WirtschaftsclusterWie Modehersteller aus Ostwestfalen dem Wandel trotzen

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Vom Flachs zum Leinen

Die Textilproduktion hat eine lange Tradition in der Region, in der heute auch Weltkonzerne wie Dr. Oetker, Miele und Bertelsmann sitzen. Seit dem späten 16. Jahrhundert hatte sich neben der Landwirtschaft eine vorindustrielle Textilfertigung etabliert. Aus Flachs, der hier prächtig gedieh, fertigten Tausende kleine Spinner und Weber in Heimarbeit Garn und Leinen. Händler aus Bielefeld, Herford und anderen Städten kauften es auf und vertrieben es weiter – früh auch ins Ausland, wo der Stoff weiterverarbeitet wurde.

Der Durchbruch für das Gewerbe in der damaligen Grafschaft Ravensberg kam Ende des 17. Jahrhunderts unter preußischer Herrschaft: Kurfürst Friedrich Wilhelm, der die Textilfertigung als Wohlstandsquelle für die Landbevölkerung förderte, ließ für den Leinenhandel in Bielefeld und Herford Leggen einrichten – Prüfeinrichtungen, denen die Hersteller ihre Produkte vorlegen mussten. Einwandfreie Stücke bekamen den kurfürstlichen Leggestempel. Minderwertige wurden zerschnitten.

So wurde „Leinen aus Bielefeld“ zu dem, was man heute eine Weltmarke nennt – obwohl die Stadt kaum 3000 Einwohner hatte. „Der Stempel der ravensbergischen Leggen wurde schon nach Verlauf weniger Jahre dasselbe für den auswärtigen Käufer, was heute etwa der Name einer bekannten und gerühmten Firma ist“, schrieb der Bielefelder Leinenhändler Karl Kisker 1924. Es begann der Aufstieg von Kaufleutedynastien mit Namen wie Delius und Weber. Im späten 18. Jahrhundert saßen in Bielefeld 40 Leinenhändler, die bis nach Amerika exportierten.

20.000 Spindeln

Doch in den Jahren nach 1830 stürzte das Gewerbe in die Krise. In England setzte sich die industrielle Garnproduktion durch, hinzu kam die Konkurrenz durch die Baumwolle. Die handgemachten Produkte aus Bielefeld verloren ihre Märkte, Spinner und Weber verarmten. Um mit den günstigen Massenprodukten konkurrieren zu können, schlossen sich 1854 mehrere Bielefelder Textilkaufleute zusammen und gründeten die Ravensberger Spinnerei – die Keimzelle für die moderne Bekleidungsindustrie in der Region. Mit 20.000 Spindeln war sie zeitweise Europas größte Flachsgarnspinnerei.

Bald entstanden weitere Spinnereien, dann mechanische Seiden-, Plüsch- und Baumwollwebereien, gefolgt von weltbekannten Nähmaschinenherstellern wie Dürkopp und Koch’s Adler. Zunehmend wurden die Stoffe auch in Wäschefabriken in der Region verarbeitet. In Bielefeld, Herford und Gütersloh siedelten sich ab Ende des Jahrhunderts Konfektionsfabriken an, die Hemden, Weiß- und Bettwäsche herstellten.

Gerd Oliver Seidensticker führt die gleichnamige Hemdenfirma in dritter Generation
Gerd Oliver Seidensticker führt die gleichnamige Hemdenfirma in dritter Generation (Foto: Jewgeni Roppel)

1919 folgte eine Firma, die bis heute ein Aushängeschild des Clusters ist: Seidensticker. In Spitzenzeiten arbeiteten für das Unternehmen in Bielefeld an die 5000 Mitarbeiter, „fast alle natürlich in der Produktion“, sagt Gerd Oliver Seidensticker, der zusammen mit seinem Cousin Frank als Gesellschafter auch die Geschäfte führt. Sein Großvater Walter senior, der Firmengründer, führte in den 30er-Jahren die Fertigung an Taktfließbändern ein und schraubte die Produktion hoch. Im Lauf der Zeit verkaufte Seidensticker Millionen Markenhemden wie das „Matchtown“ und die „Schwarze Rose“, die Ende der 60er-Jahre zu einem Statussymbol wurde. „Über Jahre gab es nur Wachstum, Wachstum, Wachstum“, sagt Seidensticker.

Heute fertigt das Unternehmen zwölf Millionen Teile im Jahr, vor allem Hemden und Blusen der Kernmarke Seidensticker und des Premiumlabels Jacques Britt. Zudem hält die Firma die Lizenz für die Marke Camel active. Der Umsatz liegt bei rund 200 Mio. Euro – Tendenz stagnierend. Produziert wird in eigenen Fabriken in Vietnam und Indonesien. Von den 2.600 Mitarbeitern sitzen noch 400 in Bielefeld. Nähmaschinen sind in der eigentlich zu groß gewordenen Zentrale nur noch als Museumsstücke zu finden.