RankingDie besten deutschen Digitallabore

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Alle wollen Plattform sein

Die Digitalfabrik liegt nicht in irgendeinem Szeneviertel, sondern in einem schmucklosen Gewerbegebiet im Stadtteil Sossenheim. Der übliche Start-up-Schnickschnack spielt hier kaum eine Rolle, auch wenn die Mitarbeiter eher im Kapuzenpulli he-rumlaufen als im Anzug. In raschem Tempo hat der Deutsche-Bank-Ableger eine neue App aufgesetzt, das bargeldlose Zahlen vorangetrieben und ein System entwickelt, mit dem Kunden auch Konten anderer Banken integrieren können.

Die Ansage ist klar: Es mag sein, dass andere Finanzinstitute in Deutschland bei einzelnen digitalen Produkten schon weiter sind. Doch wenn die Deutsche Bank es schafft, am Ende mit ihrer Größe alles zusammenzubinden, kann ihr das egal sein. „Für jedes Institut stellt sich die Frage, ob es Plattformanbieter oder Produktlieferant sein will“, sagt Markus Pertlwieser, Chief Digital Officer der Deutschen Bank. Und Pertlwieser, der mit seinem Lächeln ein bisschen so aussieht wie ein älterer Bruder von Philipp Lahm, lässt keinen Zweifel daran, welche Rolle er für sein Institut sieht.

Plattform – es ist das entscheidende Wort. Wie Google, wie Facebook, wie Airbnb. Das große Ding ist nicht, etwas zu produzieren oder anzubieten, sondern möglichst viele produzierte und angebotene Dinge auf dem eigenen Kanal zusammenlaufen zu lassen. Und damit Daten zu sammeln, Größe zu gewinnen und Kundenkontakte zu bekommen. Das Silicon-Valley-Mantra schlechthin.

Die Deutsche Bank bringt Ende Juni etwas auf den Markt, das in der Digitalfabrik entwickelt wurde und das genau von diesem Plattformgedanken getragen wird: den -sogenannten Einlagenmarktplatz. „In Deutschland gibt es eine große Zahl von Zins-Hoppern“, sagt Pertlwieser, also Anlegern, die ihr Tages- oder Festgeld von Konto zu Konto herumschieben, je nachdem, wo noch ein annehmbarer Zins geboten wird. Man habe sich daher entschlossen, so Pertlwieser, den Kunden „Zugang zu attraktiven Einlageprodukten ausgewählter Banken europäischer Kernländer“ anzubieten. Im Klartext: Die anderen müssen schauen, wie sie ihren Zins refinanziert bekommen, und die Deutsche Bank setzt ihren Stempel drauf und bekommt den Kontakt zu den Anlegern.

Jagd auf die Generation App

Der Weg zu diesem Angebot zeigt, wie ein Digitallabor funktionieren kann. Am Anfang stand eine Ko-operation mit dem Fintec Deposit Solutions. Das Unternehmen hatte bereits eine Plattform entwickelt, aber natürlich nicht den Kundenkontakt, um wirklich groß zu werden.

Die Deutsche Bank setzte dann ein Team von etwa 30 Leuten daran, die sich im zweiten Stock der Digital Factory darum kümmerten, daraus ein Produkt zu machen. Zwölf Monate wurde gewerkelt. Es mussten nicht nur IT-, sondern auch steuerrechtliche und buchungstechnische Fragen geklärt werden, weshalb die Rechtsabteilung des Konzerns mitspielte. Richtig gebaut wurde ab Herbst 2016, ein halbes Jahr später konnte dann der Testpilot für einen engen Kreis freigeschaltet werden.

„Einen solchen Einlagenmarktplatz hätte ein Fintech allein nicht hinbekommen“, sagt Pertlwieser. Was er nicht sagt: eine Deutsche Bank allein womöglich auch nicht.

Ein unausgesprochenes und doch wichtiges Ziel aller Labore: Zugang zu Arbeitskräften, die mit Großunternehmen eigentlich nichts zu tun haben wollen. Employer-Branding. Das verstaubte Image loswerden. Entweder indem direkt mit Start-ups zusammengearbeitet wird – oder indem sich der Konzern ganz anders präsentiert und möglichst wenig nach Acht-Stunden-plus-Mittagspause, Zimmerpflanze und Betriebsrente aussieht. Der Software-Hersteller SAP, selbst schon ein Dinosaurier, hat in Berlin ein Restaurant aufgemacht, in dem das Logo des Unternehmens kaum auftaucht. Stattdessen kann man sein Essen ausschließlich per App bestellen, und die Gerichte werden in einem Kasten bereitgestellt, auf dessen Frontscheibe digital der Name des Gastes aufscheint. Das Café, strategisch günstig mitten im Digilab-Mekka Berlin-Mitte gelegen, ist dabei, zu einem Treffpunkt der Szene zu werden. Wenn ein Laborchef seinen CEO zu Besuch hat, dann führt er ihn gerne hierhin aus: einfach mal zeigen, was so geht.

In der Studie wird dieses Prinzip in der Kategorie „Netzwerk“ bewertet. Hier schneidet neben der Deutschen Bank auch das Porsche-Lab gut ab, das es geschafft hat, in der kurzen Zeit seit seiner Eröffnung gut in die Szene einzusteigen.

Aber reicht das alles, um wirklich etwas zu erreichen, um neue Geschäftsmodelle aufzubauen? Es kommt auch darauf an, wie viel Zeit die Labore bekommen. Und welches Ziel man ihnen gibt. „Noch stehen sie unter Welpenschutz“, heißt es in der Studie. „Noch ist die Begeisterung bei den CEOs hoch. Noch werden die Units von dem verführerischen Parfüm des Neuen umgeben.“ Das aber könnte sich ändern, wenn die Controller kommen und Nachweise für wirtschaftlichen Erfolg verlangen. „Dann könnte es knapp werden“, so die Studie. Doch vielleicht hat das digitale Denken bis dahin schon Einzug in die Konzerne gehalten, und die Labs haben ihre Schuldigkeit getan.

Wenn also die Frage kommt, wie auf jener Konferenz im Herbst in Berlin, ob die Digitallabore dazu dienen, den Innovationsfrust der Konzerne zu lindern, dann könnte die Antwort lauten: Ja, vielleicht. Aber muss das so falsch sein?

Der Beitrag ist in Capital 07/2017 erschienen. Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunesGooglePlay und Amazon