WirtschaftsclusterWie Modehersteller aus Ostwestfalen dem Wandel trotzen

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Schon früh hat Seidensticker auf eine Entwicklung reagiert, die die ganze Branche bis heute prägt. Gerd Oliver Seidensticker umreißt sie mit der Formel „der Lohnminute hinterherlaufen“ – und meint die Verlagerung der fast 100-prozentig manuellen Fertigung in Niedriglohnländer. Der Gründerenkel erzählt, wie sein Großvater, als der seinen 60. Geburtstag feierte, vom Ehrengast Ludwig Erhard überrumpelt wurde. „Seien Sie stolz auf das, was Sie hier haben“, sagte der Wirtschaftswunderminister. „Das wird bald alles im europäischen Ausland sein.“

Schon bald wurde der Preisdruck so groß, dass Seidensticker tatsächlich Teile der Produktion an Lohnfertiger abgeben musste: erst nach Spanien und Portugal, dann als einer der ersten deutschen Modehersteller nach Asien. „Das war der Schritt, der dem Unternehmen das Überleben gesichert hat“, sagt der Firmenchef. „Viele, die zu lange gewartet haben, gibt es heute nicht mehr.“ In der ostwestfälischen Bekleidungsindustrie sank die Zahl der Betriebe zwischen 1960 und 1990 von 333 auf 139. Von 30.000 Beschäftigten blieb nicht einmal die Hälfte.

Rein zahlenmäßig ist der Cluster seitdem weiter geschrumpft. Doch unter den elf Bekleidungsfirmen mit 2.400 Mitarbeitern, die die IHK-Statistik für 2016 ausweist, sind fünf Global Player, die sich in allen Krisen der Branche behauptet haben. „Hier in der Region sitzen immer noch viele gute Leute, mit denen man einen Krieg gewinnen kann“, sagt Seidensticker, der auch Präsident von German Fashion ist – einem bundesweiten Verband, der seit Jahren in ostwestfälischer Hand ist: Vor ihm präsidierte dort Bugatti-Gesellschafter Klaus Brinkmann.

Im Logistikzentrum von Gerry Weber ist Platz für bis zu 37 Millionen Teile im Jahr
Im Logistikzentrum von Gerry Weber ist Platz für bis zu 37 Millionen Teile im Jahr

„Wir Ostwestfalen können gut rechnen“, sagt Wolfgang Brinkmann, der andere Bugatti-Chef. „Mit spitzem Bleistift. Das müssen wir auch.“ Wer in der Modeindustrie bestehen wolle, brauche zwei Säulen: starke Marken und Produkte – und ein starkes Controlling. Sein jüngerer Bruder Klaus ergänzt: „Unsere Stärke ist, dass wir alle familiengeführte Unternehmen sind. Wir denken nicht in Drei- oder Fünfjahresverträgen.“ Die Familien, die hinter den fünf Großen des Clusters stünden, hätten ihre Firmen nicht ausgeplündert. Und überall sei die Nachfolge geklärt. Bei der Bugatti-Gruppe, die gegen den Branchentrend wächst, haben die beiden Senioren schon ihre Söhne in die Geschäftsführung geholt.

Zwischen den Firmen im Cluster gebe es einen engen Austausch, sagt Klaus Brinkmann. Bugatti, Brax, Ahlers und Seidensticker sind etwa Mieter von Gerry Weber in Düsseldorf, wo das Unternehmen Showrooms für Modemarken unterhält, damit internationale Kunden nicht immer in die Provinz müssen. Denn es ist schon vorgekommen, dass der Hubschrauber eines Auslandskunden, der zu Bugatti nach Herford wollte, wegen eines Missverständnisses ganz woanders landete: in Erfurt.

Wer es ins 15 Kilometer von Bielefeld entfernte Halle geschafft hat, kann Gerry Weber, das mit 900 Mio. Euro Umsatz größte Unternehmen des Clusters, nicht verfehlen. In dem 20.000-Einwohner-Städtchen stehen die Zentrale des SDax-Konzerns, ein Outlet und das riesige Logistikzentrum. Seit 1993 schlägt hier auch die internationale Tenniselite beim Rasenturnier auf – im Gerry-Weber-Stadion.

In der Zentrale am Ortsrand kümmern sich Designer und Vertriebsleute um die Konzernmarken Gerry Weber, Taifun, Samoon und das neue junge Label Talkabout. Frauen beugen sich in einem neonbeleuchteten Raum über Nähmaschinen von Dürkopp Adler. Nach den Entwürfen der Designer fertigen hier 32 Mitarbeiterinnen Musterstücke an, bevor die Produktionsaufträge über eigene Beschaffungsbüros in Schanghai, Istanbul oder Bangkok an externe Fertiger gehen. Irgendwann landen dann ein paar fertige Teile im Showroom der Firmenzentrale – so wie die Jacken aus der Frühjahrskollektion, die hier gerade hängen.