RankingDie besten deutschen Digitallabore

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Etwa sechs Kilometer vom Lufthansa Innovation Hub entfernt liegt am Ufer der Spree das Digitallabor der Porsche AG. Gestartet 2016. Das Lab ist bisher eine Art Untermieter, angemietet wurde das Gebäude von MHP, der Beratungstochter des Unternehmens. Ein riesiger Saal mit breiten Tischen und großen Fenstern zum Wasser hin, graue, unverputzte Wände. Ein Tischkicker und ein großes, an die Wand gesprühtes Herz. Im Raum liegen Paletten, die aussehen sollen wie von der Baustelle geklaut. Eigens hergestellt für das Lab, aus Bauschutzgründen. An den Tischen stehen Teams mit jungen Leuten, einige haben sich gerade zum Essen hingesetzt, alles findet hier am gleichen Ort statt.

Geleitet wird das Labor von Boris Behringer, einem freundlichen Mann mit Dreitagebart, dessen schwäbische Herkunft noch gut hörbar ist. Behringer ist seit 16 Jahren bei Porsche, hat Abteilungen im Vertrieb und im Marketing durchlaufen. Er erzählt, was er alles nicht machen soll: Robotik, autonomes Fahren und 3D-Druck – also die großen Zukunftsthemen der Automobilwirtschaft. Die werden weiter in der Zentrale bearbeitet. Schwerer ist es zu sagen, wofür das Lab zuständig ist. Aufbau einer Cloud-Architektur. Und Kontakt zu Start-ups natürlich. Aber auch das ist kein Selbstläufer.

Zoobesuche aus der Zentrale

„Es ist noch keine Schlange von Start-ups vor unserer Tür“, sagt Behringer. „Wir müssen noch nicht unbedingt Prioritäten setzen.“ Als Beispiel für eine Zusammenarbeit nennt der Lab-Leiter eine Firma, die sich um Navigation in Innenräumen kümmert. Nichts, was man sofort mit Porsche in Verbindung bringen würde. „Wir sind oft eher auf der Ebene eines Thinktanks“, sagt Behringer.

Das Porsche-Labor ist schon jetzt zu einem festen Reiseziel von Besuchergruppen aus der Zentrale geworden, die schauen wollen, wie die hippen Berliner so arbeiten. Man versuche, diese Termine auf den Abend zu legen, sagt Behringer. Derartige Visiten ohne konkreten Anlass glichen eher „Zoobesuchen“, heißt es in der Studie. Ein Zeichen für eine gute Einbindung des Labors ins Unternehmen hingegen sind sie noch nicht.

In dieser Kategorie und auch beim Themenfokus schneidet Porsche unterdurchschnittlich ab, was auch daran liegen dürfte, dass noch nicht viel Zeit zur Entwicklung war. Aber Porsche ist nicht nur spät dran, das Unternehmen hat auch das Problem, dass der Mutterkonzern Volkswagen mit mehreren Einheiten im gleichen Terrain wildert. Nur ein paar Meter vom Porsche-Lab entfernt liegt das Digitallabor des VW-Konzerns, das sich dort um Softwareentwicklung kümmert (und nicht an der Studie teilgenommen hat). Und am Tiefen See in Potsdam tüfteln junge Industriedesigner an neuen Ideen für die „User-Experience“ der Autofahrer. Nach Jahren der Skandale ist das Bedürfnis bei VW groß, jetzt endlich die Zukunftsthemen zu besetzen. Bei der Vielzahl der Projekte aber ist manchmal nicht ganz klar, welcher Teil des Konzerns sich um was kümmern soll.

Die Studie zeigt: Die Steuerung, also die Zielvorgabe durch das Mutterunternehmen, ist eine wichtige Grundvoraussetzung, damit auch die anderen Dinge funktionieren. Die Kunst ist es, die Balance zu wahren – zwischen klaren Forderungen und der Freiheit, die ein Digitallabor nun einmal benötigt. Optimal sei die Steuerung, so heißt es in der Studie, wenn es „sehr hohe Freiheitsgrade“, einige präzise Zielvorgaben sowie „nachhaltige Unterstützung durch das Top-Management“ gibt. Gerade Mittelständler wie der Pumpenhersteller KSB oder Viessmann schlagen sich auf diesem Feld laut der Studie bemerkenswert gut.

Vor allem aber gelingt dies ausgerechnet einem Unternehmen, das zuletzt von Krise zu Krise getaumelt ist: der Deutschen Bank. Das Institut, gebeutelt von teuren Rechtsfällen, Strategieschwenks und Milliardenverlusten in den vergangenen Jahren, hat sich mit voller Wucht in die Digitalisierung geworfen. In Berlin fischt ein Innovation-Lab nach Start-ups, mit denen man zusammenarbeiten kann. Außerdem gibt es eine für diese Zielgruppe gedachte Filiale, die nur nach dreimaligem Hinschauen überhaupt als Bank erkennbar ist.

Zentraler Baustein ist aber etwas anderes, die sogenannte Digitalfabrik. Die ist 2016 in Frankfurt eröffnet worden und im Vergleich zu anderen Labs ein echtes Dickschiff: 400 Mitarbeiter, 50 Arbeitsplätze für Fintec-Gäste. Anfang 2018 soll ein neues Gebäude bezogen und die Zahl der Mitarbeiter verdoppelt werden. Softwareentwickler, IT-Experten, junge Finanzfachleute. „Die Deutsche Bank ist eigentlich ein Spezialfall. Die entwickeln im Grunde eine komplette digitale IT-Einheit“, sagt HTW-Professor Kawohl. „Da kann sehr viel bei herauskommen.“