkswirtschaften in absehbarer Zukunft schwach ausfallen werden, und zwar nicht nur wegen der zu erwartenden demographischen Entwicklung: In vielen Ländern sind die Privathaushalte überschuldet, und die Regierungen sind auf eine anhaltende Sparpolitik eingestellt. In diesem Umfeld überrascht es nicht, dass die Investitionsneigung der Unternehmen schwach ist. Viele Beobachter sprechen von der Gefahr einer säkularen Stagnation mit geringem Wachstum und hoher Arbeitslosigkeit. All dies spricht nicht für eine baldige Reduktion der Ungleichheit.

Hinzu kommt, dass sich die Sparquoten einkommensstarker und einkommensschwacher Haushalte in den letzten Jahrzehnten vielerorts weiter auseinander entwickelt zu haben. In den USA und anderen angelsächsischen Ländern reduzierten alle Haushalte unterhalb der Spitzenverdiener ihre Ersparnisse (und erhöhten ihre Verschuldung), um trotz geringerer (relativer) Einkommen den Rückgang ihres (relativen) Lebensstandards in Grenzen zu halten. Angesichts steigender Kosten für grundlegende Bedürfnisse wie Bildung oder das Wohnen in „guten Gegenden“ konnten viele US-Amerikaner notwendige Ausgaben über eine reduzierte Ersparnis und höhere Kredite finanzieren. Zusätzliche Anreize hierfür schafften die Deregulierung der Kreditmärkte und die politisch motivierte  Förderung von Wohnungsbaukrediten.