DigitalisierungTrumpfs Job-Maschine

Mensch und Maschine: Zwei Trumpf-Mit­arbeiter legen in der Stanzwerkzeugproduktion in Gerlingen Hand an
Mensch und Maschine: Zwei Trumpf-Mit­arbeiter legen in der Stanzwerkzeugproduktion in Gerlingen Hand anSebastian Berger

Zwischen den Maschinen in der Stanzwerkzeugproduktion von Trumpf in Gerlingen bekommt man einen ziemlich beunruhigenden Eindruck von der Digitalisierung. Jens Mayer, ein junger Maschinenbediener, läuft zwischen Robotern hin und her, die die meiste Zeit allein vor sich hin arbeiten. Wo Mayer früher nur eine Maschine unter seiner Aufsicht hatte, stehen inzwischen vier. Vor allem die Vorbereitung der Produktion übernehmen in dieser „Smart Factory“ jetzt Computer.

Vor zehn Jahren sah das noch anders aus. Von der Kundenanfrage über die Konstruktionszeichnung bis zur Programmierung gab es damals fünf Arbeitsschritte, für die Menschen benötigt wurden. Heute, wo Kunden ihre Waren über einen E-Shop bestellen können, erledigt all diese Jobs eine Software. Arbeiteten in der Fabrik in Gerlingen vor ein paar Jahren noch um die 100 Mitarbeiter, so sind es nun nur noch 78.

Der Fall scheint also klar: Die Digitalisierung vernichtet bei Trumpf Jobs.

Das Problem ist nur: Es stimmt so nicht. Im Gegenteil: Die Belegschaft des schwäbischen Maschinenbauers ist in den vergangenen zehn Jahren insgesamt um 50 Prozent gewachsen. Fast 12.000 Menschen arbeiten heute für Trumpf, die Hälfte davon in Deutschland. Auch Mayers Vorgänger, der den Maschinenbediener angelernt hat, ist nach wie vor im Unternehmen. Was also geschieht hier wirklich?

Warnende Stimmen

Es ist eine der großen Fragen unserer Zeit. Fast monatlich werden Studien mit neuen Horrorzahlen veröffentlicht. Der Branchenverband Bitkom warnte Anfang Februar, in den kommenden fünf Jahren würden infolge des digitalen Wandels in Deutschland 3,4 Millionen Arbeitsplätze wegfallen. Die Bank ING-Diba kam schon 2015 auf eine Zahl von 18 Millionen Jobs, die „durch die Robotisierung“ bedroht seien. Der unvermeidliche Philosoph Richard David Precht orakelte im Januar 2017 gar, bis 2030 könne „etwa die Hälfte aller heutigen Arbeitsplätze in der westlichen Welt“ verschwinden.

Beschworen wird von vielen warnenden Stimmen eine Welt, in der Maschinen die Arbeit erledigen, einige wenige damit Geld verdienen und der Rest der Menschheit vor sich hin vegetiert. Gewissermaßen die Mutter all dieser Schreckensbilder ist eine Studie, die 2013 der Ökonom Carl Benedikt Frey und der Informatiker Michael Osborne für die Universität Oxford erstellten. Sie basiert auf einer Schätzung aller potenziell durch Computer ersetzbaren Berufe und kommt für die USA auf einen Wert von 47 Prozent.

Steigende Ansprüche

Doch obwohl die Digitalisierung inzwischen schon eine ganze Weile grassiert, ist das große Jobsterben in den Industrieländern bisher ausgeblieben. In Deutschland hatten 2017 mehr als 44 Millionen Menschen Arbeit. Es ist ein Rekordwert, der seit Jahren steigt und 2018 aller Voraussicht nach noch einmal übertroffen wird. Auch der Jobzuwachs in den USA übertrifft alle Erwartungen, weshalb die Notenbank mittlerweile sogar eine Überhitzung fürchtet. Selbst in Frankreich, wo der Arbeitsmarkt ein ewiges Sorgenkind ist, ist die Zahl der Joblosen seit drei Jahren rückläufig. Zudem sind die neu entstehenden Arbeitsplätze beileibe nicht nur Billigjobs. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen in Deutschland hat seit 2005 um fast 20 Prozent zugenommen.

Was also stimmt? Vernichtet die Digitalisierung Jobs oder nicht?

Hans-Jürgen Prokop
Hans-Jürgen Prokop (Foto: Sebastian Berger)

Wer beim Maschinenbauer Trumpf dieser Frage nachgeht, landet beim Geschäftsführer. Heinz-Jürgen Prokop, ein freundlicher, humorvoller Mensch, hat nichts von jenen kalten Rationalisierertypen, die im deutschen Fernsehen oft als Manager auftreten. Eine Krawatte hat er gerade nicht an, das Sakko streift er sich erst kurz vor dem Gespräch über. „Wenn wir Gerlingen nicht digitalisiert hätten“, sagt Prokop über die Stanzwerkzeugfabrik, in der Jens Mayer arbeitet, „dann gäbe es den Standort gar nicht mehr.“ Seine Begründung: Trumpf stellt Maschinen her, die Blechplatten sehr flexibel verarbeiten, also etwa einen Kühlergrill oder eine Computerrückwand daraus stanzen können. Die Industrie aber will immer mehr Varianten solcher Produkte haben, und das immer rascher. Deshalb müssen auch die Maschinen raffinierter werden – und die Stanzwerkzeuge, die in die Maschinen eingesetzt werden. „Wir müssen auf eine flexiblere Nachfrage reagieren, ohne dass die Kosten steigen“, sagt Prokop. „Das ist im Grunde der wichtigste Antrieb für die Digitalisierung.“

Lektion eins: Es geht also zunächst einmal gar nicht darum, menschliche Arbeit zu ersetzen. Wichtigstes Ziel ist es vielmehr, gestiegene Kundenansprüche zu bedienen, und dabei können Maschinen eine große Hilfe sein. In Gerlingen können heute 31 Millionen Varianten von Standardwerkzeugen produziert werden, und das sehr rasch: Was bis 14 Uhr bestellt ist, wird am selben Tag ausgeliefert. Menschen allein schaffen das nicht.

Wer Lektion zwei verstehen will, muss mit Katharina Dengler sprechen. Dengler arbeitet für das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, das zur Bundesagentur für Arbeit gehört. Mit ihrer Kollegin Britta Matthes hat sie eine jener Studien veröffentlicht, die von Digitalisierungsmahnern gern zitiert werden, um Panik zu schüren. Tatsächlich klingen ihre Erkenntnisse erst einmal ungemütlich. Als die beiden Forscherinnen 2013 die Arbeitsmarktlage in Deutschland untersuchten, kamen sie zu dem Ergebnis, dass 15 Prozent aller Beschäftigten in Berufen „mit hohem Substituierbarkeitspotenzial“ arbeiteten, also in Jobs, die leicht durch Computer zu ersetzen sind. Als Dengler und Matthes die Untersuchung kürzlich wiederholten, hatte sich der Wert auf 25 Prozent erhöht. Klingt alarmierend.

Fragt man Dengler aber, was das konkret für den Arbeitsmarkt bedeutet, dann ergibt sich ein anderes Bild. „Wenn menschliche Arbeit substituiert wird, steigt die Produktivität“, sagt die Forscherin. „Und das kann heißen, dass die Beschäftigung wächst.“ Als Beispiel verweist Dengler auf die Einführung des Fließbands in der Autoproduktion: Dank ihr konnten Autos billiger gebaut werden, weshalb mehr von ihnen verkauft wurden und in der Folge mehr Menschen Arbeit bekamen.

Der Wechsel in den Service

Die im Trumpf-Werk hergestellten Stanzwerkzeuge für Bleche werden mit einem Messgerät überprüft
Die im Trumpf-Werk hergestellten Stanzwerkzeuge für Bleche werden mit einem Messgerät überprüft

Auch bei Trumpf spielt der Produktivitätseffekt eine Rolle. Die Mitarbeiterzahl des Unternehmens ist seit einer Krise Ende der Nullerjahre deutlich gestiegen. Noch stärker aber ist im gleichen Zeitraum der Umsatz gewachsen. „Vielleicht gibt es zukünftig weniger Maschinenbediener, weil einer von ihnen mehrere Maschinen bedienen kann“, sagt Geschäftsführer Prokop. „Aber wenn wir andererseits mehr Aufträge hereinholen, dann brauchen wir auch wieder mehr Maschinen.“

Um aber die Kunden für neue Aufträge heranzuholen und sie zu betreuen, werden Menschen gebraucht. Der Vorgänger des Maschinenbedieners Jens Mayer, ein erfahrener Mann, steht heute nicht mehr in der Werkhalle, sondern besucht Kunden, um sie zu beraten. Seine Kollegen sprechen ehrfürchtig von dem „Druidenwissen“, das man brauche, um Abnehmer zu betreuen. Bei Trumpf gibt es ein eigenes Schulungsprogramm für solche Jobwechsel, es heißt „Fit for Service“.

Aber wird die Arbeit nicht trotzdem aussterben? Vielleicht nicht sofort, aber doch in einigen Jahren, wenn die Fabriken komplett mit neuen Maschinen und Computersystemen ausgerüstet sind? Anruf bei Raphael Menez, Experte für Digitalisierung in der IG-Metall-Bezirksleitung Baden-Württemberg. Menez ist viel in den Fabriken des Bundeslandes unterwegs, er sieht vor Ort, was passiert – und er sagt: „Ich kann das, was in vielen Studien berichtet wird, in der Realität der Betriebe nicht wiedererkennen.“

Sein Grundvorwurf: In der Regel sehen sich die Forscher an, welche heutigen Tätigkeiten durch Roboter oder Rechner ersetzt werden können. Das aber sage noch nichts darüber aus, ob der Arbeitsplatz tatsächlich gestrichen werde. Denn oft kommen im Job Kenntnisse hinzu, die von den offiziellen Berufsbildern noch gar nicht erfasst werden.

Neue Berufsbilder

Vor allem aber entstehen durch den digitalen Wandel ganz neue Berufe. „Natürlich werden einige Jobprofile in der Zahl abnehmen“, sagt Menez. „Es kommen aber neue Profile hinzu, etwa Data Scientists oder Experten für additive Fertigung.“ So sagte für den Autoproduzenten Daimler eine Studie voraus, dass sich wegen solcher Profilverschiebungen bis 2025 an der Zahl der benötigten Mitarbeiter gar nichts ändern wird.

Lektion drei: Mag sein, dass die Digitalisierung die Welt verändert. Aber auch Menschen ändern sich – und sie sind oft anpassungsfähiger, als es Ausbildungsprofile vermuten lassen.

Bei Trumpf bedeutet das in Zahlen, dass 2018 in der Unternehmenszentrale in Ditzingen mehr als 20 Studenten und Auszubildende im Bereich Informationstechnologie anfangen – doppelt so viele wie im Vorjahr. Dazu gehören Informatiker und Fachleute für Systemintegration. Bald wird der erste Ausbilder für vernetzte Industrie eingestellt.

Das Unternehmen hat aus dem technischen Wandel sogar ein neues Geschäftsmodell gemacht. In Karlsruhe, im Umfeld des renommierten Instituts für Technologie, sitzt der Trumpf-Ableger Axoom. Die IT-Firma hat eine Art Betriebssystem für vernetzte Fabriken entwickelt, das an andere Unternehmen vertrieben wird. Die Daten, die bei der Produktion anfallen, werden genutzt, um die Arbeit effizienter zu machen.

Mehr Daten, mehr Arbeit

Manchmal fällt bei solchen Analysen zum Beispiel erst auf, dass die am häufigsten benötigten Einzelteile am hintersten Ende der Werkhalle untergebracht sind. Und im Mercedes-Benz-Werk in Sindelfingen liest Axoom etwa die Daten von Laserschweißgeräten aus, um Störungen vorzubeugen.

Auch für solche Datenanalysen braucht die Trumpf-Tochter: Mitarbeiter. Etwa 500 Leute, heißt es im Konzern, arbeiten hier mittlerweile an digitalen Transformationsprojekten. Doch auch in der klassischen Produktion ändern sich die Berufsbilder rapide. Der Maschinenbediener Jens Mayer etwa begann vor zehn Jahren als Fachlagerist. Vier Jahre später ließ er sich zum Industrietechniker weiterbilden und beherrscht jetzt CNC-Systeme – eine Computersteuerung für Werkzeugmaschinen. Im Laufe seines Berufslebens wird der heute 26-Jährige mit Sicherheit noch weitere Fortbildungen mitmachen. An diese Aussicht hat er sich schon früh gewöhnt.

An einem Arbeitstisch im Werk Gerlingen prüft Mayer mit einem Messgerät ein Stanzwerkzeug, das gerade aus der Anlage gekommen ist. Die Maschine arbeitet präzise, aber kontrolliert werden müssen die Produkte trotzdem – zumindest eins pro Palette. Bringt die Arbeit mehr Stress mit sich, seitdem Mayer vier Maschinen statt einer überwachen muss? „Eigentlich ist es eher ein bisschen entspannter geworden“, antwortet er.

Entspannt – so kann sich Digitalisierung also auch anfühlen.