Capital-History

Die großen BetrügerWie ein gewitzter Hochstapler den Eiffelturm verkaufte

Seite: 4 von 4

Das Opfer schweigt

Poisson ist glücklich über das gelungene Geschäft. Lustig und sein Komplize Dapper Dan tauchen so schnell wie möglich in Wien unter. Dort beginnt für sie das Warten. Jeden Tag flöhen sie die Zeitungen auf Meldungen aus Paris. Doch keine Zeile erscheint über ihren Betrug des Jahrhunderts. Übermütig wagen sie schließlich einen zweiten Akt, kehren nach Paris zurück und versuchen denselben Trick noch einmal. Zu ihrem Ärger geht diesmal einer der angelockten Eisenhändler zur Polizei: Der Schwindel fliegt auf – und in dessen Windschatten auch ihre erste Nummer aus Paris.

Wie sich herausstellt, ist dort André Poisson nach dem Abschluss des Geschäfts beim Ministerium vorstellig geworden – wo man ihn für verrückt erklärt hat. Der Händler schämt sich daraufhin dermaßen, der Luftnummer auf den Leim gegangen zu sein, dass er den Urheber nicht anzeigt. Als aber Lustig im zweiten Versuch auffliegt, kommt auch Poisson aus der Deckung. Trottel hin, Trottel her. Welchen Preis Poisson für den Turm gezahlt hat, wird allerdings nie aktenkundig.

Obwohl Lustig auffliegt, schafft er es wieder zu entkommen. Bevor ihm etwas nachzuweisen ist, setzt er sich in die USA ab. Wie Dutzende Male zuvor unter neuer Identität. Bald aber wird er in den USA wegen verstiegener Anlagetricks gesucht.

Selbst Mafiaboss Al Capone ließ sich von Victor Lustig um den Finger wickeln
Selbst Mafiaboss Al Capone
ließ sich von Victor Lustig um den Finger wickeln

Dazu haut er noch Al Capone übers Ohr – und gewinnt trotzdem dessen Vertrauen: Er leiht sich 50.000 Dollar vom meistgefürchteten Mafiaboss und verspricht, sie zu verdoppeln. Tatsächlich deponiert er das Geld nur in einem Schließfach, wartet und kehrt schließlich reumütig mit dem Geld zurück: Er habe es leider nicht geschafft, die 50.000 zu vermehren. Al Capone ist perplex ob so viel Ehrlichkeit, erspart Lustig die harte Abrechnung und schenkt ihm noch 5000 Dollar.

In der Halbwelt des organisierten Verbrechens hat Lustig damit einen Feind weniger. Als er schließlich doch wegen Geldfälscherei im Gefängnis landet – lang auf der berüchtigten Gefängnisinsel Alcatraz –, hält Capone gar eine schützende Hand über ihn.

Victor Lustig wird trotzdem hinter Gittern sterben. 1947, mit 57 Jahren, im Gefängniskrankenhaus Springfield, Missouri. Unspektakulär an den Folgen einer Lungenentzündung. Sein „Verkauf“ des Eiffelturms bleibt konkurrenzlos. Andere sollen versucht haben, die Nelsonsäule am Londoner Trafalgar Square zu verscherbeln oder den Buckingham Palace oder die Freiheitsstatue. Aber keiner hat es geschafft, ein Opfer mit einer ähnlichen Finte nachweislich hereinzulegen. Alles, was je vom Eiffelturm verkauft wurde, war ein Stück Wendeltreppe. Sie wurde ausgewechselt und teilweise in öffentlicher Auktion versteigert.