InterviewTobi Lütke: „Die meisten Start-ups überfressen sich“

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Sie fingen dann eine Ausbildung zum Fachinformatiker an. Was ist am Umgang mit Computern so faszinierend?

Programmieren ist die moderne Superpower. Mit nichts anderem kommt man heute so nah an die Fähigkeiten von Superhelden. Mit Code erklärt man Computern, was sie tun sollen – und dann machen sie es, für immer, viel besser als ein Mensch. Computer sind die wichtigsten Werkzeuge, die wir auf der Welt haben.

Sehen Programmierer die Welt anders?

Ja, und viele erfolgreiche Firmen werden heute von Entwicklern geführt. Der Grund ist, dass sie große Probleme in kleinere, gut lösbare Probleme unterteilen können. Das funktioniert mit einem Unternehmen genauso wie mit Programmiercode.

Führt das dazu, dass man weniger Angst hat vor großen Herausforderungen?

Ein wenig schon. Ein Beispiel: Als wir überlegt haben, an die Börse zu gehen, habe ich mir als erstes gesagt, ich muss verstehen, für was ist ein IPO eine Lösung ist. Also habe ich Biografien von Leuten gelesen, die Firmen an die Börse gebracht haben. Dann wollte ich verstehen, was die Motivationen der am Prozess Beteiligten sind und habe mich über Investmentbanker informiert. Mit diesen Informationen baut man sich seine Umgebung auf, überlegt, was die Schritte sind, wie das alles zusammen funktioniert. Und so haben wir uns erlaubt, einige Sachen beim IPO anders zu machen.

Zum Beispiel?

Man muss etwa das sogenannte S-1-Schreiben verfassen, in wahnsinnig komplizierter Sprache, weil da unzählige Anwälte drauf schauen und nichts angreifbar sein darf. Aber wir haben herausgefunden, dass das einen Abschnitt mit einem persönlichen Brief enthalten darf. In diesem „Letter from Tobi“ konnte ich dann frei reden und die Firma erklären.

„Bei Shopify hat es mehr als zwei Jahre gedauert, bis ich zum ersten Mal ein Gehalt bezogen habe. Das lag dann knapp über dem Mindestlohn“

Tobi Lütke

Hatten Sie je den Plan Unternehmer zu werden?

Nein. Es war so, dass ich wegen meiner Frau nach Kanada umgezogen bin. Dort ist es ein halbes Jahr lang Winter. Da muss man Wintersport betreiben, sonst dauert es zu lang. Ich habe mich in den Snowboard-Sport eingearbeitet, über Materialien und verschiedene Modelle gelesen. Und dann habe ich mir gedacht, wenn ich mein Wissen über Snowboards mit meinem technischen Know-how verbinden, kann daraus vielleicht ein Nebenjob werden.

Und bei Shopify? Haben Sie sich da als Start-up-Gründer gesehen?

Ich glaube, wir hatten noch kein Wort dafür. Eine Firma aufzumachen war einfach eine Lösung für ein Problem, das wir hatten. Am Anfang konnte ich das auch alles alleine machen, später haben mir ein paar Freunde geholfen. Irgendwann habe ich begonnen Leute einzustellen, weil ich tagsüber programmiert und mich abends um den Kundenservice gekümmert habe. Was zusätzlich zu Problemen geführt hat: Wenn ein Kunde sich beklagt hat, dass eine Funktion fehlte, wollte ich das nicht zugeben. Also habe ich die ganze Nacht gearbeitet und habe das Feature dazu programmiert.

Wie haben Sie sich zu Beginn finanziert?

Als ich aus Deutschland weggezogen bin, habe ich all meinen Besitz auf Ebay verkauft. Ich bin in Kanada mit Handgepäck und einer Festplatte angekommen. Dadurch hatte ich ein bisschen Geld. Und wir waren sparsam: Bei Shopify hat es mehr als zwei Jahre gedauert, bis ich zum ersten Mal ein Gehalt bezogen habe. Das lag dann knapp über dem Mindestlohn. Unsere Server haben wir gebraucht von anderen Firmen gekauft, die pleite gegangen waren. Jeden Freitag haben wir Fifa-Turniere abgehalten. Wer verlor, musste nach Toronto fahren und die Server im Rechenzentrum einbauen.