GastbeitragSchwedens Corona-Weg – ein Leadership-Modell der Zukunft?

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Und dann loslassen!

Und dann versuchen „sie“, ihre Bürger, Mitarbeiter oder Schüler so weit wie möglich loszulassen. Tatsächlich zeigt die Forschung, dass Menschen, denen Vertrauen entgegengebracht wird, sich eher vertrauenswürdig verhalten. Klar, denn wenn uns etwas zugetraut wird, erfüllt uns das mit Stolz und lässt uns wachsen. Menschen sind im Allgemeinen dankbar und glücklich, wenn ihnen Freiheit geschenkt wird. Und dann möchte sich der Mensch dieser Ehre auch würdig erweisen und ist bereit, die sogenannte „extra Mile“ zu gehen.

Und das Durchhaltevermögen für diese extra Meile benötigen wir jetzt, denn Corona wird uns noch über Wochen, vielleicht sogar Monate begleiten. Deshalb versucht man, die Beschränkungen der schwedischen Bevölkerung so klein wie möglich zu halten, damit alle bereit sind, den Weg lange mitzugehen. Das ist einfach nur ein anderer Ansatz, der versucht dem Phänomen der psychologischen Reaktanz Rechnung zu tragen.

Sanktionen, die als zu hart, zu eingreifend, zu unnachvollziehbar erfahren werden, können nach einer gewissen Zeit auf Widerstand stoßen. Sie werden dann mehr oder weniger offensichtlich boykottiert. Unerwünschtes Verhalten kann sogar verstärkt werden. Die Presseveranstaltung der Experten vor zwei Tagen hat gezeigt, dass diese Strategie für die freiheitsliebenden Wikinger aufzugehen scheint. Die Motivation, sich an Regeln zu halten, flaut nicht etwa ab, sondern steigt täglich.

Schlangestehen in einem Café
Schlangestehen in einem Café

Und deshalb stehen die Schweden hier direkt vor meinem Laptop brav auf Abstand in einer Reihe. Vielleicht nicht genau 1,50 Meter, vielleicht 1,29 oder 1,67 Meter. Freiwillig und unkontrolliert. In Schweden geht man davon aus, dass sich 90 Prozent der Menschen vernünftig verhalten. Die meisten also. Nicht alle. Doch deshalb kontrolliert man doch nicht diese „alle“, sondern konzentriert sich lieber auf die wenigen, die sich des Vertrauens nicht würdig erweisen.

Unsicherheit ist Alltag

Schweden ist ein kleines Land. Niemand hat je auf Wikinger gewartet. Zumindest nicht freiwillig. Deshalb mussten sie von jeher alle Kräfte nutzen und sich kreativ auf jede Veränderung einstellen. Man weiß schließlich nie, woher die nächste Breitseite kommt. Veränderung ist ein Teil der schwedischen Lebensrealität. Das Gefühl der Unsicherheit lässt sie im Gegensatz zu uns Deutschen dementsprechend relativ kalt. Neues und Modernität, Automatisierung, Digitalisierung und Zukunft sind extrem positiv besetzte Begriffe.

Wikinger probieren lieber flexibel auf einer Welle mitzusurfen, anstatt sie aufzuhalten oder von ihr überrollt zu werden. Genau das versuchen sie jetzt mit der Coronawelle.

Digitaler Fortschritt in Schweden

Sie surfen allerdings auch schon seit Jahrzehnten leidenschaftlich durchs Netz und sind deshalb genauso, wie ihre skandinavischen Nachbarn unbeabsichtigt ausgezeichnet auf die Krise vorbereitet. Vieles läuft unter dem Radar der ausländischen Medien ab. Am 18. März 2020 erhielt ich zum Beispiel bereits eine Mail meiner Kommune, in der ich angeben sollte, ob mein Kind zu Hause einen Zugang zum Internet hat und über ein eigenes Tablet, einen PC oder ein Laptop verfügt. Wer dies nicht hatte, bekam es umgehend von der Kommune zur Verfügung gestellt, denn auch bei Home-Schooling sollen alle dieselben Chancen haben. An jeder Milchkanne. Auch, wenn es bisher nicht eingesetzt wurde.

Und das ist keine so große Investition, da 75 Prozent aller Kinder ab der 7. Klasse über ein Schul-Tablet verfügen, 100 Prozent aller Kinder ab der 10. Klasse haben darüber hinaus einen eigenen Schul-Laptop. Dieses Projekt, Schulen mit Laptops auszustatten, hat die schwedische Regierung im Jahre 2006 gestartet.