LesestoffAlles auf Zucker

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Ein Schild zur Arbeitssicherheit in der Zuckerfabrik Rain.
Ein Schild zur Arbeitssicherheit in der Zuckerfabrik Rain.
© Basti Arlt

Das fing mal anders an. Als die Süddeutsche Zucker AG 1926 gegründet wurde, ging’s noch um Handarbeit. Groß war die AG trotzdem schon. Zusammenschluss aus fünf Fabriken. In der Weimarer Republik dominierte ein italienischer Investor die AG, nach dem Krieg war die Deutsche Bank Großaktionär, Hermann Josef Abs war von 1951 bis 1968 Vorsitzender des Aufsichtsrats. Die Fabrik hier in Ochsenfurt wurde 1956 gebaut – und sie ist übrigens der Grund, warum die Bauern bei Südzucker heute so eine Macht haben.

Also. Die Süddeutsche Zucker AG wollte nach dem Krieg diese Fabrik, und für den Bau wollte sie Geld aus dem Marshallplan. Das gab es aber nur unter der Bedingung, dass die Rübenbauer Gesellschafter der Fabrik würden. Die Süddeutsche Zucker wollte eigentlich allein bauen. Und wenn das nicht ging, dann wenigstens die Mehrheit. Intrigen, ein tobender Staatssekretär, Poker. Die Fabrik hieß schließlich Zuckerfabrik Franken GmbH, die Bauern bekamen 51 Prozent.

Zellers Vater, heute 82 Jahre alt, war dabei. 1950, als die Genossen sich vorbereiteten, gab jeder ein Darlehen für den Bau an die dafür gegründete SZVG. Die Zellers zum Beispiel 150 Mark. Wer kein Geld hatte, konnte mit Rüben bezahlen. Auf das Investment von 1950 wurden 2013 29,4 Prozent Zinsen bezahlt. 2014: 16,3 Prozent. Die Landwirte suchten damals aber gar nicht nach Geldanlagen. „Sie wollten Rüben verkaufen“, sagt Zeller. Mit den Darlehen sind Lieferrechte verbunden. „Mein Vater kaufte Einlagen als Wunschmenge für den Hof: Ich kann so und so viel Rüben produzieren, also kaufe ich entsprechende Anteile.“

Die SZVG behielt seit ihrer Gründung jedes Jahr einen kleinen Anteil vom Rübengeld der Bauern ein und füllte damit eine Kriegskasse. Von dem Geld kauften sie Anteile an der Süddeutschen Zucker AG. 1988, nach Jahren des Widerstands vom Kartellamt, kam die Fusion von Frankenzucker und Süddeutscher Zucker AG. Wilde Zeiten folgten, Internationalisierung, Diversifizierung: Immer wenn Südzucker Kapitalerhöhungen durchzog, finanzierten die süddeutschen Rübenbauern locker mit, denn die Abzüge vom Rübengeld flossen ja weiter an die SZVG. Es dauerte nicht lang, und die SZVG übernahm die Mehrheit. Südzucker stieg in Belgien groß ein. In Frankreich. Österreich. Ostdeutschland. Osteuropa. Diversifizierte. Baute vor 25 Jahren Offenau, die modernste aller Zuckerfabriken. Würde heute niemand mehr wagen. Zu viel Risiko.

B2B, Tiefkühlpizza-Bäcker, Portionsverpacker

Soziologischer Hintergrund übrigens: Je billiger der Zucker, desto höher der Entwicklungsstand eines Landes. Soziologen sehen Zuckerpreise als Indikator für den Zustand der Gesellschaft: Je höher entwickelt ein Land, desto weniger Zucker verbrauchen Konsumenten direkt. Stattdessen landet er in Softdrinks, Süßigkeiten, Eis. In Backfabriken und Großmolkereien. In Penizillin-, Hefe- und Waschmittelfirmen, die ihre Bakterienkulturen füttern müssen. 33 Kilo Zucker pro Kopf verbrauchen Europäer im Jahr, wobei gilt: je weiter nördlich ein Land, desto mehr Zucker. Ein Statistik-Chinese kommt auf drei Kilo Zucker im Jahr. Da geht noch was.

Zucker im Supermarkt? Kleinkram. Alle, mit denen ich spreche, checken mich ab. Was kostet ein Kilo Zucker in meinem Supermarkt? Wusste ich nicht. „Sehen Sie, Zucker an sich spielt keine Rolle mehr.“ Manchmal kostet ein Kilo 65 Cent, selten mehr als 90 Cent. Südzucker nennt Kunden zwar nicht, aber Südzucker verdient woanders: mit Haribo, Nestlé, Coca-Cola, Unilever, Dr. Oetker, Henkel, Procter and Gamble, Mars. Es geht nur um B2B.

Südzucker ist außerdem Europas größter Tiefkühlpizza-Bäcker; größer als Wagner oder Dr. Oetker, bloß ohne eigene Marke. Südzucker ist größter Portionsverpacker Europas; ob Zucker, Kekse, Marmelade, Feuchttücher oder Kondensmilch, die kleinen Portionen werden von einer Südzucker-Tochter verpackt. Südzucker ist größter Lieferant von Fruchtmischungen; rührt man den Boden eines Joghurtbechers hoch oder knickt etwas hinein, bewegt man das Produkt einer Südzucker-Tochter. Apfelsaftkonzentrat machen sie auch, selbst in China. Ricola-Bonbons bestehen zu 90 Prozent aus Isomalt, einem Südzucker-Produkt. Das könnte eine Weile so weitergehen. 18.500 Mitarbeiter hat Südzucker. Und die 17.000 Rübenbauern, die den Laden kontrollieren.

Paletten mit Gelierzucker im Werk Rain. Doch Zucker für den Handel ist nicht das Hauptgeschäft.
Paletten mit Gelierzucker im Werk Rain. Doch Zucker für den Handel ist nicht das Hauptgeschäft.
© Basti Arlt

Bauern und Südzucker: Eine „Schicksalsgemeinschaft“

Zurück ins Büro von Fred Zeller in Ochsenfurt. Wie wird das alles weitergehen? Wird der Weltkonzern mit niedrigen Zuckerpreisen die Konkurrenz ausstechen oder doch lieber hohe Rübenpreise zahlen? Schnell Geld für die Landwirte oder auf Dauer Südzucker starkmachen? Zeller schaut durch das große Fenster auf die Fabrik und klingt bedeutungsschwer: „Landwirte denken schon immer langfristig.“

Was Zellers Rübenbauer-Wir aber sonst über den Rübenpreis der Zukunft sagt, klingt eher bedrohlich für Südzucker: „Es ist eine wechselseitige Abhängigkeit. Wenn sie Rübenpreise reduzieren, liefern Landwirte nicht mehr. Wenn wir ein Jahr keine Rüben liefern, wäre Südzucker sofort zu. Wir könnten ja auch Raps, Mais, was weiß ich was säen.“ Wenn der Preis wegen des freien Marktes falle, würden einzelne Fabriken schließen müssen. „Die kriegen dann keine Rüben mehr. Wir müssen gucken, dass wir durchhalten.“

Über die Bauern und Südzucker sagt er: „Schicksalsgemeinschaft.“ Aber er hat auch ein Beispiel dafür, dass Südzucker am Ende doch lieber tut, was die Bauern wollen.

Vor ein paar Jahren zwangen die Landwirte die AG dazu, in Ethanol zu machen. Als zusätzliches Standbein und um den Rübenmarkt zu entlasten – weil so noch mehr Rüben abgenommen werden konnten. Die Idee war: Öl ist teuer und wird noch teurer werden, da hat alternativer Brennstoff Zukunft. Mit Fördermitteln wurde in Sachsen-Anhalt eine Anlage zur Herstellung von Bio-Ethanol hochgezogen, 2005 war Eröffnung. Einer von Südzucker, erzählt Zeller, habe ihn damals an der Krawatte gepackt und gesagt: „Wenn der Ölpreis je unter 100 Dollar fällt, sind Sie schuld, dass wir das Ding haben.“ Als ich mit Zeller in seinem Büro sitze, dümpelt Öl gerade bei 50 Dollar. Konnte keiner ahnen.

Haben die Landwirte zu viel Einfluss? Tja.

Die Macht der Rübe. Ich hatte sie auch früher schon gesehen. Im Sommer, bei der Hauptversammlung von Südzucker. Es war Juli, es war im Mannheimer Rosengarten, ich sah Kleinaktionäre weinen. Ältere Ehepaare, Aktionäre seit den 70ern, die sich entsetzt anschauten, weil ihnen klar war, dass es egal ist, was sie auf den Abstimmzetteln ankreuzen. Die Rübenbauern sind die Macht. Fertig.

Der operative Gewinn nämlich hatte sich im letzten Geschäftsjahr fast halbiert. Ja, der niedrige Zuckerpreis. Aber auch 200 Mio. Euro Bußgeld, die das Kartellamt wegen Preisabsprachen gegen Südzucker verhängt hatte. Dazu musste die AG Rücklagen bilden für drohende Strafen vor Zivilgerichten. Eigentlich ein Grund, den Vorstand zu grillen.

Auf der Bühne aber sagte der Vorstandsvorsitzende der Südzucker AG, Wolfgang Heer, ganz lässig, dazu sage er nichts. Die Macht der Rübe steht hinter ihm. Ein Aktionär fragte auf dem Podium jämmerlich: „Sind die Landwirte ein Problem, weil sie zu viel Einfluss haben?“ Tja.

Ich fahre zu Hans-Jörg Gebhard, der im Sommer die Aktionärsversammlung leitete. Fred Zeller hat mir den Termin im Herzen der Macht besorgt. In Eppingen. Daheim. Über dem Sandsteintorbogen, durch den ich muss, steht „Heinrich Gebhard, 1851“. Reinhard Keller, der aus dem Lkw, wohnt auf der anderen Straßenseite.

„Ins Blaue baue ich keine Rüben an.“

Von außen sieht die Anlage unscheinbar aus. War mir nie aufgefallen. Drinnen ein Hof, sanierte Häuser, Hazienda-Touch. Hans-Jörg Gebhard trägt ein kurzärmeliges Hemd, einen Grunge-Bart, eine bullige Uhr. Mehrere Leute hatten mir erzählt, er sei „durchsetzungsstark“.

Gebhard ist Aufsichtsratsvorsitzender der Südzucker AG. Seit 15 Jahren. Außerdem ist er Vorstand des Verbands Süddeutscher Zuckerrübenanbauer, VSZ, der Schwesterorganisation der SVZG. Jeder Rübenbauer ist Mitglied in beiden Verbänden. Die SVZG kümmert sich eher ums Geld, etwa die Verteilung der Südzucker-Dividende. Beim VSZ geht es mehr um die Rüben. Welche wird dieses Jahr gepflanzt? Solche Fragen. Da ist Gebhard seit 20 Jahren der Chef. Außerdem Landwirt, 180 Hektar, auf 50 Rüben. Vor Kurzem feierte er 60. Geburtstag. Bericht in der Lokalzeitung. Wirkt jünger. Strahlt Autorität aus.

Ein Konferenztisch mit Butterbrezeln. Ich grüße ihn von Hans-Jürgen, seinem Lehrer in der vierten Klasse. Freund meiner Eltern, gestern hatte ich den besucht. Es geht nett los, aber das Gespräch wird schnell ein Geschiebe. Ich will wissen, wie es mit den Rübenpreisen weitergeht, er versucht zu lenken. Baut Zeitdruck auf. Drängt zu Allgemeinem: „Wir Landwirte sind Getriebene eines gnadenlosen Systems. Überall Discounterpreise, das geht nur, weil wir so effizient arbeiten und so wenig kriegen.“ – „Dieses Geschäftsmodell, schneller, höher, größer, weiter, das ist doch nichts.“ – „Es liegen schwierige Jahre vor uns. Entweder kommen wir aus dem Tal raus, oder diese Industrie geht kaputt.“ – „Größe ist das Entscheidende. Wir müssen so viel Menge haben, dass wir nicht austauschbar sind.“

Er wirkt entspannter bei den Themen Effizienz, Organisation, Technik. Stolz, wenn er sagt: „Wir haben die höchsten Zuckererträge pro Hektar.“ Und wenn er „wir“ sagt, meint er eindeutig die Rübenbauern, nicht wie Zeller vielleicht auch Südzucker. Er sagt: „Ins Blaue baue ich keine Rüben an.“ Also: ohne zu wissen, wie viel die Rübe denn am Ende bringt. Der Satz setzt auf wie eine Bowlingkugel, rollt drohend, und eines Tages wird er vielleicht mal die Dividende abräumen.