Capital-History

Die großen BetrügerWie ein gewitzter Hochstapler den Eiffelturm verkaufte

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In den USA bewegte sich Lustig – weltgewandt, gebildet, elegant – bald in wohlhabenden Kreisen. In der Welt des schnellen Dollars war europäischer Adel gern gesehen, und Lustig verlieh sich kurzerhand selbst den Titel „Graf“. Vermutlich hätte er auch in der Politik Karriere machen können. Doch er liebte das Kartenspiel, das Zocken und die Freiheit. „Irgendwann nahm er an einer Weggabelung die falsche Abzweigung“, schrieb seine Frau Roberta in ihr Tagebuch. Er gelobte zwar, „niemals einen guten oder armen Menschen übers Ohr zu hauen“. Aber da war noch diese andere Seite, „die mit der Schwäche für Spiel und für Geld“.

Für seinen Lebensunterhalt sorgten bald seine Kreativität beim Erschaffen neuer Gaunereien – und die Leichtgläubigkeit der Menschen. Einige Berühmtheit erlangte er mit der Erfindung eines Holzkästchens, das angeblich 100-Dollar-Noten druckte. Mit ein paar echten Scheinen führte Lustig das Gerät vor, schärft den Käufern aber ein, „wegen der chemischen Reaktion“ einige Stunden mit dem nächsten Durchlauf zu warten. Kam dann nur blankes Papier, war er längst getürmt.

Blamieren und kassieren

Der falsche Graf hatte so seine Formel gefunden: Er blendete seine Opfer mit der Aussicht auf satten Gewinn, weihte sie konspirativ in ein Geheimnis ein, nur um sie am Ende so blamiert zurückzulassen, dass sie gar nicht erst wagten aufzumucken. Und als Victor Lustig 1925 aus dem Luxushotel auf den Eiffelturm blickt, ersinnt er aus dieser Formel den Bluff seines Lebens.

1925 wirbt André Citroën am Eiffelturm für seine Autos. Im selben Jahr verkauft der Hochstapler Victor Lustig gleich den ganzen Turm
1925 wirbt André Citroën am Eiffelturm für seine Autos. Im selben Jahr verkauft der Hochstapler Victor Lustig gleich den ganzen Turm

Seinen Komplizen Dan Collins, in Amerika bekannt als „Dapper Dan“, schickt er aus, um Erkundungen über die Eisenhändler der Stadt anzustellen. Einer Sekretärin im Postministerium soll er Briefpapier abluchsen, um Anschreiben und Visitenkarten zu fälschen. Lustigs Idee: Er will sich als Direktor des Post- und Telegrafenministeriums ausgeben und den Eiffelturm zum Kauf und Abriss anbieten.

In den Jahren, die Lustig in den USA zubrachte, hat Paris sich verändert. Die Briefe überbringen nun Automobile statt Pferdekutschen. Erste elektrische Straßenlaternen ersetzen das flackernde Licht der Gaslampen. Die Elektrizität treibt die zweite industrielle Revolution voran. Frankreich erlebt eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs.

Die Stahlproduktion ist wichtig für das nationale Selbstwertgefühl. Die Öfen laufen heiß, Frankreich ist Exportweltmeister. Dank des Vertrags von Versailles hat das Land wieder Zugriff auf die reichen Erzvorkommen Elsass-Lothringens. Knapp vier Millionen Tonnen Stahl, Guss- und Roheisen verschifft es 1925, und daheim verlangt die Automobilindustrie nach noch mehr. Die Nachfrage nach Eisen und Stahl brummt. Wer würde da nicht gerne 7300 Tonnen Stahl in Zahlung nehmen – auch wenn er dafür ein Pariser Wahrzeichen abbauen müsste?

Fünf Eisenhändler schreibt Lustig an, jeweils mit der Bitte um ein Angebot zur Demontage – und um höchste Geheimhaltung! Eine Woche darauf bestellt er alle fünf zu einem Treffen ein. „Warum ins Hotel und nicht ins Ministerium?“, fragen sie anfangs. Doch die Erklärung des falschen Ministerialdirektors überzeugt: Die Stadt will kein Aufhebens. Nur keinen Skandal! Aber die Kosten zwingen zum Handeln …! – Und so nimmt der Betrug seinen Lauf. Den Händlern bietet Lustig einen einmaligen Deal. Sie fühlen sich gebauchpinselt, eingeweiht in eine Verschwörung. Und natürlich wollen sie sich gegenseitig ausstechen.

Zum Beweis seiner allerbesten Absichten fährt Lustig die Truppe in einer Limousine zum Ortstermin am Turm. Er geleitet sie zum Kassenhäuschen, zückt seine falsche Visitenkarte – und … darf passieren.