ReportageTeilen und herrschen

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Karolina Schmidt und Christopher Cederskog
Lächeln und lobbyieren: Die deutschen Airbnb-Manager Karolina Schmidt und Christopher Cederskog wollen die Politik überzeugen

Airbnb rüstet sich

Airbnbs Deutschlandniederlassung hat in Berlin nahe dem Alexanderplatz eine schmucklose Fabriketage bezogen, alle Mitarbeiter teilen sich einen großen Raum, in dem sie an Laptops um ausladende Tische sitzen. Auch ein Public-Policy-Team gibt es hier. Karolina Schmidt ist für die wichtigen Märkte Deutschland, Österreich und Schweiz zuständig. Sehr viele Entscheider habe das Lobbying-Team zuletzt besucht, erzählt sie: Abgeordnete, Verbandsvertreter, Experten.

Denn die Stadt Berlin hat bereits im vergangenen Jahr auf die wachsende Zahl von Ferienwohnungen reagiert und das sogenannte „Zweckentfremdungsgesetz“ beschlossen. Es verbietet, reguläre Wohnungen einfach als Ferienimmobilien oder Büros zu vermieten. Das sei nicht im Sinne von Airbnb, sagt Karolina Schmidt. Im Moment beackert das Lobbying-Team deshalb die Berliner Bezirksämter: Das Gesetz bietet durchaus Spielraum bei der Auslegung einzelner Paragrafen.

Wohnblock in Berlin
In diesem Berliner Wohnblock werden hunderte Zimmer tageweise an Touristen vermietet

In die Gespräche geht Airbnb gut gerüstet, unter anderem mit selbst erstellten Studien. 100 Mio. Euro brächten die Gäste aus dem Internet pro Jahr etwa der Stadt Berlin, schreibt Airbnb darin. Man locke jüngere Besucher, die länger blieben und mehr Geld ausgeben als klassische Hotelgäste. Wenn ein Airbnb-Gast zum Beispiel in Neukölln – laut Airbnb „außerhalb der klassischen Touristenregionen“ – eine Currywurst und eine kleine Portion Pommes kauft, hat Airbnb nach eigenem Ermessen 3,50 Euro zur Hauptstadtwirtschaft beigetragen.

Nicht jeder mag in diesen Jubel einstimmen. Etwa der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, Reiner Wild. Naturgemäß steht er auf der anderen Seite des Gezerres um Wohnungen und Paragrafen. Auch er erhebt den Vorwurf, dass der Stadt durch die Ferienwohnungen Wohnraum entzogen würde. Auch er bekam Besuch von Airbnb. Bei den Treffen mit zwei Managern der Firma sei es „laut“ geworden, sagt er. Der Streit entzündete sich an einem Formular des Mietervereins, mit dem man illegal genutzte Wohnungen beim Bezirksamt melden kann. Denunziation sei das, habe Airbnb geklagt. „Die sehen ihr Geschäftsmodell in Gefahr“, sagt Wild, „aber ich sehe es nicht ein, warum Airbnb irgendwelche Sonderrechte erhalten sollte.“

Kunstrasen

Dabei ist die klassische Lobbyarbeit nicht einmal der längste Hebel, den die Start-ups ansetzen können, um ihre Ziele zu verfolgen. Am wichtigsten sind – ihre Nutzer.

Als zum Beispiel Uber begann, seinen Fahrdienst in Washington anzubieten, hatte die Firma die Öffentlichkeit schnell auf ihrer Seite – der Service in Washingtons Taxis gilt nicht als übermäßig gut. Die begeisterten Nutzer bedankten sich, indem sie Petitionen im Internet unterschrieben oder sich gleich in Stadtratssitzungen für die Firma starkmachten. Als Washingtons Taxifahrer Mitte Juni wie in vielen anderen Städten hupend demonstrierten und den Verkehr lahmlegten, war das ein PR-Punkt für Uber. Via Twitter prasselte ein Sturm der Entrüstung auf die Taxi-Branche herein: „DC Taxis protestieren gegen Uber. Wie wäre es damit, den eigenen Service zu verbessern, statt zu jammern?“, schrieb ein User.

Natalie Foster weiß, wie man Menschen aktiviert: Sie war eine Weile dafür verantwortlich, Barack Obamas Auftritt in der digitalen Welt zu managen, davor leitete sie politische Kampagnen. Heute ist sie Chefin einer „Mitglieder-getriebenen Organisation“, die „die Sharing-Economy-Bewegung unterstützt“ – so zumindest verkauft sich ihr Verein. Der Name: Peers. Peers hat weit über 200 000 Mitglieder, die sich über die Website peers.org und deren Twitter- und Facebook-Seiten vernetzen. Es sind Freiwillige, die sich für die Belange von Airbnb, Uber und Co. in den Kampf mit lokalen Behörden stürzen, Unterschriften sammeln und auf die Straße gehen.

Die Organisation gibt es erst ein gutes Jahr, sie ist schnell gewachsen und äußerst professionell. Was auch daran liegen könnte, dass Peers von einer auf Kampagnen spezialisierten Beratungsfirma geschaffen wurde. Der Auftrag dazu kam – von Airbnb. Einer der Gründer von Peers ist Community-Manager bei der Zimmervermittlung.

Der Auftritt von Peers wirkt wie der Auftritt einer Graswurzel-Bewegung – also einer Bewegung von „ganz unten“, aus breiten Schichten der Bevölkerung. Tatsächlich aber ist es nur bedingt eine. „Astroturfing“ nennt man in den USA diese Form der Öffentlichkeitsarbeit – nach dem Kunstrasen Astroturf. Es wird der Eindruck erweckt, dass sich Bürger von allein zu einer Graswurzelbewegung zusammenschließen – die tatsächlichen Geldgeber und Strippenzieher aber bleiben im Hintergrund.

Die Begeisterung ihrer Nutzer ist eine Ressource, die die Sharing-Economy-Firmen gern einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Es bleibt ja auch weiter eine schöne Idee: teilen statt besitzen, die Ökonomie einer besseren Welt. Es gibt viele Fans der Sharing Economy, die sich dafür begeistern – und nebenbei gerne noch mit Fahren oder Vermieten ein wenig Geld verdienen.

Ende April rief David Owen, regionaler Public-Policy-Chef von Airbnb in San Francisco, Nutzer zu einer Demonstration vor dem Rathaus in San Francisco auf – sie sollten sich dort für Airbnb starkmachen. In seinem Aufruf klang er ein wenig, als würde er für den Weltfrieden trommeln.

Ein Marktkenner sagt dazu sarkastisch: „Das ist wie bei militärischen Auslandseinsätzen. Da sollte man auch nicht immer glauben, dass es um Menschenrechte geht – sondern eher um Bodenschätze.“

Fotos: © Getty Images; Daniel Hofer; Valerie Schmidt

Bei dem Text handelt es sich um eine aktualisierte Fassung einer Reportage, die zuerst in Capital 8/2014 erschienen ist. 

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