KommentarStabile Preise - aber Deutschland meckert

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Die EZB betreibt eine Politik für die ganze Eurozone

Würde die EZB in wirtschaftlich wackligen Zeiten eine härtere Geldpolitik fahren und so die Konjunktur und Kreditnachfrage schwächen, wären die Renditen für Anleihen bei uns noch niedriger, als sie es heute sind. Das wäre auch der Fall, wenn Deutschland heute eine eigene Währung hätte, die Fluchtkapital anziehen würde. Eine schlechtere Konjunktur und noch mickrigere Renditen wären nicht im Interesse deutscher Sparer.

Die deutschen Kritiker der EZB-Politik warnen oftmals mehr vor Vermögensblasen in Deutschland als in der Eurozone insgesamt. Auch von dieser Kritik ist wenig zu halten.

Zunächst einmal müssen wir betonen, dass die EZB verantwortlich ist für die Preisstabilität in der Eurozone insgesamt. So wie die Bundesbank früher keine Geldpolitik speziell für das strukturstarke Bayern oder das eher strukturschwache Nordrhein-Westfalen betreiben konnte und durfte, kommt es auch für ein Urteil über die EZB auf die Situation in ihrem Währungsgebiet insgesamt an und nicht speziell in Frankreich oder Deutschland.

Nach einer langen Schwächeperiode von 1994 bis 2008 haben die Preise für Wohnimmobilien in deutschen Städten seitdem kräftig angezogen. Vieles davon ist jedoch ein Nachholeffekt. Wirtschaftlich erfolgreiche Regionen, die auch Einwanderer und Auslandskapital anziehen, haben hohe Immobilienpreise. Dank der Agenda 2010 gehören deutsche Städte heute zu den wirtschaftlich erfolgreichsten und attraktivsten Regionen der Welt. Dies drückt sich in den Immobilienpreisen aus. Relativ zu den noch weit höheren Preisen in London, Paris und New York ist es zumindest nicht offensichtlich, dass die Preise dabei tatsächlich bereits über fundamental gerechtfertigte Bewertungen hinausgeschossen sind. Real gerechnet, also nach Abzug der allgemeinen Inflationsrate, haben deutsche Häuserpreise trotz des Anstiegs der letzten Jahre noch nicht einmal das Niveau des Jahres 2000 erreicht.

Immobilienblase nicht in Sicht

Ein wesentliches Merkmal einer gefährlichen Blase ist nahezu immer, dass die Preise der Vermögenswerte durch Kredit getrieben werden. Das ist bisher in Deutschland nicht der Fall. Der Zuwachs der Hypothekenkredite hat zwar angezogen und liegt mit derzeit etwa vier Prozent gegenüber Vorjahr weit über dem mickrigen Durchschnitt der Eurozone von zwei Prozent. Aber vier Prozent ist eine Rate, die noch als durchaus normal gelten kann.

Bisher zeichnet sich an den deutschen Immobilienmärkten keine kreditgetriebene und gefährliche Blase ab. Allerdings lässt sich nicht ausschließen, dass uns diese Gefahr einst drohen könnte. Die gemeinsame Geldpolitik könnte solch regionalen Fehlentwicklungen nicht wirksam begegnen. Denn dafür müssten Instrumente eingesetzt werden, die auf die einzelnen Regionen zugeschnitten sind. Beispielsweise können die Aufsichtsbehörden in einem bestimmten Mitgliedsland der Währungsunion anordnen, dass die Banken dort höhere Kapitalpuffer vorhalten müssen oder Hypothekenkredite nur bis zu bestimmten Beleihungsgrenzen vergeben dürfen. Damit kann dann die Kreditvergabe in den betroffenen Staaten im Zaum gehalten werden. In Irland, dessen Immobilienmarkt sich rasch von der großen Krise der Jahre 2008 bis 2013 erholt, sowie in der Schweiz setzen die örtlichen Aufseher bereits heute solche Instrumente ein.

Statt auf die EZB zu schimpfen, die alles in allem eine sachgerechte Geldpolitik betreibt, sollten wir uns in Deutschland vor allem an eines erinnern. Der künftige Lebensstandard unserer Rentner hängt vor allem davon ab, in welchem Umfang ihre Rentenansprüche und Ersparnisse durch Geldwertschwund entwertet werden. In der deutschen Wirtschaftsgeschichte hat es noch nie eine derart lange Phase stabil niedriger Inflationsraten gegeben wie seit dem Start des Euro. Diese Zentralbank hätte auch in ungewöhnlichen Zeiten, in denen sie zu ungewöhnlichen Mitteln der Geldpolitik greifen muss, unser Vertrauen verdient.