GastbeitragSchwedens Corona-Weg – ein Leadership-Modell der Zukunft?

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Freiheit, Vertrauen und Verantwortung ist die Grundlage des schwedischen Sonderweges. Die schwedische Regierung vertraut darauf, dass ihre Bürger jetzt die Mittel anwenden, die sie schon in der Schule gelernt haben: selbstständig denken, zum eigenen Besten und zum Besten aller. Schule und Erziehung dient nicht nur der puren Wissensvermittlung oder der Vermittlung von Verhaltensregeln.

Schule ist im Norden ein Ort der Persönlichkeitsbildung durch Wissen. Sie dient ausdrücklich der Demokratieformung. Sie lehrt ihre Schüler, mündig zu sein und Verantwortung für sich selbst und die Gemeinschaft zu übernehmen. Und das ist verknüpft mit einem tiefen Sinn-Empfinden, selbstwirksam und bedeutungsvoll zu sein. Das ist wohl einer der Gründe, weshalb Schweden zu den glücklichsten Menschen der Welt gehören.

Wer keine Verantwortung übernimmt, kann niemals Freiheit erlangen

Und deshalb üben sich die kleinen Pippis, Tommys und Anikas schon früh darin, für ihr Tun auch die passende Verantwortung zu übernehmen. „Frihet under ansvar“ (Freiheit unter Verantwortung), so lautet die Lebensweisheit des Nordens. Und wer diese Freiheit erlernt hat, der lässt sie sich auch in Corona-Zeiten nicht einfach so abknöpfen.

Die schwedische Regierung wird also – so lange es geht – vermeiden, die Freiheit der Bürger und die der Wirtschaft einzuschränken. Also spricht sie offizielle Empfehlungen aus und erlässt nur wenige Verordnungen. Inwiefern diese Empfehlungen bindend sind, darüber sind sich auch die Schweden nicht ganz einig. Empfehlungen liegen hier in einer Grauzone zwischen Rat und Recht. Verstanden hat es trotzdem jeder. Und diesen Rat erteilt nicht etwa die Regierung, sondern eine Expertengruppe. Im Fall der Covid-19-Strategie bedeutet dies, dass die Vertreter des schwedischen Gesundheitsamtes Folkhälsomyndigheten das Sagen haben.

Vertrauen entsteht durch Transparenz

Und diese Gruppe berichtet täglich um Punkt 14 Uhr live im schwedischen Fernsehen über die aktuelle Entwicklung und ihre Strategie. Über ihre Versäumnisse berichten sie natürlich auch. Sie hätten eher umfassend testen, die privatisierten Pflegeheime besser schützen und die Informationstexte für Einwanderer einfacher gestalten können. „Wir sind lernend.“ Und diese Offenheit der Berichterstattung sorgt für ein hohes Maß an Vertrauen in der schwedischen Bevölkerung.

Denn Vertrauen sinkt erst einmal nicht, wenn Fehler gemacht werden. Es sinkt, wenn man versucht sie zu kleinzureden und zu rechtfertigen. Das traditionell hohe Vertrauen der Öffentlichkeit in die Regierung ist so in einem einzigen Monat noch einmal um 20 Prozent gestiegen.

Ihr seid alt genug, euch diszipliniert zu verhalten

Und dieses Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit. So hat Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven die Gymnasiasten (also alle ab der 10. Klasse) vor ein paar Wochen mit folgenden Worten ins Home-Schooling entlassen: „Schüler, das ist kein extra Urlaub. Wir erwarten immer noch von euch, dass ihr euer Bestes gebt und versucht mit der Situation umzugehen. Ihr seid alt genug auf Distanz zu lernen und euch selbst zu disziplinieren. Ihr könnt das.“

Positive Leadership wäre dafür der passende Managementbegriff. Das sorgt dafür, dass die Menschen weitestgehend das tun, was von ihnen erwartet wird. Nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Dieser Managementstil ist typisch für schwedische Schulen und Unternehmen und sorgt für ein hohes Maß an Loyalität und Engagement. „Uppåtpuff“ nennen das die Schweden, „hochpuffen“, stolz machen, positive Zukunftsvisionen vermitteln.