ReportageSilicon Wahnsinn

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riesige Geldquellen tun sich auf

Es gibt mehrere Gründe, warum die Bewertungen in den letzten Jahren so durch die Decke geschossen sind. Start-ups gehen später an die Börse und organisieren davor mehr private Finanzierungsrunden, in denen sie ihre Bewertung in die Höhe treiben können. Technologien wie Cloud-Computing, Smartphones und billige Sensoren wirbeln ganze Branchen durcheinander. Sie machen Gründer kreativ und Investoren hoffnungsvoll. Dazu fließen Milliarden um den Globus. Klassische Start-up-Geldgeber wie Wagniskapitalfirmen und Investmentbanken, neuere Interessenten wie Hedge- und Anlagefonds, ja sogar Privatpersonen sind angesichts niedriger Zinssätze und verhältnismäßig magerer Renditen im S&P 500 auf Anteile an Start-ups erpicht. Sie, so die Hoffnung, besitzen größeres Potenzial. Außerdem haben es die USA 2012 mit einem neuen Gesetz kleinen Unternehmen leichter gemacht, sich lange vor einem Börsengang mit privatem Kapital vollzupumpen. Für junge Unternehmen haben sich so riesige Geldquellen aufgetan.

Investoren werden zudem von der Angst getrieben, das nächste große Ding zu verpassen. FOMO oder Fear of missing out heißt das hier. Keiner will sich das nächste Facebook entgehen lassen. Das soziale Netzwerk ging 2012 mit einer Bewertung von 104 Mrd. Dollar an die Börse – noch nie war eine Firma beim Sprung aufs US-Parkett so viel wert. Heute liegt die Marktkapitalisierung bei fast 230 Mrd. „Es ist der Herdentrieb“, sagt Alex Lykken von Pitchbook, einer auf die Analyse von Private Equity und Risikokapital spezialisierten Research-Firma. „Ein oder zwei Start-up-Hits können einen ganzen Fonds rausreißen. Also müssen die Wagniskapitalgeber mitmachen – und alle anderen hoffen auch auf den großen Wurf.“

Im vergangenen Jahr pumpten allein Wagniskapitalfirmen 48,3 Mrd. Dollar in amerikanische Start-ups, 61 Prozent mehr als 2013. Die Zahl der Deals aber legte dabei nur um lediglich vier Prozent zu – auf 4 356.

Selbst Fondsgesellschaften wie Blackrock oder Fidelity Investments, die traditionell eigentlich erst beim Börsengang in Start-ups investieren, wollen jetzt schon lange davor dabei sein. Die Vermögensverwalter kaufen für Milliarden Anteile an nicht börsennotierten Unternehmen wie Airbnb oder Uber. Sogar Pensionsfonds sind mittlerweile mit von der Partie. Insgesamt 4,7 Mrd. Dollar haben Fondsgesellschaften im vergangenen Jahr investiert.

Einige Firmen verdienen fast kein Geld

Die damit geförderten Milliarden-Start-ups tragen mittlerweile sogar einen eigenen Namen. Einen, der zu den fabelhaften Bewertungen passt: Unicorns. Erfunden hat ihn Aileen Lee, Gründerin des Investmentfonds Cowboy Ventures. Als Einhörner bezeichnet sie amerikanische Software-Firmen, die nach 2003 an den Start gingen und von Börsen oder privaten Investoren mit mehr als 1 Mrd. Dollar bewertet werden. Ihre Bezeichnung hat sich durchgesetzt. Angesichts der steigenden Zahl nicht börsennotierter Firmen, die sogar mehr als 10 Mrd. Dollar wert sind, musste allerdings auch schon ein neuer Name her: Decacorns – Zehnhörner.

Zuletzt sind zwei Start-ups ohne nennenswerten Umsatz in den Decacorn-Club aufgestiegen: Snapchat, ein Dienst für das schnelle Versenden von Bildern und Nachrichten, bekam vor ein paar Wochen 200 Mio. Dollar vom chinesischen E­Commerce-Giganten Alibaba Group und ist damit hochgerechnet 15 Mrd. wert. Und die Online-Pinnwand Pinterest sammelte im März 367 Mio. Dollar ein. Die Bewertung liegt nun bei 11 Mrd. Dollar, doppelt so viel wie noch vor knapp einem Jahr. Beide Firmen haben ein paar Dutzend Angestellte, verdienen fast kein Geld – und gehören zu den wertvollsten nicht börsennotierten Unternehmen der Welt.

Sind solche Investitionen nicht vielleicht doch etwas riskant?

80 bis 90 Prozent aller Start-ups gehen wenige Jahre nach der Gründung wieder ein. Für Investoren ist es schwer, sich ein vollständiges Bild der Unternehmen zu verschaffen: Zu den winzigen Umsätzen kommen nur selten Gewinne, und als privat gehaltene Firmen müssen sie keine Geschäftsberichte an die Börsenaufsicht liefern. Historische Daten für die Ausarbeitung von Vorhersagen gibt es naturgemäß auch kaum.

Ein sicheres Investment sieht anders aus. Und selbst wenn die Start-ups ihre ersten Jahre ohne Pleite überstehen, droht Ungemach. „Meine Sorge ist, dass die Bewertungen beim Börsengang oder Verkauf nicht mit den Bewertungen in privaten Finanzierungsrunden mithalten können“, sagt Raffi Amit, Professor an der Wharton School. „Man muss sich schon fragen, welchen Gewinn man etwa bei einer Bewertung von 41 Mrd. Dollar für Uber erzielen muss, um so ein Investment zu rechtfertigen.“