FinanzevolutionÜbersteht die Peer-2-Peer-Finanzierung die Corona-Krise?

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Schließt die Peer-2-Peer-Finanzierung erneut Lücken?

Die spannende Frage ist nun, ob die P2P-Finanzierung auch diesmal wieder Lücken schließen kann, die andere Finanzierungsformen reißen. Schaut man aber auf die Veränderungsdaten von P2P Market-Data, dann weisen von den Top 25 Fremd- und Eigenkapitalplattformen nur vier Plattformen in den vergangenen 90 Tagen ein Wachstum gegenüber den drei Monaten davor auf (Stichtag 30.4.). Und nur der US-Ableger von Funding Circle, Nummer 7 des weltweiten Rankings, ist um mehr als 25 Prozent gewachsen. Bei 13 Plattformen ist das Drei-Monatsvolumen um 25 Prozent und mehr geschrumpft.

Die digitalen Plattformen leben davon, dass private Anleger und institutionelle Investoren genügend Mittel bereitstellen. Hier räumte Daniel Bartsch, Mitgründer der deutschen Kreditplattform Creditshelf gegenüber dem Handelsblatt ein, dass sich manche Investoren wegen der Corona-Krise aktuell nicht an neue Anlagemöglichkeiten heranwagen. Auch profitieren die meisten alternativen Finanzierungsanbieter nicht von der Vermittlung staatlicher Förderprogramme, weil diese meist über traditionelle Geschäfts- und Filialbanken ausgezahlt werden. In Großbritannien konnte allerdings bislang nur Funding Circle am staatlichen „Coronavirus Business Interruption Loan Scheme“ (CBILS) teilnehmen.

Stunde der Wahrheit für die alternative Finanzierung

Die Corona-Krise wird damit nun zum großen Lackmustest für die alternativen Finanzierungsplattformen. Zwar haben auch in der Vergangenheit die Plattformen sehr viel Wert auf die Qualität der Finanzierungen der Finanzierungen gelegt. Das wird insbesondere daran deutlich, dass ein Großteil der gewünschten Finanzierungen von den Plattformen erst gar nicht erst zugelassen wird.

Die Qualität zeigt sich aber insbesondere daran, ob und in welchem Umfang professionelle Anleger aus den veröffentlichen Daten die Risiken zuverlässig bepreisen können. Gute Plattformen zeichnen sich nämlich nicht dadurch aus, dass keine Finanzierungen ausfallen. Viel wichtiger ist, dass die Qualität der zur Verfügung gestellten Daten über eine große Zahl von Investments eine möglichst genaue Einschätzung der Ausfallrisiken ermöglicht. Insbesondere professionelle Anleger erwarten, dass bei einer ausreichend großen Zahl von diversifizierten Finanzierungen, die nebst der Risikoprämien gezahlten Zinsen die Summe der ausgefallenen Gelder übersteigen.

Die Ermittlung risikoadjustierter Prämien für Finanzierungen, egal ob Eigenkapital oder Fremdkapital, ist zwar keine Raketenwissenschaft, aber eben auch nicht trivial. Es geht darum, anhand bereitgestellter Informationen die Wahrscheinlichkeit eines (Teil-)Ausfalls einer geleisteten Zahlung zu schätzen. Wie schwer das ist, hat die Finanzkrise ab 2007 gezeigt. Damals lagen viele Ratinggesellschaften falsch. Ihr einziger Job war es, auf der Basis möglichst vieler Informationen die Ausfallwahrscheinlichkeiten von Krediten und Anleihen zu ermitteln. Die fehlerhaften Einschätzungen führten dazu, dass die Finanzierungen nicht angemessen bepreist waren und viele Investoren, darunter auch viele Banken, aufgrund zu niedriger Risikoprämien hohe Verluste erlitten.

Dass die P2P-Finanzierung auch für Profianleger nicht trivial ist, zeigte insbesondere 2016 das Beispiel Lending Club. Das börsennotierte US-Unternehmen gehörte zu den Pionieren der P2P-Finanzierung von Krediten. Das Fintech-Unternehmen geriet in eine tiefe Krise, weil es Kreditpakete mit zu niedrigen Risikostufen „etikettiert“ hatten. Die Profianleger hatten auf eine Einzelanalyse der Kredite verzichtet und sich auf die Risikobewertung der Plattform verlassen.

Das Dilemma der aktuellen Krise ist, dass wir es hier nicht mit berechenbaren Risiken, sondern mit Ungewissheit zu tun haben, wie der Risikoforscher Gerd Gigerenzer dem Handelsblatt sagte. Risiken sind berechenbar, Ungewissheit ist es nicht. In Zeiten mit hoher Ungewissheit reagieren Investoren oft mit Zurückhaltung und fordern höhere Risikoprämien. Das gilt auch für die P2P-Finanzierung. Einige Plattformen haben daher auch ihre Aktivitäten reduziert, wie die britische Lending Works. Andere wie Zopa, habe die Finanzierung höherer Risikoklassen eingestellt.

Die P2P-Finanzierungsplattformen erleben also ihren ersten wirklichen Härtetest. Einerseits müssen sie zeigen, ob sie auch im ökonomischen Hurrikan weiter Finanzmittel vermitteln können. Andererseits stehen sie unter dem Druck, dass nicht zu viele ihrer früheren Finanzierungen notleidend werden. Denn das dürfte die Bereitschaft von Investoren über diesen Weg Privatpersonen und Unternehmen Mittel bereitzustellen, weiter senken bzw. die Risikoprämien deutlich erhöhen. Wir befinden uns derzeit mitten im Auge des Hurrikans. Wie es wirklich da draußen aussieht, werden wir erst wissen, wenn sich der Sturm aufgelöst hat. Und das kann noch dauern.

 


Dirk ElsnerDirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Hier finden Sie weitere Kolumnen aus der Reihe Finanzevolution