MedienSnapchat auf der Suche nach einem Geschäftsmodell

Seite: 3 von 3

Keine Fake News

Der Schlüssel dazu ist ein Bereich in der App, der sich Discover nennt und der anders funktioniert als klassische soziale Netzwerke. Bei Facebook etwa kann jeder, der sich Nachrichtenmedium nennt, eine eigenen Seite einrichten und Meldungen in die Welt pusten – die „New York Times“ genauso wie Verschwörungstheoretiker oder russische Hacker. Prinzipiell ginge das bei Snapchat zwar auch. Da aber Inhalte nach spätestens 24 Stunden gelöscht werden und die App für die direkte Kommunikation mit Freunden designt ist statt für das tausendfache Weiterverbreiten von Links, ist es quasi unmöglich, von allein solche Reichweiten zu erzielen wie bei Facebook.

Facebook sucht außerdem automatisch Nachrichten, die das Netzwerk dem Nutzer zeigt, anhand der Daten aus, die es über ihn gesammelt hat. Auch was schon bei anderen Nutzern populär ist, zeigt Facebook eher. Snapchat dagegen sammelt kaum Daten. Was die User neben den Snaps ihrer Freunde zu sehen bekommen, bestimmen Menschen. Bei Ereignissen mit Nachrichtenwert – etwa dem Hurrikan „Matthew“ vor zwei Jahren – stellt Snapchat aus den Beiträgen der Nutzer (die das wollen) größere Storys zusammen. Es ist Journalistenarbeit. „Wir haben ein Team, das so etwas anguckt“, sagt Bell. „Wir haben einen richtigen Newsdesk, wir machen Anrufe und überprüfen die Fakten.“ Zusammengeschnitten entsteht so eine Art Kurznachrichtensendung, die in der Rubrik „Live Stories“ erscheint.

Vor allem aber entscheidet Snapchat selbst, welche Medienhäuser im Discover-Bereich Fotos, Videos und Artikel zeigen dürfen, die alle Snapchat-Nutzer sehen können. Die „New York Times“ oder NBC: ja. Verschwörungstheoretiker aus ihren Kellern: nein. Snapchat hat das vor erfundenen Nachrichten geschützt, die über fast alle anderen sozialen Medien Millionen Menschen erreichen und wohl selbst den Ausgang der US-Wahlen beeinflusst haben. „Wir hatten nie Probleme mit Fake News“, sagt Bell. „Weil wir von Anfang an darüber nachgedacht haben, für was unser Produkt stehen soll.“

Bell hat große Pläne. Er führt gerade extra für Snapchat produzierte Kurzserien ein. Bei Großereignissen wie Olympia soll es mehr und mehr Livevideos geben. Gerade hat er einen Start-up-Inkubator gegründet, in dem noch jüngere Medienfirmen Inhalte und Ideen für die junge Medienfirma produzieren sollen. Irgendwann soll all das auch Gewinne bringen. „Wir versuchen, langfristig ein Business aufzubauen. Spielt es eine Rolle für uns, was die Wall Street denkt? Absolut! Steht das unserer Langfriststrategie im Weg? Nein“, sagt Bell. „Wir bleiben bei unseren Werten.“ Meint: bei Werten, die Facebook nicht hat – auch wenn er wie sein Chef Spiegel den Namen Facebook nicht ausspricht.

Generationen Y und Z

Bei NBCs „Stay Tuned“ jedenfalls fließen die Werbegelder. Genaue Zahlen verrät der Fernsehsender nicht. Aber es gefällt den Werbekunden, dass die Snapchat-Nutzer die Werbung nicht überspringen, sondern tatsächlich anschauen, in der App lässt sich das messen. Anzeigen, die man in Videos wie „Stay Tuned“ einbindet, bringen gutes Geld im Vergleich zu anderer Internetwerbung, der kaum einer Aufmerksamkeit schenkt. Und „Stay Tuned“ hat die Zuschauer, die Werber als Zielgruppe wollen: die Generationen Y und Z.

„Unsere Zuschauerzahlen sind großartig“, sagt Andrew Springer. „Und noch wichtiger ist mir, dass wir die relevantesten Themen zu jungen Leuten bringen, die sonst überhaupt keine Verbindung zu Nachrichten haben.“ Springer, 31 Jahre alt, ist Chefproduzent von „Stay Tuned“, er trägt eine Baseballkappe mit dem Schirm nach hinten, sein Schreibtisch steht in einem der Großraumbüros bei dem Flur im Rockefeller Center, in dem Lawrence Jackson die Sendung dreht. Im ersten Monat nach dem Start bei Snapchat im Juli 2017 hatte „Stay Tuned“ schon 30 Millionen Zuschauer. Heute sind es zwischen drei und sechs Millionen pro Tag. Zum Vergleich: Die Abendnachrichten des großen Mutter-TV-Senders schauen zwischen fünf und acht Millionen Menschen.

Bei Facebook tut NBC nichts anderes, als die normalen Nachrichtensendungen zu verlinken. „Da stehen wir in Konkurrenz mit allen, jeder kann irgendwelche Inhalte hochladen“, sagt Springer. „Bei Snapchat konkurrieren wir nur mit anderen Qualitätsmedien.“ Zwölf Sendungen produziert Stay Tuned pro Woche, jeweils zwei Minuten lang, genau richtig, damit die Zuschauer dranbleiben, sagt Springer. Mehr als drei Viertel von ihnen sind unter 25 Jahre alt, viel jünger als der durchschnittliche NBC-Zuschauer, und ihre Zahl wächst schnell. Bei NBC schaut schon längst niemand mehr auf die Kids von „Stay Tuned“ runter, ganz im Gegenteil, selbst die alten Hasen wollten mitmachen und die wichtigsten Politiker Interviews geben, sagt Springer. Neulich hat NBCs Chefkorrespondent einen Beitrag aus dem Gazastreifen extra für „Stay Tuned“ gemacht, er wollte das unbedingt – ein Adelsschlag für die junge Sendung. „Wir sind halt die Zukunft“, sagt Springer.