Capital-History

Die großen BetrügerWie ein gewitzter Hochstapler den Eiffelturm verkaufte

Victor Lustig (2. v. r.) auf dem Weg zum Gericht – nachdem er in den 30er-Jahren schließlich wegen Geldfälschung aufgeflogen war
Victor Lustig (2. v. r.) auf dem Weg zum Gericht – nachdem er in den 30er-Jahren schließlich wegen Geldfälschung aufgeflogen wardpa

Der Eiffelturm ist 1925 in die Jahre gekommen. Alle anderen Bauten, die für die Weltausstellung 1889 errichtet wurden, sind längst wieder eingerissen, selbst die Galerie des Machines, die spektakuläre Haupthalle mit ihrem Dach aus Eisen und Glas. Der Turm aber steht, blickt über Paris – und will weiter gewartet werden. Alle sieben Jahre muss das Wahrzeichen wegen des ständig drohenden Rosts neu gestrichen werden, so hat es der Erbauer Gustave Eiffel verfügt. Und das bedeutet einen Anstrich von Hand, von oben bis unten, mit 60 Tonnen Farbe, bis zu 18 Monaten Arbeit – und vor allem: enormen Kosten.

Für einen Anstrich werden heute rund 3 Mio. Euro ausgegeben, ein Klacks für den Erhalt eines der berühmtesten Bauwerke der Welt. Doch in den 20er-Jahren ist manchen der Pariser Stadtväter das alles zu aufwendig und zu teuer. Und als 1925 zum fünften Mal ein neuer Anstrich fällig ist, geistert darum wieder eine alte Forderung durch die Pariser Gazetten: den Eiffelturm einfach abzutragen.

In der Empfangshalle eines feinen Luxushotels unweit des Eiffelturms sitzt im Frühjahr 1925 Victor Lustig in einem Sessel und lässt seine Zeitung in den Schoß sinken. Zwischen schweren Samtvorhängen hindurch blickt er über den Platz Trocadéro auf das gegenüberliegende Ufer der Seine; am Fuß des Turms blühen auf dem Marsfeld die ersten Primeln und Tulpen.

Hier im Hotel kennt man ihn als „Graf Victor Lustig“, und niemand ahnt, dass sich hinter dem elegant gekleideten Stammgast mit vollem, schwarzem Haar ein Trickbetrüger verbirgt, der in die Geschichte eingehen wird: als der Mann, der den Eiffelturm verkaufte. Geschweige denn, dass ihm gerade der Einfall zu seinem größten Coup gekommen ist.

Lustigs Hand gleitet seinen Frack entlang, zu den Taschen, die er versteckt hat einnähen lassen. Gewöhnlich verwahrt er darin die Gewinne, die er beim Kartenspiel in den Kasinos der Ozeandampfer ergaunert, mit denen er regelmäßig über den Atlantik fährt. Bloß schrumpften die Gewinne zuletzt. Doch was er gerade über den Eiffelturm in der Zeitung gelesen hat, erinnert ihn an ein Gespräch, das er Jahre zuvor in Kansas City mit einem Bauunternehmer führte. Dort erfuhr er ganz beiläufig etwas, das Lustigs Taschen nun wieder füllen könnte: wie gut man nämlich mit Abrissarbeiten und Alteisen Geld verdienen kann.

Poker statt Uni

Victor Lustig ist zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt. Er ist der Sohn des Pfeifen- und Tabakhändlers Ludwig Lustig, Bürgermeister der Stadt Arnau in Böhmen (heute das tschechische Hostinné) – und eigentlich sollte aus ihm ein solider Anwalt werden. Am Oberlauf der Elbe, in Wien und in Dresden besuchte Lustig beste Schulen, lernte Französisch und Englisch. Dann schickte man ihn nach Paris an die Universität. Bloß trieb sich der 19-Jährige lieber nachts in Poker- und Billardhallen herum als bei Tag in den Hörsälen.

Schon in jenen Tagen debattierte Paris über die Zukunft des Eiffelturms. Der laute Protest bekannter Ästheten wie Guy de Maupassant gegen den Bau des „unnützen, hässlichen Monstrums“ war verstummt. Bei Hochzeitspaaren und schwindelfreien Touristen blieb die Attraktion beliebt. Doch die dem Erbauer gewährte Betreiberlizenz lief 1909 nach 20 Jahren aus. Angeblich kalkulierte die Stadt, inzwischen Besitzer des Turms, was ein Abriss kosten würde.

Als Lustig kurz darauf in die USA übersiedelte, nahm er eine Erkenntnis mit: wie leichtfertig die Stadtväter ihren Touristenmagneten zur Disposition stellten. Oder es zumindest tun könnten.

In den USA bewegte sich Lustig – weltgewandt, gebildet, elegant – bald in wohlhabenden Kreisen. In der Welt des schnellen Dollars war europäischer Adel gern gesehen, und Lustig verlieh sich kurzerhand selbst den Titel „Graf“. Vermutlich hätte er auch in der Politik Karriere machen können. Doch er liebte das Kartenspiel, das Zocken und die Freiheit. „Irgendwann nahm er an einer Weggabelung die falsche Abzweigung“, schrieb seine Frau Roberta in ihr Tagebuch. Er gelobte zwar, „niemals einen guten oder armen Menschen übers Ohr zu hauen“. Aber da war noch diese andere Seite, „die mit der Schwäche für Spiel und für Geld“.

Für seinen Lebensunterhalt sorgten bald seine Kreativität beim Erschaffen neuer Gaunereien – und die Leichtgläubigkeit der Menschen. Einige Berühmtheit erlangte er mit der Erfindung eines Holzkästchens, das angeblich 100-Dollar-Noten druckte. Mit ein paar echten Scheinen führte Lustig das Gerät vor, schärft den Käufern aber ein, „wegen der chemischen Reaktion“ einige Stunden mit dem nächsten Durchlauf zu warten. Kam dann nur blankes Papier, war er längst getürmt.

Blamieren und kassieren

Der falsche Graf hatte so seine Formel gefunden: Er blendete seine Opfer mit der Aussicht auf satten Gewinn, weihte sie konspirativ in ein Geheimnis ein, nur um sie am Ende so blamiert zurückzulassen, dass sie gar nicht erst wagten aufzumucken. Und als Victor Lustig 1925 aus dem Luxushotel auf den Eiffelturm blickt, ersinnt er aus dieser Formel den Bluff seines Lebens.

1925 wirbt André Citroën am Eiffelturm für seine Autos. Im selben Jahr verkauft der Hochstapler Victor Lustig gleich den ganzen Turm
1925 wirbt André Citroën am Eiffelturm für seine Autos. Im selben Jahr verkauft der Hochstapler Victor Lustig gleich den ganzen Turm

Seinen Komplizen Dan Collins, in Amerika bekannt als „Dapper Dan“, schickt er aus, um Erkundungen über die Eisenhändler der Stadt anzustellen. Einer Sekretärin im Postministerium soll er Briefpapier abluchsen, um Anschreiben und Visitenkarten zu fälschen. Lustigs Idee: Er will sich als Direktor des Post- und Telegrafenministeriums ausgeben und den Eiffelturm zum Kauf und Abriss anbieten.

In den Jahren, die Lustig in den USA zubrachte, hat Paris sich verändert. Die Briefe überbringen nun Automobile statt Pferdekutschen. Erste elektrische Straßenlaternen ersetzen das flackernde Licht der Gaslampen. Die Elektrizität treibt die zweite industrielle Revolution voran. Frankreich erlebt eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs.

Die Stahlproduktion ist wichtig für das nationale Selbstwertgefühl. Die Öfen laufen heiß, Frankreich ist Exportweltmeister. Dank des Vertrags von Versailles hat das Land wieder Zugriff auf die reichen Erzvorkommen Elsass-Lothringens. Knapp vier Millionen Tonnen Stahl, Guss- und Roheisen verschifft es 1925, und daheim verlangt die Automobilindustrie nach noch mehr. Die Nachfrage nach Eisen und Stahl brummt. Wer würde da nicht gerne 7300 Tonnen Stahl in Zahlung nehmen – auch wenn er dafür ein Pariser Wahrzeichen abbauen müsste?

Fünf Eisenhändler schreibt Lustig an, jeweils mit der Bitte um ein Angebot zur Demontage – und um höchste Geheimhaltung! Eine Woche darauf bestellt er alle fünf zu einem Treffen ein. „Warum ins Hotel und nicht ins Ministerium?“, fragen sie anfangs. Doch die Erklärung des falschen Ministerialdirektors überzeugt: Die Stadt will kein Aufhebens. Nur keinen Skandal! Aber die Kosten zwingen zum Handeln …! – Und so nimmt der Betrug seinen Lauf. Den Händlern bietet Lustig einen einmaligen Deal. Sie fühlen sich gebauchpinselt, eingeweiht in eine Verschwörung. Und natürlich wollen sie sich gegenseitig ausstechen.

Zum Beweis seiner allerbesten Absichten fährt Lustig die Truppe in einer Limousine zum Ortstermin am Turm. Er geleitet sie zum Kassenhäuschen, zückt seine falsche Visitenkarte – und … darf passieren.

Hier im Schatten zwischen den Füßen ist die schiere, wuchtige Menge des Eisens zu spüren: 2,5 Millionen Nieten halten die 7300 Tonnen über den Köpfen zusammen, die einzelnen Träger sind bis zu drei Tonnen schwer. Würde man den Turm en bloc einschmelzen, erhielte man eine 6,5 Zentimeter dicke Stahlplatte, die die 16.187 Quadratmeter des Fundaments bedeckte.

Fünf Herrenzylinder neigen sich in fünf Nacken. Fünf Männer zerlegen im Geiste die 312 Meter hinaufragenden Eisenarme in ihre Einzelteile. Es ist ein Schlüsselmoment in Lustigs Drehbuch – er muss die Gier der potenziellen Käufer wecken. Aber er weiß sowieso schon längst, wem der fünf er schließlich den Zuschlag erteilen wird.

Schon bei der Begrüßung hat er den Händler mit dem nervösesten Händedruck ausgeguckt: André Poisson, einen unsicheren Mann mit einem kleinen, kaum bekannten Betrieb. Der Geschäftsmann zu sein, der das weltbekannte Wahrzeichen demontiert, wäre für Poisson ein unschlagbarer Prestigegewinn. (Die Tochter von Victor Lustig behauptet in einem Buch allerdings, der Name des Stahlhändlers sei Jacques Reynaud gewesen.) „Meine Herren“, unterbricht Lustig die Gedanken der Stahlhändler, „ich erbitte Ihr Gebot bis Montag. Schriftlich.“

Ein nützlicher Turm

Die Menge des Stahls, die man von unterhalb des Turms bestaunen kann, die potenzielle Größe des Geschäfts verstellen bei den Unternehmern tatsächlich den Blick auf die Realität. Denn obwohl Zeitungen über einen Abriss spekulieren, denkt niemand ernsthaft daran. Die Stadt hätte das gar nicht allein entscheiden können. Baulich wie finanziell hatte Eiffel das volle Risiko getragen. So hätte er den Turm auch selbst demontieren müssen, wäre der aus irgendeinem Grund zur Gefahr geworden.

Auch wirtschaftlich ist der Turm ein bleibender Erfolg. Die Baukosten waren im ersten Jahr amortisiert. Seit 1909 ließ eine 70-Jahres-Lizenz die Compagnie d’Exploitation de la tour Eiffel gelassen in die Zukunft schauen, und eine halbe Million Besucher pro Jahr brachten genügend Einnahmen.

Der 1923 verstorbene Eiffel hat für sein Werk zudem immer neuen Nutzwert geschaffen. Erst war der Turm eine Wetterstation, dann Labor für Schwerkraft, Luftwiderstand und Aerodynamik. Seine Lebensversicherung aber war schlicht die Größe: ein idealer Fernmeldemast. Auf Einladung Eiffels schickte das Militär drahtlose Telegramme bis Berlin und Nordamerika. Im Ersten Weltkrieg wurde eine Abhörstation für feindlichen Funkverkehr aus dem Sender. Später ein Studio für erste Rundfunknachrichten und Musikprogramme. 1925 testeten Ingenieure sogar das Senden von TV-Signalen.

Dass sich der Koloss im Laufe der Zeit unentbehrlich gemacht hat, ist sowohl dem falschen Grafen wie offenbar auch den Pariser „Ferrailleurs“ entgangen. In seiner Unwissenheit geht André Poisson in die Falle. Ahnungslos, dass Lustig ihn längst auserkoren hat, beeilt er sich mit dem Angebot. Den Kaufvertrag unterzeichnet er binnen Tagen, übergibt seinen Scheck – und dazu noch einen kleinen, diskreten, aber gut gefüllten Umschlag für Lustig persönlich, den Lustig ebenso diskret verlangt hat. Wenn Poisson noch leise Zweifel gehabt haben mag, so zerstreut Lustig sie mit diesem Trick: Nur ein korrupter Beamter ist schließlich ein echter Beamter.

Das Opfer schweigt

Poisson ist glücklich über das gelungene Geschäft. Lustig und sein Komplize Dapper Dan tauchen so schnell wie möglich in Wien unter. Dort beginnt für sie das Warten. Jeden Tag flöhen sie die Zeitungen auf Meldungen aus Paris. Doch keine Zeile erscheint über ihren Betrug des Jahrhunderts. Übermütig wagen sie schließlich einen zweiten Akt, kehren nach Paris zurück und versuchen denselben Trick noch einmal. Zu ihrem Ärger geht diesmal einer der angelockten Eisenhändler zur Polizei: Der Schwindel fliegt auf – und in dessen Windschatten auch ihre erste Nummer aus Paris.

Wie sich herausstellt, ist dort André Poisson nach dem Abschluss des Geschäfts beim Ministerium vorstellig geworden – wo man ihn für verrückt erklärt hat. Der Händler schämt sich daraufhin dermaßen, der Luftnummer auf den Leim gegangen zu sein, dass er den Urheber nicht anzeigt. Als aber Lustig im zweiten Versuch auffliegt, kommt auch Poisson aus der Deckung. Trottel hin, Trottel her. Welchen Preis Poisson für den Turm gezahlt hat, wird allerdings nie aktenkundig.

Obwohl Lustig auffliegt, schafft er es wieder zu entkommen. Bevor ihm etwas nachzuweisen ist, setzt er sich in die USA ab. Wie Dutzende Male zuvor unter neuer Identität. Bald aber wird er in den USA wegen verstiegener Anlagetricks gesucht.

Selbst Mafiaboss Al Capone ließ sich von Victor Lustig um den Finger wickeln
Selbst Mafiaboss Al Capone
ließ sich von Victor Lustig um den Finger wickeln

Dazu haut er noch Al Capone übers Ohr – und gewinnt trotzdem dessen Vertrauen: Er leiht sich 50.000 Dollar vom meistgefürchteten Mafiaboss und verspricht, sie zu verdoppeln. Tatsächlich deponiert er das Geld nur in einem Schließfach, wartet und kehrt schließlich reumütig mit dem Geld zurück: Er habe es leider nicht geschafft, die 50.000 zu vermehren. Al Capone ist perplex ob so viel Ehrlichkeit, erspart Lustig die harte Abrechnung und schenkt ihm noch 5000 Dollar.

In der Halbwelt des organisierten Verbrechens hat Lustig damit einen Feind weniger. Als er schließlich doch wegen Geldfälscherei im Gefängnis landet – lang auf der berüchtigten Gefängnisinsel Alcatraz –, hält Capone gar eine schützende Hand über ihn.

Victor Lustig wird trotzdem hinter Gittern sterben. 1947, mit 57 Jahren, im Gefängniskrankenhaus Springfield, Missouri. Unspektakulär an den Folgen einer Lungenentzündung. Sein „Verkauf“ des Eiffelturms bleibt konkurrenzlos. Andere sollen versucht haben, die Nelsonsäule am Londoner Trafalgar Square zu verscherbeln oder den Buckingham Palace oder die Freiheitsstatue. Aber keiner hat es geschafft, ein Opfer mit einer ähnlichen Finte nachweislich hereinzulegen. Alles, was je vom Eiffelturm verkauft wurde, war ein Stück Wendeltreppe. Sie wurde ausgewechselt und teilweise in öffentlicher Auktion versteigert.