MittelstandWie eine Thüringer Firma in die Schlacht um Rasierklingen geriet

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Volkseigene Klingen

Stars and Stripes auf dem Werksgelände in Südthüringen
Stars and Stripes auf dem Werksgelände in Südthüringen (Foto: M. Lenhard)

Aber es gibt da eine Ausnahme. Die Geschichte der Feintechnik GmbH beginnt kurz nach dem Ersten Weltkrieg, als Gründer Albin Ritzmann in Thüringen eine Produktion von Rasierklingen eröffnet. Bald stellt er auch Haarschneide- und Bleistiftspitzmaschinen her, seine Ritzma-Werke wachsen bis 1940 auf über 300 Mitarbeiter. Nach dem Krieg wird daraus der VEB Feintechnik Eisfeld – Ritzmann wird enteignet und stirbt 1947 in einem sowjetischen Internierungslager. Der VEB ist der einzige Rasierklingenhersteller der DDR und exportiert in die halbe Welt.

Nach der Wende verkauft die Treuhand das Werk für 150.000 D-Mark an einen Südtiroler Unternehmer, der es saniert und 2007 an zwei Private-Equity-Firmen weiterreicht. Die Feintechnik verdient ihr Geld vor allem mit dem sogenannten Private-Label-Geschäft, also als Zulieferer für die Eigenmarken von Lidl, Edeka oder DM. In Eisfeld beherrschen sie Modeerscheinungen wie den Fünf-Klingen-Rasierer, vor allem aber bekommen die Kunden hier konsistent gute Qualität. Zu verdanken ist es dem Know-how, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Die Ingenieure haben etwa den sogenannten Kathedralschliff perfektioniert, bei dem das Klingenprofil dem Spitzbogen eines gotischen Kirchenfensters gleicht – das bringt hohe Schnittkraft und Langlebigkeit zugleich.

Als Katz-Mayfield und Raider Ende 2011 in Eisfeld vorsprechen, gewinnen sie die Feintechnik zunächst als Lieferanten. Im Frühjahr 2013 geht Harry’s dann an den Markt, eine witzige, coole Marke, die auf sozialen Medien wirbt und schnell loyale Kunden gewinnt. Doch die Gründer treibt die Abhängigkeit von ihrem thüringischen Lieferanten um. Schließlich fassen sie einen Entschluss: Harry’s muss seine Produktion selbst kontrollieren, muss die Wertschöpfung von A bis Z integrieren, um wirklich auf Augenhöhe mit „Big Razor“ konkurrieren zu können.

Anfang 2014 nimmt das Unternehmen in einer Finanzierungsrunde 122,5 Mio. Dollar auf. Mit 100 Mio. Dollar davon werden die bisherigen Feintechnik-Eigner ausbezahlt. Das New Yorker Start-up besitzt jetzt eine Fabrik in Thüringen.

Es muss klick machen

Und nun? Als Erstes muss weiter Geld fließen. „Der komplette Betrieb war unterinvestiert“, erzählt Michael Hirthammer, der 2016 als Geschäftsführer nach Eisfeld geholt wurde. Ein zweistelliger Millionenbetrag ist seither jedes Jahr in den Betrieb gesteckt worden, der Maschinenpark wurde modernisiert, eine neue Werkshalle errichtet. Die Flächen für die nächste Erweiterung sind schon gesichert, die Belegschaft ist auf 580 Mitarbeiter gewachsen – damit sind es in Thüringen nun mehr als doppelt so viele wie in der Zentrale in New York.

Doch die eigentliche Herkulesaufgabe besteht in einer kulturellen Verwandlung. Dafür wurde neben Hirthammer als Personalchefin Maren Kroll vom Online-Modeversand Zalando geholt. „Ich wäre nicht gekommen, wenn es darum gegangen wäre, die Kultur komplett zu ersetzen“, sagt Kroll. „Es geht darum, das, was hier ist, zu behalten, aber auch Geschwindigkeit, eine neue Form der Denkweise reinzubringen.“ Hirthammer ergänzt: „Ein fast 100-jähriger Betrieb wird nie ein Start-up werden, das kann ich vergessen. Aber ich kann versuchen, im gleichen Takt zu denken, die Synergien aufzunehmen und mit einer ganz anderen Entscheidungsfreudigkeit und Risikobereitschaft zu arbeiten.“