ReportageSilicon Wahnsinn

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„Das wird für viele böse enden“

Die wachsende Größe der Einhorn-Herde sehen selbst einige Geldgeber im Silicon Valley kritisch. Bill Gurley etwa, Partner beim Wagniskapitalgeber Benchmark, warnt schon länger vor den Folgen der Gier – dabei hat seine Firma selbst einige Zehn- und Einhörner im Portfolio: Uber, Snapchat, den Co-Working-Space-Vermieter WeWork und das Cloud-Unternehmen Jasper Technologies.

Mitte Februar sitzt Gurley bei der Goldman Sachs Technology & Internet Conference in San Francisco auf einer Bühne und wiederholt, was er seit Monaten predigt: Investoren wie Start-ups gehen zu hohe Risiken ein. Weil die Firmen so leicht an Geld kommen, verbrennen sie so viel davon wie seit 1999 nicht mehr. „Das wird für viele böse enden.“ Dem Investorenpublikum im Ballsaal des Palace Hotel rät er: „Hört endlich auf, so viel Geld in privat gehaltene Unternehmen zu stopfen.“ Unheimlich sind dem früheren Compaq- und AMD-Ingenieur vor allem Lieferdienste und andere Start-ups mit niedrigen Margen, die ihre Marktposition mit Gutscheinen und Hype subventionieren und nur mit größten Anstrengungen profitabel werden können.

Als Gurley von der Bühne tritt, drängen sich zahlreiche Investoren um den schlaksigen Mann und bombardieren ihn mit Fragen. Die wenigsten aber, sagt Gurley danach dem „Wall Street Journal“, wollten seinem Rat folgen. Größer sei die Angst, nicht dabei zu sein, wenn der nächste Geldregen auf die Start-ups und ihre Geldgeber niederprasselt.

In mancher Hinsicht erinnert der Rausch an die Boomphase der 90er-Jahre. Die Frage, ob 15 Jahre nach dem Kollaps der Internetblase das nächste Debakel ansteht, treibt das Technologietal am Pazifik denn auch um. Viele erfahrene Silicon-Valley-Insider wie Russell Hancock wähnen sich jedoch nicht in einer Blase. „Das Jahr 2000 war anders“, sagt der Präsident der Organisation Joint Venture Silicon Valley. Die Unternehmen seien heute solider als damals, die Investitionen würden stufenweise erhöht, Beschäftigungszahlen und die Wirtschaft in der Region wüchsen gleichermaßen, und außerdem sei das Portfolio der Start-ups breiter.

Grill mit iPad-Anschluss

Auch Aaron Gershenberg von der Silicon Valley Bank ist optimistisch. Solange kein makroökonomisches oder geopolitisches Ereignis dazwischengrätsche, werde die „Nachfrage nach Start-ups mit Risikokapital im Rücken weiter wachsen“, sagt er. „Es ist sehr viel Kapital vorhanden, dass unbedingt in die Innovationswirtschaft investiert werden will.“

Vielen ist dennoch klar, dass die nächste Korrektur in der stark zyklischen Technologiebranche kommen wird – und sie sagen es auch öffentlich. Beobachter wie Alex Lykken von Pitchbook rechnen vor allem mit sogenannten flat rounds oder down rounds, bei denen Start-ups stagnierende oder geringere Bewertungen gegenüber vorhergehenden Runden in Kauf werden nehmen müssen. Das wirkt sich nicht nur negativ auf die Moral der Mitarbeiter aus, sondern auch auf den Markt.

Auch der frühere Wall-Street-Analyst Henry Blodget versucht die Euphorie zu bremsen: „Nur weil die Zeichen nicht auf eine Blase hindeuten, heißt das noch lange nicht, dass wir dem Tag der Abrechnung entkommen“, schreibt er in seinem Nachrichtenportal „Business Insider“.

Und wenn selbst der Chef des wichtigsten Start-up-Inkubators im Silicon Valley zu warnen beginnt, ist klar, dass etwas aus dem Ruder laufen könnte: „Es ist nicht unbedingt positiv, wenn Unternehmen tonnenweise Geld mit sehr hohen Bewertungen einsammeln können“, sagt Sam Altman von Y Combinator (YC). „Die Erfolgsbilanz von Firmen, die in ihrer ersten Finanzierungsrunde enorme Summen zu enormen Bewertungen bekommen, ist nicht gut, die Kultur wird versaut.“

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Altman das ausgerechnet auf dem jüngsten Investorentreff seiner eigenen Firma sagte. Hunderte Wagniskapitalgeber belagerten Ende März das Computer History Museum in Mountain View, wo sie auf dem Demo Day von YC darum rangelten, wer wie viel in die nächsten Hoffnungsträger investieren kann. Hyperventilierende Gründer von mehr als 100 YC-Start-ups präsentierten dort ihre Ideen – von auf 3-D-Druckern hergestellten Raketentriebwerken bis zum mit dem iPad vernetzten Grill. Zu den YC-Alumni gehören Firmen wie Airbnb und Dropbox.

Aber obwohl er mit solchen Aussagen den Bubble-Talk befeuert, hat Altman die Nase voll von den Schwarzmalern. „Ich bin ziemlich paranoid, was Blasen angeht, aber die Dinge haben meiner Meinung nach immer noch einen Bezug zur Vernunft“, schrieb der YC-Präsident kurz nach dem Demo Day in seinem Blog. „Und Investoren, die der Meinung sind, dass Firmen überbewertet sind, steht es immer frei, es bleiben lassen.“

Der Text ist zuerst in Capital 05/2015 erschienen.