Interview„Bisher hat der Kapitalismus all seine Krisen überlebt“

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Wir gehen derzeit überall neue Wege? Was wäre Ihnen besonders wichtig, was sollten wir nicht vergessen?

In der Krise muss nicht vor allem denen geholfen werden, die die stärkste Lobby haben, sondern denen, die die Hilfe am dringendsten brauchen. Aktuell haben viele Existenzängste. Die könnte der Staat ihnen nehmen, wenn er jedem, egal ob Kurzarbeiter, Freiberufler, Minijobber oder Selbständiger das in den letzten Wochen weggebrochene Einkommen – bis maximal zur Höhe des Durchschnittseinkommens – komplett ersetzt. Das würde auch das Nachfrageproblem lösen, sobald die Läden wieder offen sind. Um stark betroffene Unternehmen darüber hinaus zu stützen, sollte man überlegen, ob man nicht alle anderen Kosten wie Mieten oder Kreditraten für die Zeit des Shutdowns einfach storniert.

Sie könnten aber auch den Mietern mit Zahlungsschwierigkeiten die Mietzahlung abnehmen. Dann finanzieren Sie zwar die Vermieter, lösen aber wenigstens keine Krise am Immobilienmarkt aus.

Sicher gibt es auch Vermieter, die man unterstützen muss – etwa jene, die sich eine Wohnung als Altersvorsorge zugelegt haben und selbst noch Kredite laufen haben. Im deutschen Immobilienmarkt steckt aber auch viel Geld von großen Investoren, Immobilienfonds, oft aus dem Ausland. Da hat der Staat nun wirklich keine Fürsorgepflicht.

Diese Krise hat auch eine Vielzahl sozialer Aspekte: Wer heute zu Hause arbeiten kann, hat es noch vergleichsweise gut – es gibt aber auch genug Menschen, die das nicht tun können und bestenfalls noch Kurzarbeitergeld erhalten. Sie tragen die Hauptlast der Krise…

Exakt, und wir müssen aufpassen, dass wir diese Menschen, auch deren Kinder nicht vergessen – in ärmeren Familien gibt es oft noch nicht mal einen Computer, geschweige denn jemanden, der eine Videokonferenz einrichten kann.

Vertreter von SPD und Linken haben eine höhere Belastung von großen Vermögen gefordert. Ist das wirklich die richtige Idee, wenn all viele Unternehmen, in denen das Vermögen oft gebunden ist, ums Überleben kämpfen?

Es kämpft nicht jeder aktuell um seine Existenz. Allein das Geschwisterpaar Quandt und Klatten erhält in diesem Jahr eine Dividendenausschüttung von BMW in Höhe von 770 Mio. Euro. Und das mitten in der Krise. Natürlich sollten wir nicht mittlere und kleine Betriebe zusätzlich belasten. Aber ganz oben in der Spitze ist so viel Vermögen konzentriert, größtenteils einfach ererbt, hier steuerlich stärker zuzugreifen, entspricht weit eher dem Ethos einer Leistungsgesellschaft als die immer stärkere Belastung derer, die hart arbeiten.

Aber wo ziehen Sie die Grenze? Ihre Partei möchte fünf Prozent ab 1 Mio. Euro. Da ist die Familie im Reihenendhaus in Stuttgart schnell mit dabei.

Das ist ein altes Konzept aus dem Jahr 2005 und ganz sicher keine sinnvolle Antwort auf die jetzige Krise. Wenn wir über eine einmalige Sonderabgabe sprechen, geht es um Milliardäre.

Auch das Vermögen der BMW-Hauptaktionäre Klatten und Quandt liegt zum größten Teil in Unternehmensbeteiligungen. Und gerade diese Familien gelten als Gegenbeispiel zu den berühmten Finanzinvestoren und denken langfristig. Was nützt es, wenn diese Familien Aktien verkaufen für eine Sonderabgabe und ein Hedgefonds steigt ein?

Deswegen brauchen wir eine Rechtsform, die den Einstieg von Hedgefonds, die es nur aufs schnelle Geld abgesehen haben, unmöglich macht. Aber dass Menschen aufgrund ererbten Vermögens jedes Jahr hunderte Millionen leistungsloser Einkommen beziehen, während auch in ihren Unternehmen Leiharbeiter zum halben Lohn und in ständiger Unsicherheit arbeiten, lässt sich mit dem Anspruch einer sozialen Marktwirtschaft wohl kaum vereinbaren.

 


Das Beitrag ist in verkürzter Form in Capital 6/2020 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay