Corona-StrategieThomas Straubhaar: „Die öffentliche Meinung wird kippen“

Thomas Straubhaar
Thomas StraubhaarClaudia Höhne


Thomas Straubhaar ist Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg. Der 62-jährige Schweizer leitete neun Jahre lang das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Im Jahr 2019 veröffentlichte er das Buch „Die Stunde der Optimisten: So funktioniert die Wirtschaft der Zukunft“.


 

Capital: Sie haben einen Text veröffentlicht, in dem Sie sinngemäß schrieben: Wenn sich eh ein Großteil der Bevölkerung mit dem Coronavirus infizieren wird, dann sollten wir das bei den jungen, kaum gefährdeten Menschen rasch hinter uns bringen – und die isolieren, die als Risikogruppen gelten. Also vor allem ältere Leute. Um die wirtschaftliche Aktivität so schnell wie möglich wieder hochfahren zu können. Dafür haben Sie sehr viel Kritik einstecken müssen. Hat Sie das überrascht?

THOMAS STRAUBHAAR: Ich hatte in der Woche zuvor schon einen Beitrag geschrieben, in dem ich gefordert habe, Abwägungsprozesse nicht völlig außer Acht zu lassen. Da ging es mir um die sozioökonomischen Kosten einer Isolierungsstrategie für die gesamte Gesellschaft – wie die zu erwartende Arbeitslosigkeit oder den Ausfall von Selbsthilfegruppen oder Vereinsabenden. Da habe ich zu 95 Prozent Reaktionen bekommen, in denen man mich als zynischen, kaltherzigen Ökonomen dargestellt hat. Und das ist noch milde ausgedrückt. Ich habe dann argumentiert, ob es nicht klüger wäre, die zu isolieren, die besonders geschützt werden müssen. Und bei allen anderen, bei denen wir nach heutigem Wissensstand davon ausgehen können, dass ihr Leben durch das Virus nicht bedroht ist, lassen wir eine Infektion kontrolliert zu. Und zu meiner Verblüffung gab es für den Vorschlag schon viel mehr Zustimmung – vielleicht etwa zu 40 Prozent.

Denken Sie, dass sich da in der öffentlichen Wahrnehmung etwas ändert?

Absolut. Zumindest steigt das Bewusstsein, dass auch da eine scheinbar alternativlose Politik mit gewaltigen Risiken verbunden ist. Jetzt kommen ja auch noch Ausgangssperren auf uns zu. Deshalb müssen auch andere Szenarien wenigstens diskutiert werden. Mit jedem Tag Ausganggssperre wird die Akzeptanz hierfür in der Bevölkerung abnehmen. Dann steigen die Gesundheitskosten, weil die Menschen depressiv oder aggressiv und sowohl physisch als auch psychisch anfällig für Krankheiten werden.

Auch bei Ihrem Vorschlag würde ja ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung isoliert werden müssen.

Das ist völlig richtig. Deshalb bekomme ich ja auch Ärger, weil ich im Gegensatz zu einer Vollquarantäne für alle zwischen verschiedenen Teilen der Bevölkerung Unterschiede mache. Niemand möchte gern isoliert werden. Wenn ich da eine Gruppe hervorhebe, deren Isolation sich aufgrund ihres Alters makroökonomisch weniger auswirkt, dann mache ich mich damit bei der von Isolation betroffenen Gruppe natürlich nicht beliebt.

Die Kritik entzündet sich ja auch daran, dass Sie sich ein Stück weit in eine andere Disziplin hinein begeben. Sie sagen ja: Es gibt eine Bevölkerungsgruppe, für die das Virus relativ ungefährlich ist. Obwohl wir nicht mit Sicherheit wissen, ob das überhaupt stimmt.

Da würde ich vehement widersprechen. Ich habe mir nie angemaßt, ein medizinisches Urteil fällen zu können. Ich habe immer gesagt, dass ich mich auf den aktuellen Wissensstand der Virologen und Mediziner beziehe, die bisher davon ausgehen, dass die Folgen des Coronavirus für Ältere weit dramatischer sind als für Jüngere und dass Menschen mit Vorbelastungen durch andere Krankheiten besonders gefährdet sind. Ich sehe es allerdings als meine Pflicht als Ökonom, verschiedene medizinische Szenarien auf ihre kurz- und mittelfristigen Auswirkungen für Wirtschaft, Gesellschaft und damit auch für das Gesundheitssystem ingsgesamt hin zu untersuchen. Dabei geht es nicht um eine Kosten-Nutzen-Rechnung, sondern um die Frage, wie möglichst viele Menschen medizinisch am besten versorgt werden können.

Ihre Argumentation bezieht sich ja auch darauf, dass es vermutlich nicht ausreicht, einen Shutdown wie den jetzigen über vier oder fünf Wochen aufrecht zu erhalten. Wie lange lässt sich eine solche Situation denn überhaupt ökonomisch durchsetzen?

Das kann man gar nicht ernsthaft beantworten. Es hat ja keine vergleichbare Situation in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben. Es gibt also keine empirische Evidenz aus der Vergangenheit, auf deren Grundlage wir die Folgen unterschiedlicher Maßnahmen für die Zukunft wirklich beurteilen könnten. Und damit auch keine Blaupausen. Aber schon an der Frage zeigt sich, dass wir über verschiedene Szenarien nachdenken müssen. Und das hat nichts mit einer zynischen Ökonomik zu tun. Wenn man sich einmal auf den Weg des Lockdowns begeben hat, dann wird der Ausnahmezustand für längere Zeit zum neuen Normalfall. Und mit jedem Monat, in dem der Shutdown von öffentlichem Leben und Wirtschaft anhält, steigen die ökonomischen Kosten. Das schwächt dann eben auch die Kapazitäten im Gesundheitswesen.

Also eine Kettenreaktion?

Ja. Aus der Coronakrise würde dann eine wirtschaftliche Krise und daraus eine gesellschaftliche Krise. Angesichts dessen müssen wir dringend nach Alternativen suchen.

Die Bundesregierung versucht ja den Eindruck zu erwecken, dass sich alle absehbaren Probleme von Unternehmen und Privathaushalten mit einem fiskalischen Feuerwerk beheben lassen. Finanzminister Olaf Scholz sagt, die Ressourcen dafür seien da. Für wie realistisch halten Sie das?

Wenn wir von drei oder vier Wochen reden, dann ist das vielleicht sogar denkbar, auch wenn es mit großen Risiken verbunden ist. Und dann war es genau die richtige Strategie. Aber das Problem ist doch: Wenn wir die Aussagen des Robert-Koch-Instituts ernst nehmen, dann werden die Zahlen der Infizierten wieder nach oben gehen, sobald wir die Politik der Quarantäne und Ausgangssperren auch nur partiell lockern. Es ginge also wieder von vorne los. Die Regierung müsste also im Oktober oder November wieder auf die Bremse treten, und dazu gehört dann ungeheuer viel Mut.

Ist denn das, was die Bundesregierung bisher an ökonomischer Unterstützung angekündigt hat, aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Ja, absolut. Ich denke, viel mehr kann man gar nicht machen. Letztlich gibt die Bundesregierung ja das Versprechen, dass kein Arbeitsplatz durch das Virus verloren gehen soll. Der Finanzminister sagt, er werde in der einen oder anderen Form alle Verbindlichkeiten betroffener Firmen übernehmen. Indem zum Beispiel der Staatshaushalt für einen Monat die Lohnkosten von Unternehmen wie Fitnessstudios oder Eckkneipen bezahlt – entweder zinslos oder im Extremfall sogar ohne Rückzahlung. Das ist ein Versuch, der sich lohnen kann – wenn dann nach einem Monat der Rückstand beim Umsatz wieder aufgeholt werden kann. Das aber kann man bezweifeln. Niemand wird nach Aufhebung des Lockdowns doppelt so oft ins Fitnessstudio gehen.

Was ist das wahrscheinlichste Szenario für die kommenden Monate?

Irgendwann wird die Strategie geändert werden müssen. Eine Gesellschaft sollte und wird immer abwägen zwischen den kurzfristigen Effekten einer Isolierungsstrategie und den ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen, die daraus insgesamt entstehen. Jetzt gibt es noch bei zwei Dritteln der Bevölkerung Zustimmung zum Vorgehen der Bundesregierung. Wird an sozialen Isolationsstrategien und Ausgehsperren festgehalten, werden wir Ende April bei 50:50 sein. Und danach wird die Diskussion kippen.

 


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