LesestoffAlles auf Zucker

© Basti Arlt

Ich bin inmitten eines Weltkonzerns aufgewachsen. In Eppingen im Kraichgau, Nabel des globalen Zuckerrübenanbaus. Der Boden dort: lehmig braune Lösserde. Das Wetter: Sonne, aber nicht zu viel; Regen, aber auch nicht zu viel. Rüben wollen es nicht zu warm und nicht zu nass.

Jugenderinnerungen: Im Morgennebel ziehen Traktoren überladene Anhänger durch die Hügellandschaft. Ich mit dem Mofa dazwischen. Habe mal vier Anhänger an einem Traktor gesehen. Wenn es schneite, war alles weiß, bis auf die Hügel gerodeter Zuckerrüben. Vermummte Gestalten. Atemwolken. Wie ein Breughel-Gemälde. Kam ich nach einer Stunde wieder vorbei, war kein Mensch mehr da. Keine Rübe. Alles matsch-braun. An Rübengeruch kann ich mich nicht erinnern. Nur an den der Erde.

Die Rübenladungen gingen nach Waghäusel. Zur Zuckerfabrik. Gehörte zum größten Zuckerproduzenten der Welt: der Südzucker AG. 7 Mrd. Euro Umsatz zuletzt, gelistet im M-Dax. Von der Zentrale in Mannheim reicht das Zuckerimperium bis nach Chile, USA, Osteuropa. Ein Weltkonzern, dessen Wurzeln tief im Kraichgauer Boden stecken. Die Mehrheit an der Südzucker AG halten die Rübenbauern in der Region. Und jeder, der hier aufwächst, ist über zwei Ecken Teilhaber des Imperiums. Ich besitze, klar, Aktien der Südzucker AG.

Für die Rübenbauern ist das alles ein Selbstbedienungsladen. Sie bauen an, liefern die Rüben zu den Fabriken der Südzucker AG und verdienen. Dann verwandeln die Fabriken die Rüben in Zucker, verkaufen ihn, als Hauptaktionäre der Südzucker verdienen die Bauern noch mal. Die EU garantiert ihnen einen Mindestpreis für die Rübe. Die EU sperrt mit Zollschranken und Importverboten ausländische Konkurrenz aus. Die EU gibt eine Zuckerquote von 13,5 Millionen Tonnen pro Jahr vor, und hält die Zuckerpreise hoch. Mit der EU-Zuckermarktordnung hat Europa eine dicke Mauer um das Paradies der Rübenbauern gezogen.

Bloß. Der Zaun steht nur noch bis September 2017. Die Zuckermarktordnung gilt zwar noch, ist aber jetzt schon Geschichte. Die Preise werden sich dann mit der Konkurrenz aus aller Welt messen müssen. Und die Frage ist: Was passiert dann im Kraichgau?

Im Interesse von Südzucker müssten die Bauern sich selbst niedrige Rübenpreise diktieren

Vielleicht dies: Südzucker fegt alle Konkurrenten vom Markt. Allein wegen der 29 Südzucker-Fabriken, deren Skaleneffekte, der Möglichkeit, Preise zu drücken, bis andere brechen. Eine Zuckerfabrik ist wahnsinnig teuer. Steht sie aber erst einmal, ist fast egal, ob 5.000 Tonnen Rüben zu Zucker gemacht werden oder 50.000 oder 500.000 Tonnen. Die Kosten bleiben praktisch gleich. Wenn es keine Zuckerquoten mehr gibt, werden die größten Fabriken den billigsten Zucker herstellen. Und Südzucker hat die meisten und größten Zuckerfabriken. Wenn sie billige Rüben einkaufen kann, könnte sie mit Kampfpreisen alle anderen kaputtmachen.

Nur die billigen Rüben, die wird Südzucker brauchen. Aber die kriegt sie ja von den Bauern. Denen Südzucker gehört. Und da wird es dann kompliziert: Im Interesse von Südzucker müssten die Bauern sich selbst niedrige Rübenpreise diktieren. Im Interesse der Bauern müsste Südzucker aber weiter hohe Rübenpreise zahlen. Die Bauern werden einen Preiskampf mit sich selber führen. Und sich fragen müssen, wie sie Geld verdienen wollen: als Bauer oder Aktionär? Was wird stärker sein, kurz- oder langfristige Gier?

Es wird jetzt Herbst. Ich bin zurück im Kraichgau. Wieder zwischen den Rübenäckern, neugierig. Wer gewinnt, wenn man gegen sich selbst kämpft?

Die Rüben warten nach dem Ernten in mannshohen Mieten auf ihren Abtransport.
Die Rüben warten nach dem Ernten in mannshohen Mieten auf ihren Abtransport.
© Basti Arlt

Es ist nachts um 4 Uhr auf Feldern zwischen Gemmingen und Schwaigern. Regen. Fledermäuse. Schlamm. Wolken verdecken den Mond. Wo früher Trecker tuckerten, wühlt heute Hightech. Rübenmaus 5 ist ein Gigant und wirkt wie ein Raumschiff. Knallgelb. Sensoren, Kabelstränge. Zwei Arme, die durch die Nacht fuchteln wie ein Hip-Hopper. Der eine ein Förderbandarm, der Rüben auf 40-Tonner wirft, die auf dem Feldweg warten. Der andere trägt den 1 400-Liter-Dieseltank. Als Gegengewicht, damit Rübenmaus 5 unter der Last der Rüben nicht umkippt.

Die Rüben liegen schon als mannshohe Mieten am Ackerrand. Der Rübenroder war vorher da, hat sie aus dem Boden geholt. Jetzt verschlingt sie die Rübenmaus. Ein sogenannter Rübenreinigungslader. Vorn, in seiner zehn Meter breiten Schaufel, drehen sich Rollen auf dem Acker gegeneinander, ein Riesenschlund, der die Rüben aus den Mieten schluckt, Erde abklopft, loses Grün aussortiert. Ab aufs Förderband, dann knallen die Rüben in den Laster. Jede Rübe ein Schlag. Walter Krebs aus Eppingen, wie alle in gelber Signalweste, sitzt vier Meter hoch im Cockpit, bedient zwei Joysticks, hat mehrere Tablets vor sich, einen Knopf im Ohr und die knisternden Geräusche des Funkgeräts um sich herum.

Krebs mag die Maschine. Sie ist neu, arbeitet erst seit heute Morgen. Hat noch Probleme mit dem Transponder, der Infos wie die geladene Menge direkt an den Lastwagen und die Zuckerfabrik schickt. Also muss er Sprechfunk nutzen, Dateneingabe im Laster dann per Hand. Dreimal kommen in den ersten zwölf Stunden Experten von Südzucker und Ropa, der Firma, die Rübenmaus 5 gebaut hat. Egal, das Ding macht Walter Krebs Spaß. Krebs bedient Rübenmäuse und ihre Vorgänger seit 1993, und heute Nacht bricht er Rekorde. Einen Laster mit 27,5 Tonnen Rüben füllt er in 2 Minuten 47, einen in 2 Minuten 50. Viele in drei Minuten. Rübenmaus 4 hat vergangenes Jahr noch vier Minuten gebraucht.

Die besten Rübenböden Europas

Die Rüben bringen derzeit einen von der EU garantierten Grundpreis von 26,29 Euro pro Tonne. Dazu: Qualitätsprämie 0,63 Euro, Rübenmarktvergütung 4,12 Euro, eventuell noch ein Bonus für nachhaltigen Anbau von 1,00 Euro. Die Böden im Kraichgau sind die besten Rübenböden Europas. Bis zu 89 Tonnen Ertrag pro Hektar. Wer das aus seinem Acker holt, buddelt hier also nachts rund 2.800 Euro pro Hektar aus.

Rübenmaus 5 wird zum nächsten Acker verlegt. Krebs drückt auf den Touchscreen, die Maus fährt alles ein, was sie hat. Die Schaufel zerlegt sich, fährt hoch. Tentakeln schwenken nach vorne oder hinten, bis sie schlank ist wie ein Lastwagen. Kann nun auf die Straße. Hightech, eine halbe Million Euro teuer. Banken finanzieren. Ist die Rübenmaus abgeschrieben, wird sie in Osteuropa verkauft. Lohnt sich.

Krebs folgt Leuchtpfeilen, die Lotsen an den Kreuzungen in die Erde gerammt haben. Orientierungshilfe für die Fahrer. Die Lotsen dirigieren hier Laster und Rübenmaus per Funk, per Leuchtpfeil. Die Nacht ist Abenteuer auf Äckern. Viel Technik, viel Macho, viel Action. Trotz Sensorik und digitaler Datenhuberei wird ständig improvisiert. Aus dem Funkgerät knirscht „tschtsch, krr, Verkehrsbefragung in Böckingen, krrsch, Stau“. Der Lotse reagiert mit „Torsten, hör zu, mir fahret über Massenbachhausen“. Wie Jogi Löw in der Halbzeitpause.

Wer wird sich durchsetzen – der Aktionär auf dem Acker oder der Bauer mit den Aktien?

Als es in der zweiten Nacht stark regnet und die Arbeit zum Tiefseetauchen in Matsch wird, dirigiert der Lotse Laster um, damit nicht zu viel Matsch auf die Straße kommt zwischen Gemmingen und, verdammt, wo geht es da hin? Richen? Ich kenne die Gegend, aber verliere die Orientierung in der Dunkelheit bei diesem ständigen Rasen auf Feldwegen.

Dann wieder mit Walter Krebs an der Rübenmaus. Erkläre ihm meine Theorie, dass Südzucker ab 2017 als größter Hersteller die Konkurrenz leicht vom Markt fegen könnte, wenn die Rübenbauern mitspielen. Aber, „so einfach ist das nicht“, sagt er. Die Konkurrenz, die bleibe ja, und woanders wird sie es leichter haben. Wenn die Quote fällt, werden acht EU-Länder ihren Bauern trotzdem weiter Prämien für ihre Rübenäcker zahlen. Ungarn, Polen, Spanien, Italien zum Beispiel. „Das wird kein freier Markt“, sagt Krebs, „nur in Deutschland. Wir sind blöd.“

Aber wie werden sie es hier im Kraichgau halten? Zahlen sie sich weiter ordentlich Mindestpreise oder hängen sie sich an den Markt? Und wer wird sich durchsetzen: der Aktionär auf dem Acker oder der Bauer mit den Aktien? Ach, Krebs sieht das lässig. Wird sich finden. Am Ende gebe es eh immer einen Kompromiss. Obwohl, ja, okay, garantiertes Geld sofort „schon besser ist als vielleicht mal viel Geld in der Zukunft. Wir haben ja Investitionen, wir Bauern, wir können nicht ewig warten.“ Zusammengefasst also: Wir hier, wir sind die Rübenbauern, -Kerle. Südzucker, das sind die in Mannheim. Die sind doch alle promoviert.