KolumneTodeskuss für Unternehmenskultur

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Der vergangene Mittwoch war kein guter Tag für die deutsche Unternehmenskultur. In Hannover tagte die Hauptversammlung der Volkswagen AG und setzte sich mit den Stimmen der Mehrheitseigner mit beispielloser Bedenkenlosigkeit über alle Grundsätze guter Unternehmensführung hinweg. Und in Berlin präsentierte die Corporate-Governance-Kommission ihren neuen Vorsitzenden, den früheren Chef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG Rolf Nonnenmacher. Zwischen beiden Ereignissen gibt es einen inneren Zusammenhang, der vielen auf den ersten Blick vielleicht nicht ersichtlich ist.

Zuerst Hannover: Dort drückte die Familie Porsche/Piëch mit ihrer Stimmenmehrheit die Entlastung des VW-Vorstands durch – obwohl die Staatsanwaltschaft wegen des Dieselbetrugs gegen zwei Mitglieder ermittelt. Sie setzte sich damit nicht nur über die heftige Kritik aller Minderheitsaktionäre hinweg, sondern auch über jede juristische Vernunft. Die öffentliche Botschaft aus der riesigen Messehalle lautet: Wir scheren uns kein bisschen um die seit langem etablierten Regeln guter Unternehmensführung, sondern machen, was wir wollen. Die Öffentlichkeit ist uns völlig egal – und auch die Forderungen der angelsächsischen Fonds gehen an uns vorbei. Dieser Vorgang ist, zumindest in diesem Ausmaß, einmalig in der neueren deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Lasst uns gefälligst in Ruhe!

Dann Berlin: Die Corporate-Governance-Kommission trug seit ihrer Gründung 2001 viel dazu bei, Regeln für eine nachhaltige und an festen ethischen Prinzipien orientierte Unternehmensführung durchzusetzen Die allermeisten Dax-Konzerne halten sich auch an diese Vorgaben. Und sie sind durch ihre Befolgung zu besseren – und damit langfristig auch zu profitableren – Unternehmen geworden. Seit ein paar Jahren sinkt die Bedeutung der Kommission jedoch kontinuierlich – und neue Impulse kommen kaum noch aus ihren Reihen.

Die Wahl Nonnenmachers bringt die Entwicklung auf den personellen Punkt. Eigentlich sollte die Kommission von einem Aufsichtsratschef aus einem großen Konzern geführt werden, wie es lange Jahre auch der Fall war. Aber es findet sich niemand mehr aus der ersten Reihe, der den undankbaren Job machen möchte. Schon Nonnenmachers Vorgänger Manfred Gentz war eine denkbar schlechte Wahl. Nun kann man die Prognose wagen: Mit dem überaus blassen, politisch nicht profilierten und in der Führung eines großen Konzerns völlig unerfahrenen Nonnenmacher geht der Bedeutungsverlust der Kommission mit schnellem Tempo weiter.

Die Vorstände und Aufsichtsräte der großen Konzerne kümmert das aber nicht. Im Gegenteil: Sie sind das Thema Corporate Governance leid, weil es aus ihrer Mehrheitssicht nur zu einer weiteren Bürokratisierung ihrer Arbeit beigetragen hat. Die neue Parole heißt: Lasst uns gefälligst in Ruhe mit neuen Regeln, wir wissen besser, was gut ist für die Unternehmen. Diese Haltung ist allerdings mehr als kurzsichtig, sie ist dumm: Je weniger sich die Industrie freiwillig um das Thema Corporate Governance kümmert, umso mehr staatliche Eingriffe werden wir künftig erleben. Die unglückliche Frauenquote in den Aufsichtsräten ist das beste Beispiel dafür, was passiert, wenn sich die Wirtschaft selbst dem Wandel verweigert. Man sollte die Ereignisse von Hannover und Berlin deshalb unbedingt auf Wiedervorlage legen: In zwei, drei Jahren werden wir die Folgen erleben.

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