LesestoffAlles auf Zucker

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Das Werk in Rain ist eine von 29 Zuckerfabriken des Südzucker-Konzerns.
Das Werk in Rain ist eine von 29 Zuckerfabriken des Südzucker-Konzerns.
© Basti Arlt

Weiter durch die Nacht. Im Lkw zur Fabrik. Ich fahre mit Reinhard Keller. Wir kennen uns aus der Grundschule. Unterwegs grüßt er Rübenlaster, die entgegenkommen, erzählt, was Rainer, Volker und Jürgen heute machen. So Zeug. Wer wen geheiratet hat. Wer von wem wie viel pachtet. In Offenau vor der Fabrik sind sechs Laster vor uns. Reinhard sagt: „Stau.“

Neun Minuten später steht unser Laster auf der Waage. Das Display der Waage zeigt die Daten vom Transponder aus dem Lastwagen an. Weiter. Innerhalb von zwei Minuten spritzt ein Wasserstrahl alle Rüben vom Laster. Von oben schauen durch eine große Glasscheibe zwei Männer zu. Weiter. Laster auf die Ausgangswaage. Daten aufs Display. Weiter. Was machen die beiden da oben? Die, erklärt Reinhard, schätzen, wie viel Erde dabei ist. „Gibt Abzug.“

So wird das jetzt ununterbrochen gehen, drei Monate lang, mindestens. Läuft eine Zuckerfabrik erst mal, darf sie nicht mehr stoppen. Sie muss 24 Stunden am Tag gleichmäßig laufen, sieben Tage die Woche. Pausen wegen fehlenden Nachschubs, technischer Probleme oder Energiemangel würden ein klebrig-festes, sechsstöckiges Bonbon in der Landschaft produzieren. Eine Zuckerfabrik, die eine halbe Milliarde Euro kostet, wäre Karamell.

Ist meines Wissens nie passiert. Hätte davon auf dem Schulhof gehört. Aber die Gefahr führt dazu, dass die Zuckerindustrie ihre Abläufe perfektioniert hat. Während der Kampagne werden die Fabriken non-stop gefüttert, und die Bauern verdienen längst an der ganzen Logistik drumherum mit. Sie haben Transportgemeinschaften gegründet, so wie Walter Krebs und Reinhard Keller und die anderen, die draußen gerade auf dem Acker stehen. Sie investieren in Lademaschinen und Riesenaufleger, bringen ihre Rüben direkt zur Fabrik, damit sie läuft und läuft und läuft. Ununterbrochen von Ende September bis Dezember, inzwischen sogar bis Januar.

56 Prozent der Südzucker-Aktien sichern 17.000 Rübenbauern die Macht im Konzern

Bei den Schätzern hinter der Glasscheibe. Jürgen Nerger ist Südzucker-angestellt. Der andere, Josef Martin, vom Verband baden-württembergischer Zuckerrübenanbauer. Beide also mit unterschiedlichen Interessen. Für jeden Laster, und in 24 Stunden kommen bis zu 700, haben sie zwei Minuten, um drei Zahlen festzulegen. Wie viel Erdanhang haben die Rüben, wie viel lose Erde die Ladung, wie viel Rübenköpfe? Nerger steuert den Wasserstrahl, der alles vom Laster spritzt, und schaut auf den Bildschirm. Kommentiert Zahlen, die Martin gegenüber eintippt. „Drei? Gut.“ Es geht um Prozente. „Keine Zeit, uns zu streiten“, sagt Martin.

Nebenan das Labor. Aus jeder Ladung zieht wer Rüben, bevor die vom Laster gespritzt werden. Häckselt sie zu Matsch. Eine Probe kommt in ein Döschen, Barcode drauf, Tiefkühlschrank. Einmal die Woche wird alles ins Zentrallabor gefahren. Dort der Zuckergehalt bestimmt. Der Bauer bekommt die Info aufs Laptop. Plus SMS. Jetzt weiß er genau, wie viel er verdient hat. Am 12. Dezember kommt die Überweisung.

Ich fahre nach Ochsenfurt, bei Würzburg. Auch da eine Südzuckerfabrik, vielleicht die wichtigste. Rübenwaschanlage, Rübentransportbänder, riesige Kessel, in denen Rübenschnitzel verarbeitet werden. Gegenüber hat Fred Zeller sein Büro. Er ist Geschäftsführer der Süddeutschen Zuckerrübenverwertungsgenossenschaft, SZVG. 17.000 Rübenbauern sind in dem Verband zusammengeschlossen, und gemeinsam gehören ihnen jene 56 Prozent der Südzucker-Aktien, die ihnen die Macht im Konzern sichern. Sie haben außerdem einen Deal mit einer österreichischen Raiffeisen-Gesellschaft, der noch mal zehn Prozent gehören. Der Vertrag besagt: SZVG und Österreich, 66 Prozent der Anteile, stimmen immer identisch ab. Nichts geht bei Südzucker ohne sie. Sagt Zeller „wir“, muss ich aufpassen: Manchmal meint er die Rübengenossen, manchmal Südzucker.

Rübenbauer-Wir stärker als Südzucker-Wir

Verbandschef Fred Zeller (l.) mit dem Chef einer Rübenverladeeinheit auf den Äckern im Kraichgau.
Verbandschef Fred Zeller (l.) mit dem Chef einer Rübenverladeeinheit auf den Äckern im Kraichgau.
© Basti Arlt

Zeller trägt hellgrauen Anzug, rote Krawatte, weißes Hemd, trinkt Kaffee schwarz, wirkt souverän und offen. Ist groß, schlank, grauhaarig, hat Humor. Er schaue jeden Morgen den Südzucker-Aktienkurs an. „30 Euro, da hab ich mich gewundert. Das war die Südzucker nie wert. Jetzt bei 14 Euro …“ Er will andeuten: Chance! Jetzt einsteigen!

Seine zwei Wirs, dieser schizophrene Wechsel hin und her, sind für mich ein Problem. Zuerst denke ich, für ihn auch. Am Ende ist klar, sein Rübenbauern-Wir ist stärker als das Südzucker-Wir. Er ist ja selbst erst mal Rübenbauer. Na ja, „Nebenerwerbslandwirt, 20 Hektar“. Nette Anekdote: Wie er am Nachmittag nach dem Deutsch-Abi aufs Feld ging, „vereinzeln“. Die anderen fuhren nach Italien. „War damals noch eine Sensation.“ Vereinzeln muss man Rüben heute nicht mehr. Doch früher gingen die Bauern mit Hacken aufs Feld, entfernten Keime, um Platz für andere Rüben zu schaffen. Rüben sind „zweijährige Pflanzen, im ersten Jahr bilden sich Wurzeln, im zweiten die Samen. Die sind ein Knäuel, den man früher einpflanzte.“ Früher.

Heute gibt es Samen als bunte Pillen. Südzucker schreibt vor, ob man eine Hannibal sät, eine Kleist, eine Lessing, eine BTS 440 oder eine andere Rübe. Das ist Vertragsanbau, es geht darum, so Zeller, „dass die Rüben gut durch die Fabrik laufen“. Man setzt sie im Abstand von 15 Zentimetern. Man kann heute alles mit der Maschine erledigen. Meldet digital, wo man gesät hat. Der Boden geht vorher als Probe ins Labor: Nährstoffe, Humus, Schädlinge. Der Bauer gibt den Kollegen am gemeinsamen Rübenroder per Rechner genau vor, wo sie die Ernte für die Transportgemeinschaft ablegen müssen. Die kriegt die GPS-Daten auf die Displays. Alles berechnet. Man ist Teil der Maschine. Weshalb der Ertrag von Rekordernte zu Rekordernte wächst. Heute ist jede Rübe, jede, in einer Datenbank registriert, bevor sie geerntet wird. Es gibt Maschinen, die Rüben, bevor sie geköpft werden, mit Infrarot abtasten. Es geht um Millimeter. Für schlecht geköpfte Rüben zieht Südzucker Prozente ab.