Deutschland ClusterStifteindustrie - Nürnberg schreibt Geschichte

Beim Weltmarktführer Faber-Castell in Stein türmen sich die Holzstifte zu farbigen Bergen
Beim Weltmarktführer Faber-Castell in Stein türmen sich die Holzstifte zu farbigen Bergen Daniel Delang

Peter Kämpf hält die Zukunft in der rechten Hand. Fünf Jahre Kleinarbeit stecken in dem Stift, mit dem er gerade Schleifen auf einen Schreibblock malt. Der Stift sieht nicht ungewöhnlich aus, genau wie die Striche, die er aufs Papier zieht – doch er hat es in sich. „Er erkennt seine Lage im Raum“, erklärt Kämpf, „rechnet die Schwerkraft aus der Bewegung he-raus und misst die Beschleunigung auf Papierebene.“ Kurz: Er weiß, was geschrieben wird. Die Daten überträgt er laufend an ein Tablet.

Digitale Stifte, die Handschrift entziffern, gibt es durchaus schon, sie funktionieren mal besser, mal schlechter, aber selten perfekt. Stabilo will mit dieser Neuentwicklung auch noch gar nicht auf den Massenmarkt. Der „Ergo Pen“ soll zunächst nicht Managernotizen lesen – sondern dank Handschriftanalyse Schreibstörungen erkennen. Etwa wenn Kinder Schwierigkeiten haben, flüssig zu schreiben, weil sie Stifte zu fest aufs Papier drücken. Die Kunden: erst Therapeuten, dann Schullabore.

Peter Kämpf (l.), Leiter Digitalforschung bei Stabilo, und Top-Manager Horst Brinkmann. Im Hintergrund ein Kronleuchter aus Textmarkern
Peter Kämpf (l.), Leiter Digitalforschung bei Stabilo, und Top-Manager Horst Brinkmann. Im Hintergrund ein Kronleuchter aus Textmarkern (Foto: Daniel Delang)

Eine erstaunliche Karriere für einen eigentlich so simplen Gegenstand: den Stift. Über Jahrhunderte hat sich das Handwerk der Stiftmacher nur in kleinen Schritten verändert. Nürnberg ist seit 350 Jahren ein Zentrum der Branche, und von hier aus haben die drei großen Hersteller – Stabilo, Staedtler, Faber-Castell – die Welt erobert. Ihr Geschäftsmodell in all der Zeit ist gleich geblieben: Sie liefern das Werkzeug, das Gedanken festhält, und zwar rund um den Globus. Noch heute setzen sie jedes Jahr weltweit rund 1,5 Mrd. Euro um – aber der Export klassischer Holzstifte aus Deutschland macht davon nur noch 75 Mio. Euro aus. Das alte Schreibgerät verliert an Bedeutung, es wird von Tastaturen und Touchscreens ersetzt. Um sich zu behaupten, proben die Stiftdynastien da-rum den Spagat: Es gilt, das Kulturgut Handschrift vor dem Siegeszug des Digitalen zu retten – und zugleich eine Zukunft für ihr Handwerk zu finden.

Die einst florierende Reichsstadt Nürnberg verdankte ihren Reichtum der Handwerkskunst und der Lage: am spätmittelalterlichen Drehkreuz der Verkehrswege zwischen Amsterdam und Venedig. Spielzeugmacher schickten ihre Waren von hier durch ganz Europa, die Schreiner hatten einen guten Ruf, und weil Schreibgeräte immer wichtiger wurden, hatten im 17. Jahrhundert einige Pioniere die zündende Idee: Sie ummantelten Stäbchen aus Kohlenstoffkristallen mit Holz.

In Urkunden von 1662 taucht das erste Mal ein Name auf, der heute als Marke weltweit bekannt ist: Friedrich Staedtler. Erst wollte die strikte Gewerbeaufsicht den neuen Handwerkszweig gar nicht zulassen. „Alle Handwerker waren den strengen Kontrollen des Nürnberger Rates unterworfen“, sagt Matthias Murko, Direktor des Museums für Industriekultur. Später deckelte der Rat die Zahl der „geschworenen“ Bleistiftmacher, um die Qualität zu wahren. So blieb die Kunst fast 200 Jahre lang ein streng geschütztes Monopol.

Um die Nürnberger Handwerksordnung zu umgehen, siedelten sich einige Stiftmacher außerhalb der Stadtmauern an, abfällig als „Stümpler“ verrufen. Darunter die Familie Faber, die sich ab 1761 in Stein an der Rednitz als Modernisierer hervortat. Im 19. Jahrhundert stellte sie Schneid- und Fräsmaschinen auf und setzte als Qualitätsmerkmal für ihre Stifte einheitliche Längen und Härtegrade fest. Der erste Markenbleistift der Welt trug ihren Namen. Der Konkurrenz war all das ein Antrieb. „Es war die Basis für Nürnbergs Spitzenstellung in der Bleistiftproduktion“, sagt Murko.

Die ersten Technologiesprünge hatten die Stiftmacher noch aus der Not vollzogen. Denn das Grafit aus dem englischen Cumberland, das lange die Basis des Bleistifts war, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts durch die Kontinentalsperre Napoleons verknappt. Als regionale Quellen aus Passau und Böhmen nicht mehr reichten, ließ man Grafit zerreiben und mit Ton gestreckt zu Minen pressen. Ein Riesenschritt, denn das Verfahren ermöglichte später unterschiedliche Härtegrade und die maschinelle Fabrikation.