KonjunkturSo stemmt sich die deutsche Wirtschaft gegen den Abschwung

Erwartungen? Man wüsste gerne, was auf dieser Tafel des Elektronikspezialisten Weidmüller stehen wird
Erwartungen? Man wüsste gerne, was auf dieser Tafel des Elektronikspezialisten Weidmüller stehen wirdPatrick Pollmeier

Als Wolf Meier-Scheuven vor einem Jahr merkte, wie sich der Wind dreht, wollte er es zuerst selbst nicht glauben. Auf einmal blieben fast von einem Tag auf den anderen die Aufträge aus. Kurz hat sich der Chef des Kompressorherstellers Boge in Bielefeld gefragt, ob die Kunden jetzt zur Konkurrenz gehen. Aber das war es nicht, es war die Nachfrage.

Eben erst hatte der Familienunternehmer eine Betriebsvereinbarung aktiviert und 40 Stunden arbeiten lassen statt 35, um der Auftragsflut Herr zu werden. Dem letzten Sommer des Booms folgte ein banger Herbst. „Dann kamen plötzlich Monate, in denen aus heiterem Himmel nichts mehr hereinkam“, sagt Meier-Scheuven. Die Chinesen, die sonst in den letzten Jahresmonaten noch mal Millionen ausgaben, blieben still. Und die vielen Projekte in Asien, Europa und der deutschen Industrie, die angeblich nur verschoben waren, lagen nun dauerhaft auf Eis. Außer in den USA lief es fast nirgendwo. Das ganze Jahr hatte Meier-Scheuven mit weiterem Wachstum geplant. Jetzt trat er auf die Bremse.

Geschäftsführer Wolf Meier-Scheuven leitet die Kompressorproduktion bei Boge – und denkt nach, ob seine Sparmaßnahmen reichen
Geschäftsführer Wolf Meier-Scheuven leitet die Kompressorproduktion bei Boge – und denkt nach, ob seine Sparmaßnahmen reichen (Foto: P. Pollmeier)

Im Dezember 2018 verhängte der Unternehmer einen Einstellungsstopp. Er ließ befristete Verträge auslaufen, kürzte den Marketingetat, stornierte Materialbestellungen. Seine Kunden bekamen es bei der Hannover-Messe im Frühjahr mit. Der feuchtfröhliche Customer Day am Vorabend der Messe fiel aus. Zu teuer.

Meier-Scheuven liefert die Druckluft, die die Fabriken der Welt erst in Bewegung bringt. Genauer gesagt, verkauft die von seinem Urgroßvater gegründete Firma seit mehr als 100 Jahren Kompressoren an Produktionsunternehmen: Lebensmittelhersteller, Chemiebranche, Glasproduzenten, Autobauer.

Firmen wie Boge, die die Industrie ausrüsten, spüren oft als Erste, wenn es nicht mehr läuft. Sie merken es lange vor Wirtschaftsweisen, Politikern, Verbänden, Kommentatoren. Auch deswegen hat der Boge-Chef früh reagiert. Meier-Scheuven, ein großer, ruhiger Mann, der mit stabiler Beinstellung in der Mitte seiner Fabrikhalle steht und einen gütigen Blick über das Geschehen schickt wie ein Patron alten Schlages, hat schon vor fast 25 Jahren übernommen. Er weiß, was zu tun ist.

Schon 40 Leute weniger

„Das ist eben eine Korrektur“, sagt er ohne Regung. „Es geht ja nicht immer bergauf.“ Er drückt beide Hände mit Kraft in die Taille. „Man muss dann nur rechtzeitig das Unternehmen anders ausrichten.“ Rund 40 Leute sind weniger in der Halle als im vergangenen Sommer. 200 Mio. Euro Umsatz wollte Meier-Scheuven 2020 erreichen, nun hofft er mit seinen Maßnahmen die 150 Millionen vom letzten Jahr halten zu können – und die festen Mitarbeiter.

Der längste Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit ist unzweifelhaft vorbei. Im dritten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt zwar wieder um 0,1 Prozent im Vergleich zu den vorherigen drei Monaten. Im zweiten Vieteljahr war die Wirtschaft um 0,2 Prozent geschrumpft, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Eine „technische Rezession“, weil die Wirtschaftsleistung zwei Quartale lang unter dem Vorjahr blieb, gab es somit nicht. Doch Entwarnung gaben Volkswirte deswegen nicht. „Außerhalb der Bauwirtschaft dürfte die Wertschöpfung im Produzierenden Gewerbe weiter geschrumpft sein, und die Industrie dürfte die Schwelle zur Rezession überschritten haben“, sagte Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft Kiel zu den Daten. Die deutsche Konjunktur bleibe im „Abklingbecken“.

Infografik: Die deutsche Wirtschaft wächst wieder leicht | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Eine Delle gab es schon vor sieben Jahren. Im Nachhinein konnte es damals dem Fortgang des Wachstumszyklus jedoch nichts anhaben. Dieses Mal ist es anders, da sind sich die Experten fast einig.