Capital-History

Die großen BetrügerDieser Mann behauptete, Gold chemisch herstellen zu können

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Musikalische Chemie

Nach dem Krieg schlug Tausends große Stunde. Mit mehr oder weniger windigen Geschäften war er zu etwas Geld gelangt. Im damaligen Münchner Vorort Obermenzing baute er sich ein Laboratorium auf. Es ging ihm nicht darum, sein bescheidenes Drogistenwissen aufzufrischen, weit gefehlt. Tausend gab vor, eine Alternative zum chemischen Periodensystem entwickelt zu haben, eine Art musikalische Chemie. Er ließ eine Broschüre drucken: „180 Elemente, deren Atomgewichte und Eingliederung in das harmonisch-periodische System“. Wie einem Ton ordnete er jedem Stoff eine bestimmte Schwingung zu. Durch Kombination dieser Schwingungen könnten, behauptete er, neue Elemente erschaffen werden. Solche Ideen entstammten der okkulten Alchemie früherer Jahrhunderte und galten unter ernsthaften Wissenschaftlern als Mumpitz. Tausend aber hatte erreicht, worauf es ihm ankam: sich den Anstrich eines echten Chemikers zu geben.

1924 traf der Pseudo-Erfinder einen, der ihm weiterhelfen konnte und wollte: Rudolf Rienhardt, einen jungen Nationalsozialisten, der später im Dritten Reich als Pressefunktionär Karriere machte. Rienhardt hatte einem preußischen Gutsbesitzer die Frau ausgespannt und nun Zugang zu Geld. Und er hatte Kontakte – vor allem zu einflussreichen Leuten aus der völkischen Bewegung. Tausend interessierte sich für deren Ideologie vermutlich wenig. Dafür umso mehr für die Möglichkeit, an Geld zu kommen.

Gemeinsam gründeten sie ein Unternehmen zur Goldproduktion: die Tausend-Rienhardt GmbH. Schon zwei Jahre zuvor habe er aus Zufall einen Weg gefunden, das Edelmetall herzustellen, machte Tausend seinem Kompagnon weis. „Ich machte damals irgendeinen Versuch. Die Masse flog in die Luft und an die Wand; nachträglich stellte sich heraus, dass ganz kleine Goldblättchen an der Wand zu sehen waren.“

Dass eine solche Schilderung in den 20er-Jahren ernst genommen wurde, mag heute seltsam wirken. Doch die Vision, Gold künstlich herzustellen, spukte damals durch viele Köpfe. So versuchte der Chemienobelpreisträger Fritz Haber, Gold aus Meerwasser zu gewinnen. Er gab die Idee wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit allerdings auf. Auch Wissenschaftler in Europa, Japan und den USA arbeiteten an Methoden zur Edelmetallherstellung. Und in Deutschland sammelten Scharlatane wie Hans Unruh und Heinz Kurschildgen zur gleichen Zeit wie Tausend Goldgläubige um sich. Besonders anfällig für die Idee waren die frühen Nationalsozialisten. Bei ihnen paarte sich die Faszination für moderne Technik mit einer Verklärung altertümlicher Mythen.

Und so tummelten sich im Umfeld von Tausend bald die Nationalisten. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg träumten sie davon, die deutsche Reichsherrlichkeit wiederherzustellen. Einer von ihnen wurde für Tausend zum Karrierebeschleuniger: Erich Ludendorff.

Der Weltkriegsgeneral kämpfte verbissen gegen die Weimarer Republik. 1923 versuchte er zusammen mit Adolf Hitler, die Reichsregierung zu stürzen. Der Putsch scheiterte, Hitler und Ludendorff entzweiten sich, aber der General blieb ein Akteur der völkischen Bewegung. Und die benötigte in diesen frühen Jahren vor allem eins: Geld. Da kam ein Goldmacher gerade richtig.

Experimente für Investoren

In einer Produktgesellschaft fanden sich Tausends Anleger zusammen, darunter der Industrielle Alfred Mannesmann, der Ingenieur Fritz Döring und Ludendorff selbst. Mit abenteuerlichen Experimenten hielt der Betrüger die Investoren bei der Stange: „Sobald die Masse anfing, flüssig zu werden, wuchs die Erregung der Zuschauer, von denen sich manchmal zehn eingefunden hatten“, schreibt der Autor Heinrich Schleff in einem 1929 veröffentlichten Buch. „Aller Augen hingen an dem Tiegel, in dem es brodelte und zischte und aus dem manchmal das Kaliumhydrooxyd vorlaut herausspritzte.“

In den meisten Fällen blieb am Ende des Gespritzes tatsächlich ein Körnchen Gold liegen. Dessen Echtheit wurde dann jeweils von Experten bestätigt. Wie Tausend den wundersamen Wandel zuwege brachte, blieb bis zum Schluss sein Geheimnis. Als wahrscheinlich gilt, dass er das Gold in einem unbeobachteten Moment aus dem Mund oder der Hand in den Tiegel fallen ließ. Eines steht fest: Zu einer Goldproduktion im größeren Ausmaß kam es nie.