MittelstandWie eine Thüringer Firma in die Schlacht um Rasierklingen geriet

Seite: 3 von 3
Feintechnik-Geschäftsführer Michael Hirthammer und die Personal­chefin Maren Kroll
Feintechnik-Geschäftsführer Michael Hirthammer und die Personal­chefin Maren Kroll (Foto: M. Lenhard)

Längst wird in Konzernen Agilität gepredigt – aber lässt sich dieser Modebegriff auch auf einen produzierenden Betrieb anwenden? Die Harry’s-Leute glauben daran. Ihre Entwicklungsteams besetzen sie nun gemischt mit Ingenieuren und Materialwissenschaftlern aus Eisfeld und Design-Thinking- und Online-Experten aus New York. Sie nutzen das Kundenfeedback, das sie als Internetfirma einsammeln, und speisen es in den Innovationsprozess ein. Das kann vermeintlich profane Punkte betreffen: etwa ob es „klick“ macht, wenn man den Rasiererkopf auf die Halterung setzt, oder ob das Produkt besser im schlichten Pappkarton ausgeliefert wird statt im umständlich zu öffnenden Blister.

Hirthammer und Kroll ermutigen ihre Angestellten, auch an allen anderen Stellen im Unternehmen neu zu denken, ständig zu innovieren. „Wir haben Prozesse aufgebaut, damit Hunderte von Mitarbeitern jeden Tag darüber nachdenken, wie es besser laufen kann“, sagt Hirthammer, „egal ob Businessprozess, Bestellvorgang oder Produktionsschritt.“ Was das konkret bedeuten kann, zeigt der Fabrikleiter beim Rundgang durchs Werk. Drei Millionen Klingen werden in diesem riesigen Maschinenpark täglich gehärtet, geschliffen, versiegelt und veredelt. Das Material erreicht die Fabrik in aufgerollten Stahlbändern, die in einem der ersten Arbeitsschritte von einem mächtigen Automaten gestanzt werden. „Die Hubzahl der Stanze“, ruft Hirthammer stolz gegen den Lärm, „haben wir um 20 Prozent gesteigert.“ Ein Teamleiter hatte ihm eine Idee präsentiert, wie sich das Band schneller abrollen lässt. Innerhalb weniger Wochen wurde sie umgesetzt. „Ich coache die Leute mit dem Ziel, dass sie auf solche Lösungen kommen.“

Die Rasur bleibt der Kern

Am sichtbarsten ist der Kulturwandel im zweiten Stock des Verwaltungsgebäudes – dort, wo es so nach Start-up aussieht. Vor einem Jahr haben sie hier die Wände eingerissen, statt in Einzelbüros sitzen nun alle im Großraum, inklusive Geschäftsführer und Personalchefin. Ob es Widerstände gegeben habe? „Skepsis“, sagt Kroll. „Widerstand ist das falsche Wort.“ Dass die Mitarbeiter mitgehen, liegt sicher auch daran, dass es dem Unternehmen gut geht. Hinzu kommen neue Benefits wie Teamevents oder Mitarbeiteraktien.

Gleichzeitig beklagt die IG Metall, dass bei Harry’s kein Tarifvertrag gelte. „Sie bezahlen deutlich unter Tarif“, kritisiert Thomas Steinhäuser, erster Bevollmächtigter des Bezirks Suhl-Sonneberg. Gut möglich, dass sich das Start-up hier bald bewegen muss – der Fachkräftemangel ist eine der größten Herausforderungen für den Standort.

Gründer Andy Katz-Mayfield kommt alle paar Wochen selbst nach Eisfeld. Erreicht man ihn via Skype in New York, sind im Hintergrund Wolkenkratzer im Bau zu sehen. „Der Rasiermarkt war hungrig nach Innovationen, die Kunden wirklich wollten“, sagt er. „Wir haben den Markt durcheinandergebracht, auf eine gute Art und Weise.“ Tatsächlich sinken inzwischen auch bei den Marktführern die Preise. Was gleichzeitig den Druck auf Harry’s erhöht, sich weiter neu zu erfinden.

Die Gründer sehen ihr Start-up auf gutem Wege: 2018 dürfte das erste profitable Jahr gewesen sein, der Umsatz hat im Hauptmarkt USA die 250-Mio.-Dollar-Grenze geknackt. Von der ganz schlichten Strategie der Anfangstage ist Harry’s etwas abgerückt: Inzwischen wird nicht mehr nur online verkauft, sondern auch in großen Handelsketten wie Target. Man müsse „dort sein, wo die Kunden uns haben wollen“, sagt Katz-Mayfield. Zudem hat sein Unternehmen begonnen, das Produktportfolio zu erweitern: Harry’s verkauft nun auch Pflegecremes und Accessoires.

Was heißt das für die Rasierklingen, was bedeutet es für Eisfeld? Der Gründer beschwichtigt: „Wir werden immer im Rasurbereich verwurzelt sein, denn dort haben wir begonnen, das ist der Kern unseres Geschäfts.“ Das Werk in Deutschland sei für Harry’s „hochgradig strategisch“. Was auch heißt, dass New York und Eisfeld noch enger zusammenwachsen müssen. „Mit der Zeit wollen wir ein Unternehmen, eine Kultur schaffen“, sagt Katz-Mayfield.

Wie weit sie auf diesem Weg schon gekommen sind, zeigt sich für den Gründer an einem symbolischen Detail: „Wenn Sie vor drei, vier Jahren die Leute in Eisfeld gefragt haben, wo sie arbeiten, haben sie gesagt: bei Feintechnik. Heute sagen sie: bei Harry’s.“