Trump-RedeDarth Vader war nicht in Davos

US-Präsident Donald Trump bei seiner Rede in Davos
US-Präsident Donald Trump bei seiner Rede in DavosGetty Images

Über die Woche hatte sich auf dem Weltwirtschaftsforum eine Energie aufgestaut, die sich nun unerwartet entladen hat: Was würde Donald Trump sagen?, fragten sich alle. Wie würde das „America First“ in den heiligen Hallen des World Economic Forums klingen? Manchmal wirkte es, als habe sich Darth Vader angekündigt, um auf einem Kongress der Jedi zu sprechen. Und alle wollten ihn sehen: Schon eine Stunde vor dem Auftritt in der großen Halle des Kongresszentrums drängten sich die Teilnehmer an die Türen wie zu einem Justin-Bieber-Konzert.

Eine bemerkenswerte Szene spielte sich bereits am Donnerstag ab, als der US-Präsident erstmals in das Kongresszentrum kam. Dazu muss man wissen: Dort bilden sich einige Male am Tag Menschentrauben, wenn etwa global-liberale Superstars wie Kanadas Premier Justin Trudeau oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron durch das weitläufige Gebäude samt Entourage gehen. Aber da hier so viele CEOs, Unternehmer, Politiker und andere Promis herumlaufen, die es gewohnt sind, selbst umringt zu werden, sind solche Menschenaufläufe eher selten. Ein afrikanischer Diktator kann hier recht unbehelligt mit seiner Delegation zu einem Meeting gehen. Aber auch Bill Gates oder Eric Schmidt.

Ruhig, besonnen, fast monoton

Als aber die Kunde von Trumps Erscheinen das Kongresszentrum erreichte, spielten sich tumultartige Szenen ab, ein noch nie da gewesenes Gedränge und iPhone-Recken sondergleichen. Als Trump dann kam, war es ganz still, kein Buh, aber auch kein Klatschen. Er wurde einfach nur angeschaut und fotografiert. Wie eine Erscheinung. Er kam, winkte – und ich dachte nur: Dafür, dass ihn doch fast alle hier gepflegt rund um die Uhr verachten, sind sie ganz schön fasziniert. Das ist der Darth-Vader-Effekt.

Trumps Rede war ruhig, besonnen, fast monoton, nahezu ohne Witze (nur einen über nervige Bürokraten). Geschickt hatte Klaus Schwab zum Eingang einen Schweizer Spielmannszug auf der Bühne spielen lassen, während er mit Trump hereinkam – so musste erst gar nicht spekuliert werden, wie die Begrüßung ausfiel, ob frostig, verhalten oder gar mit Pfiffen.

Der US-Präsident zählte seine Erfolge auf, die Steuerreform, die boomenden Börsen, die vielen Milliarden, die US-Konzerne wie Apple nun wieder nach Hause bringen. Als er von Tim Cooks Plänen das erste Mal hörte, berichtete er, habe er gedacht, es seien 350 Mio. Dollar – nicht Milliarden. Also: Alles geht aufwärts.

Amerika zuerst, aber nicht allein

Das „America First“ fiel, aber Trump hob sofort die Stimme an, um weiter zu sprechen: Er würde Amerika an erster Stelle setzen, so wie er von jedem Staatschef erwarten würde, dass er sein Land an erster Stelle setze. Was aber nicht heiße: Amerika allein. Und: Auch wenn für ihn Amerika Vorrang genieße, würden am Ende alle – die gesamte Weltwirtschaft – davon profitieren.

Diese Botschaft hatte die US-Delegation – die größte in Davos seit langem – über Tage auf vielen Foren verbreitet: Amerika zuerst, aber nicht allein – und das sei für alle besser, wenn es wieder fair im Handel zuginge.

Nicht immer drang diese Botschaft authentisch durch. Das konnte man am Tag zuvor auch bei anderen US-Ministern erleben, etwa bei Wilbur Ross. Manchmal hat man ja den Eindruck, der US-Handelsminister glaube, immer noch mit Preußen zu verhandeln. Nicht nur, weil der 80-Jährige seltsam aus der Zeit gefallen scheint. Ein Pressebriefing mit ihm und Finanzminister Steven Mnuchin gehörte zu den bizarrsten Veranstaltungen, die ich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erlebt habe.

Auf den ersten Blick eine normale Pressekonferenz, voller Raum, und dann kommen beide, eingerahmt von zwei Begleitern und Scaramucci-Verschnitten, halb Leibwächter,  halb Pressesprecher, die keine Miene verziehen und in kurzen knappen Kommandos die Spielregeln erläutern: ohne Kamera, keine Fotos, kurze Fragen, nur eine Frage, ansonsten „on the record“, kein Lächeln.

Es ist Handelskrieg

Steve Mnuchin legt los wie ein Sprechroboter, und verheddert sich doch in einem Dollar-Satz, der die Leitwährung auf Talfahrt schickt. Die Fragerunde erinnert an eine dieser White-House-Briefings in Netflix-Serien, mit hektischen Armen, kurzen Fragen und gepressten Antworten. Dann eine Frage zum Handelskrieg, und Ross sagt, Handelskriege gebe es dauernd, praktisch jeden Tag und schon eine Weile – nur dass die Amerikaner „jetzt die Festungen hochklettern“.

Es ist also Krieg. Aber, schränkt Mnuchin ein, dass müsse nicht nur zum Wohle Amerikas geschehen, und so präzisiert er die Formel „America First“: Amerika zuerst, aber das könne (oder werde) eine Win-Win-Situation sein – was den USA nutze, sei gut für die Welt. Es gibt ja die These, dass Amerika-zuerst gar nicht neu sei, und die USA sich schon immer an die erste Stelle gesetzt hätten. Nur kleiden sie das nicht mehr in wohlige Worte der Kooperation.

In China lebt die größte Mittelschicht

Interessant ist dabei auch eine andere Beobachtung: Seit geraumer Zeit schon wird das Weltwirtschaftsforum von den Amerikanern dominiert, klar, je größer der Anteil an der globalen Macht und Wertschöpfung desto größer die Aufmerksamkeit. Es war in einer kleinen Runde von Wirtschaftsnobelpreisträgern, in der in diesem Jahr daran erinnert wurde, dass die Welt nicht nur aus den USA bestehe – und das Narrativ der Abgehängten, der galoppierenden Ungleichheit und der zerbrochenen Mittelklasse für andere Gegenden auf dem Erdball nicht oder nur eingeschränkt gelte.

Auf einem andern Panel mit Mnuchin, auf dem auch IWF-Chefin Christine Lagarde, Blackrock-Chef Larry Fink und Deutsche-Bank-Aufsichtsrat Paul Achleitner saßen, war es eine junge Professorin der London School of Economics, Jin Keyu, die „das neue Paradigma“ ausrief:  Schließlich lebe die größte Mittelschicht der Welt inzwischen in China, und darauf sei die Welt nicht vorbereitet. Wenn China sich wirklich einmal öffne, würde das eine ganz neue Volatilität bringen. Das heißt: Man darf sich auf internationalen Foren nicht nur auf die abgehängte US-Mittelschicht stürzen – und darauf die globalen Wirtschaftsnarrative bauen. Sondern man muss die ganze Welt im Blick haben.

Amerika war präsent wie nie in Davos, aber es fühlte sich anders an – angespannt, kühl, manchmal bleiern. Man ahnte: Das „America First“ hat gerade erst begonnen.