MobilitätSo will Sixt im Carsharing-Markt angreifen

Alexander Sixt mit einem Auto der Carsharing-Flotte
Alexander Sixt mit einem Auto der Carsharing-FlotteDaniel Delang

Die Vorlage ließ Sixt sich nicht entgehen: Nachdem der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert Anfang Mai in einem Interview über die Vergesellschaftung von Autokonzernen nachgedacht hatte, kochte flott eine aufgeregte Enteignungsdebatte hoch – aus der Sixt genauso flott ein Anzeigenmotiv zauberte. Ein Foto von Kühnert mit offenem Mund, dazu die Aufforderung: „Lieber Kevin, gerne gleich auch alle Autobesitzer enteignen.“ Es wäre ja das, was Sixt tatsächlich vorhat. Jedenfalls so ungefähr.

Das Unternehmen, das praktisch seit über 100 Jahren Fahrzeuge vermietet, arbeitet derzeit an einer Revolution seines Geschäftsmodells. Seit Anfang März kann man Sixt-Autos nicht mehr nur in den zugehörigen Stationen anmieten und abstellen, sondern auch einfach am Straßenrand. Per App. In Berlin und Hamburg stehen bereits über 1000 Autos bereit, weitere Städte sollen folgen. Abgerechnet wird im Minutentakt, getankt werden muss nicht. Anders allerdings als bei Carsharing-Unternehmen wie Car2go kann der Fahrer sich auch entscheiden, den Wagen nicht nur in Berlin zu nutzen, sondern damit einfach nach Bayern oder Braunschweig zu fahren – und ihn dort abzugeben. Aus dem Minutentarif wird dann ein Tagestarif.

Werbung für die neue App an der Außenwand des Pullacher Konzernsitzes
Werbung für die neue App an der Außenwand des Pullacher Konzernsitzes (Foto: D. Delang)

In letzter Konsequenz könnte das tatsächlich bedeuten, dass der Besitz eines eigenen Autos immer unattraktiver wird. Es wäre dann ja immer ein Wagen irgendwo in der Nähe, den man mit dem Smartphone öffnen kann – um an jedes beliebige Ziel zu fahren. Sixt greift damit nicht nur andere Autovermieter an. Der Konzern bricht auch in die Domäne der Daimler-Tochter Car2go oder des US-Unternehmens Uber ein. Er begibt sich in das ganz große Spiel der Mobilitätsanbieter.

Einer der Männer, die dieses Spiel gestalten sollen, sitzt an einem kühlen Mai-Tag in seinem Büro in Pullach und ist mit den Gedanken zur Hälfte bei seiner Familie: Die Frau von Alexander Sixt erwartet ihr drittes Kind, deshalb muss das Telefon angeschaltet bleiben, wie der 39-Jährige entschuldigend erklärt. Sixt ist ein zupackender Mensch mit einer offenen, bayerischen Art, der gerne mal laut lacht. Er erzählt, dass er beim Geburtstag seiner Tochter zu viel Kuchen gegessen hat und danach aus schlechtem Gewissen einen Dauerlauf hinlegte. Der dann unfreiwillig so ausartete, dass er nun mit Muskelkater durchs Büro hinkt. Jetzt allerdings konzentriert er sich, denn der Wandel bei Sixt ist sein großes Thema. „Wir meinen es wirklich ernst, wir wollen den individuellen Verkehr reduzieren“, sagt er. „Das eigene Auto ist in Ballungsräumen weder wirtschaftlich noch ökologisch sinnvoll.“

Alexander Sixt ist einer von zwei Söhnen des Vorstandsvorsitzenden Erich Sixt, eines Firmenpatriarchen, der in Deutschland seinesgleichen sucht. Der heute 74-Jährige hat aus einem kleinen deutschen Autovermieter ein weltweit agierendes Unternehmen mit knapp 3 Mrd. Euro Umsatz und 270.000 Fahrzeugen gemacht. Aggressiv, expansiv, mit Werbekampagnen, die immer wieder Aufmerksamkeit erregen. Der Konzern ist als europäische Aktiengesellschaft börsennotiert, allerdings behält die Familie über einen Stimmrechtsanteil von 58 Prozent die Kontrolle.

Nun soll ein Mobilitätsunternehmen daraus werden, und dabei spielt Alexander eine Schlüsselrolle. Wer künftig einmal Chef sein wird, er oder sein jüngerer Bruder Konstantin oder vielleicht beide zusammen, das ist noch nicht ausgemacht. Aber Alexander macht schnell klar, dass es ihm nicht reicht, als „Strategievorstand“ bezeichnet zu werden, wie es die Zeitungen oft tun. Immerhin ist er auch für den Techbereich und die Callcenter zuständig, vor allem aber für die „neuen Mobilitätsangebote“, wie es bei Sixt heißt. Man könnte auch sagen: für die Zukunft. „Ich bin, wenn Sie so wollen, der Innenminister im Unternehmen“, sagt Sixt.