InterviewTobi Lütke: „Die meisten Start-ups überfressen sich“

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Viele Gründer sehen sich nicht als Manager, als CEO einer 3000-Mitarbeiter-Firma. Und Sie?

Mein Job ändert sich jedes Jahr, das liebe ich daran. Aber wenn mein Board mir morgen sagt, dass ich jemand anderem eine Chance geben sollte, dann wäre das auch okay. Es gibt eine Menge Jobs in der Firma, die mich sehr interessieren würden.

Sie würden tatsächlich unter einem anderen CEO arbeiten?

Wenn jemand besser ist, dann werde ich den einstellen. Es wird nur schwierig sein jemanden zu finden, der sich so kümmern würde wie ich.

Vor zwei Jahren geriet Ihre Firma in die Kritik, weil Sie mit der rechten US-Nachrichtenseite Breitbart zusammenarbeitete. Sie verteidigten das. Haben Sie richtig gehandelt?

Habe ich richtig gehandelt? Ja. Habe ich schlecht kommuniziert? Ja. Bin ich richtig damit umgegangen? Nein. Ich habe viel gelernt. Ich bin Programmierer, niemand, der ständig auf Konferenzen auftritt. Die Kritik war eine neue Erfahrung.

„Sollte Shopify meine politischen Ideen auf seine Plattform projizieren? Meine Antwort ist klar: Nein. Das ist viel zu viel Macht für einen CEO“

Tobi Lütke

Wie war das für Sie persönlich?

Ich habe Twitter, Facebook und so weiter erst einmal von meinem Telefon gelöscht. Auch für meine Familie war es schwierig. Plötzlich haben Leute in der Firma meiner Frau angerufen. Seit der Wahl von Donald Trump kochen die Emotionen schnell hoch. Deswegen wurde das ganz zu einer Sache aufgeblasen, die es gar nicht war.

Ist das so? Es geht ja in Ihrem Fall auch um die Frage, ob digitale Plattformen eine größere Verantwortung haben als sie es zugeben wollen – eine Debatte, die auch um Facebook oder Twitter geführt wird.

Ich glaube, die Leute sind von den aktuellen Regeln und Gesetzen frustriert. Jetzt fordert man von den Technologie- und Plattform-CEOs, die neuen Gesetzgeber zu werden und selbst Regeln zu erlassen. Da glaube ich nicht, dass das der richtige Weg ist. Wir haben übrigens nicht nur Breitbart als Kunden, sondern auch Planned Parenthood. Und die Frage ist: Sollte Shopify meine politischen Ideen auf seine Plattform projizieren? Meine Antwort ist klar: Nein. Das ist viel zu viel Macht für einen CEO. Das wäre eine Lösung auf der falschen Ebene.

Viele Tech-CEOs handeln anders, beugen sich dem öffentlichen Druck. Der rechte Verschwörungstheoretiker Alex Jones flog bei Apple, Facebook und Youtube raus.

Es ist natürlich viel einfacher, sich dem öffentlichen Druck zu beugen. Ich verstehe das. Aber es ist nicht der richtige Weg.