Capital-History

Die großen BetrügerWie ein gewitzter Hochstapler den Eiffelturm verkaufte

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Hier im Schatten zwischen den Füßen ist die schiere, wuchtige Menge des Eisens zu spüren: 2,5 Millionen Nieten halten die 7300 Tonnen über den Köpfen zusammen, die einzelnen Träger sind bis zu drei Tonnen schwer. Würde man den Turm en bloc einschmelzen, erhielte man eine 6,5 Zentimeter dicke Stahlplatte, die die 16.187 Quadratmeter des Fundaments bedeckte.

Fünf Herrenzylinder neigen sich in fünf Nacken. Fünf Männer zerlegen im Geiste die 312 Meter hinaufragenden Eisenarme in ihre Einzelteile. Es ist ein Schlüsselmoment in Lustigs Drehbuch – er muss die Gier der potenziellen Käufer wecken. Aber er weiß sowieso schon längst, wem der fünf er schließlich den Zuschlag erteilen wird.

Schon bei der Begrüßung hat er den Händler mit dem nervösesten Händedruck ausgeguckt: André Poisson, einen unsicheren Mann mit einem kleinen, kaum bekannten Betrieb. Der Geschäftsmann zu sein, der das weltbekannte Wahrzeichen demontiert, wäre für Poisson ein unschlagbarer Prestigegewinn. (Die Tochter von Victor Lustig behauptet in einem Buch allerdings, der Name des Stahlhändlers sei Jacques Reynaud gewesen.) „Meine Herren“, unterbricht Lustig die Gedanken der Stahlhändler, „ich erbitte Ihr Gebot bis Montag. Schriftlich.“

Ein nützlicher Turm

Die Menge des Stahls, die man von unterhalb des Turms bestaunen kann, die potenzielle Größe des Geschäfts verstellen bei den Unternehmern tatsächlich den Blick auf die Realität. Denn obwohl Zeitungen über einen Abriss spekulieren, denkt niemand ernsthaft daran. Die Stadt hätte das gar nicht allein entscheiden können. Baulich wie finanziell hatte Eiffel das volle Risiko getragen. So hätte er den Turm auch selbst demontieren müssen, wäre der aus irgendeinem Grund zur Gefahr geworden.

Auch wirtschaftlich ist der Turm ein bleibender Erfolg. Die Baukosten waren im ersten Jahr amortisiert. Seit 1909 ließ eine 70-Jahres-Lizenz die Compagnie d’Exploitation de la tour Eiffel gelassen in die Zukunft schauen, und eine halbe Million Besucher pro Jahr brachten genügend Einnahmen.

Der 1923 verstorbene Eiffel hat für sein Werk zudem immer neuen Nutzwert geschaffen. Erst war der Turm eine Wetterstation, dann Labor für Schwerkraft, Luftwiderstand und Aerodynamik. Seine Lebensversicherung aber war schlicht die Größe: ein idealer Fernmeldemast. Auf Einladung Eiffels schickte das Militär drahtlose Telegramme bis Berlin und Nordamerika. Im Ersten Weltkrieg wurde eine Abhörstation für feindlichen Funkverkehr aus dem Sender. Später ein Studio für erste Rundfunknachrichten und Musikprogramme. 1925 testeten Ingenieure sogar das Senden von TV-Signalen.

Dass sich der Koloss im Laufe der Zeit unentbehrlich gemacht hat, ist sowohl dem falschen Grafen wie offenbar auch den Pariser „Ferrailleurs“ entgangen. In seiner Unwissenheit geht André Poisson in die Falle. Ahnungslos, dass Lustig ihn längst auserkoren hat, beeilt er sich mit dem Angebot. Den Kaufvertrag unterzeichnet er binnen Tagen, übergibt seinen Scheck – und dazu noch einen kleinen, diskreten, aber gut gefüllten Umschlag für Lustig persönlich, den Lustig ebenso diskret verlangt hat. Wenn Poisson noch leise Zweifel gehabt haben mag, so zerstreut Lustig sie mit diesem Trick: Nur ein korrupter Beamter ist schließlich ein echter Beamter.