Start-upsSoundcloud - Abstieg eines Hoffnungsträgers

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Der Aufstieg von Soundcloud beginnt 2005 mit einer Zufallsbegegnung. Im Computerlabor der Königlichen Technischen Hochschule Stockholm lernen sich der Sounddesigner Alexander Ljung und der Programmierer Eric Wahlforss kennen. Beide begeistern sich für Technik – und für Musik.

2006 gehen sie für ein Studienprojekt nach San Francisco. Dort herrscht Web-2.0-Fieber. Die ersten sozialen Netzwerke entstehen, auf WordPress wird gebloggt, auf Flickr teilen Nutzer ihre Fotosammlungen, auf Youtube bald auch Videos. Für Musik gibt es Myspace, damals gigantische 100 Millionen Nutzer stark, doch die Popularität des Dienstes lässt seit der Übernahme durch Rupert Murdochs News Corporation deutlich nach. Und einfach zu nutzen ist die unübersichtliche Website auch nicht.

Zurück in Stockholm fassen Ljung und Wahlforss den Entschluss, diese Marktlücke auszufüllen. Die Vision: ein soziales Netzwerk zum Austausch von Audiodateien, schön designt, leicht bedienbar, nutzerfreundlich. Künstler interagieren darüber direkt mit ihren Fans. Und die in Wellenform dargestellten Musikstücke kann man an jeder Stelle kommentieren – eine sehr beliebte Funktion. Der New Yorker DJ und Label-Inhaber Nick Catchdubs erinnert sich: „Die Schönheit des frühen Soundclouds war, dass die Leute einfach teilten, was sie kreierten und was sie liebten – der Bedienkomfort förderte ein soziales Moment, dass keiner der anderen Streamingdienste je erreichte.“

Punk, Kunst und Technologie

Umgesetzt wird die Idee in Berlin. Die Gründer reizt die kreative Szene der deutschen Hauptstadt, die Mischung aus „Punk, Kunst und Technologie“, wie Ljung es beschreibt. Es ist die Zeit, als das Berghain zum angesagtesten Club der Welt wird. Berlin ist bezahlbar und sexy.

Die Anfangstage sind wild und ungestüm. Als die Betaversion der Plattform im Frühjahr 2007 für eine begrenzte Anzahl an Nutzern geöffnet wird, veranstaltet das Start-up eine Party auf der Dachterrasse seines Büros. Hunderte Gäste kommen, sie bleiben zwei Tage, feiern und lassen sich auch nicht von der Polizei vertreiben, die mehrmals auftaucht. Am Ende ist das Büro verwüstet, dafür hat Soundcloud jetzt eine eingeschworene Fangemeinde.

Die kommt vor allem aus der Elektroszene. DJs stellen dort ganze Sets online, die auch mal mehrere Stunden lang sein können. Im Oktober 2008 wird die Plattform dann für alle Nutzer geöffnet. Wieder wird gefeiert. Inzwischen sind erste Geldgeber wie die Berliner Seriengründer Christophe Maire und Felix Petersen an Bord – das Start-up kann jetzt schon einen ganzen Club in Berlin-Mitte mieten. Wahlforss trägt Hemd und Krawatte, Ljung Nerd-Brille und Lederjacke mit aufgesprühtem Soundcloud-Logo.

Eine für deutsche Start-ups beispiellose Wachstumsgeschichte beginnt. Im Frühjahr 2009 haben 100.000 Menschen einen Account, normale Zuhörer, Indie-Musiker – und Promis wie der US-Rapper 50 Cent. Im Mai 2010 sind es eine Million Nutzer. Um Soundcloud herum entsteht währenddessen eine neue Berliner Gründerszene – mit Start-ups wie dem Forschernetzwerk Researchgate, der Aufgaben-App „Wunderlist“ und dem Musikvideodienst Tape.tv. Gemeinsam unterzeichnen die Gründer ein Manifest, das die „Anti-Copycat-Revolution“ ausruft – eine Kampfansage an die Klonfabrik Rocket Internet. An Selbstbewusstsein mangelt es nicht. Ende 2011, inzwischen hat Soundcloud fünf Millionen Nutzer, steht Ljung auf der Bühne einer Internetkonferenz in Paris und verkündet: „Sound wird größer sein als Video.“

Die Investoren nehmen den Gründern ihre Vision ab. Sie kommen, auch das ist neu für Berlin, sogar aus dem Silicon Valley. Anfang 2012 gibt es 50 Mio. Dollar, die Finanzierungsrunde wird von Kleiner Perkins Caufield & Byers angeführt, einem legendären Risikokapitalgeber, zu dessen aufgegangenen Wetten Amazon, Google und Facebook gehören. Auch der New Yorker Twitter-Investor Union Square Ventures und die Londoner Private-Equity-Firma Doughty Hanson geben Geld.

Die neuen Gesellschafter irritiert auch nicht, dass das Start-up, inzwischen 80 Mitarbeiter stark, weder über eine klare Monetarisierungsstrategie verfügt noch eine Lösung parat hat für eine sich abzeichnende Bedrohung: In den Remixen und DJ-Sets auf der Plattform ist häufig urheberrechtlich geschützte Musik verbaut. Darf Soundcloud die seinen Nutzern überhaupt zugänglich machen? „Eigentlich war allen von Anfang an klar, dass das ein Grauzonen-Geschäftsmodell war“, sagt der Berliner Musikwirtschaftsexperte Eric Eitel. Spotify, der schwedische Streaming-Wettbewerber, der gerade Fahrt aufnimmt, hat dafür Lizenzvereinbarungen mit den Plattenfirmen. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis Soundcloud aus seiner Nische herauswachsen und auf dem Radar der Musikindustrie landen würde“, sagt Eitel. „Und dann?“

Wird sich schon eine Lösung finden, glaubte man offenbar bei Soundcloud. „Move fast and break things“, das war schließlich schon Mark Zuckerbergs Motto. Wer ein starkes Produkt baut und Massen von Nutzern anlockt, findet später schon heraus, wie man mit Rechteproblemen umgeht – und wie man eigentlich Geld verdient. Facebook, Google, Youtube: Die Silicon-Valley-Giganten haben es doch genauso gemacht. Warum sollte das bei Soundcloud nicht funktionieren?