Interview„Bisher hat der Kapitalismus all seine Krisen überlebt“

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Glauben Sie wirklich, dass wir grundsätzlicher über die Wirtschaft nachdenken?

Wenn wir unsere Probleme lösen wollen, sollten wir das tun. Warum sind Deutschland und Europa in vielen Zukunftstechnologien hoffnungslos abgeschlagen? Weil weder China noch die USA in Sachen Innovation blind dem Markt vertrauen, sondern der Staat dort strategisch interveniert und investiert.

Nun kommt der Staat in Deutschland ja genau in diese Rolle rein: Er wird als Retter gebraucht. Auch wenn Sie sich das anders vorgestellt haben, müssten Sie sich über das Comeback des Staates doch freuen, oder?

Eine Staatswirtschaft ist nicht mein Ziel. Es gibt Bereiche, in denen der Staat zurückkommen sollte – vor allem dort, wo kommerzielle Modelle nicht funktionieren. Das gilt etwa für den Gesundheitssektor. Wenn Hedgefonds sich in Pflegeheime einkaufen und Krankenhäuser Investoren mit zweistelligen Renditen locken, ist das pervers. In der kommerziellen Wirtschaft glaube ich nicht, dass der Staat die operative Leitung von Unternehmen übernehmen sollte. Das heißt allerdings nicht, dass wir die heutige Rechtsform der Kapitalgesellschaft beibehalten sollten. Die begrenzte Haftung für Verluste bei gleichzeitig unbegrenztem Zugriff auf Gewinne ist ein Widerspruch, der zum Ausplündern von Unternehmen geradezu einlädt.

Wie meinen Sie das?

Die börsennotierten Konzerne stehen unter einem steigenden Druck von Hedgefonds und anderen Finanzinvestoren, möglichst viel Gewinn auszuschütten. Das führt zu sinkenden Investitionen, weniger Forschung, kurzfristiger Orientierung.

Was wären denn die Alternative?

Ich halte viel von Stiftungsunternehmen, im Idealfall hält die Stiftung 100 Prozent. Saarstahl, das komplett einer Stiftung gehört, steht viel besser da als Thyssenkrupp, bei dem Finanzinvestoren das Sagen hatten. Unternehmen wie Bosch oder ZF sind stabil und solide. Gedanken über feindliche Übernahmen, bei denen es nur um Know-how und Markenrechte geht, muss man sich bei einem Stiftungsunternehmen nicht machen. Wenn der Staat jetzt Hilfen gewährt, sollte er die Rechtsform der Unternehmen so verändern, dass die Ausplünderung von Unternehmen in Zukunft nicht mehr möglich ist.

Doch auch Stiftungsunternehmen streben danach, Gewinne zu machen.

Aber sie können die Gewinne im Unternehmen behalten und reinvestieren, denn dafür sind Gewinne da. Sie müssen nicht vorrangig die Interessen kurzfristig orientierter Finanzanleger befriedigen.

Hinter Ihrer Idee steckt ein scharfer Eingriff in Eigentumsverhältnisse – die Übertragung der Anteile gegen die Gewährung staatlicher Hilfe. Bei vielen Familienunternehmen wäre das eine Art Selbstenteignung…

Es geht um Unternehmen, die staatliche Hilfe brauchen, um nicht pleitezugehen oder von einem Angreifer zerschlagen zu werden. Und wir sollten auch aufpassen, dass nicht immer wieder die Steuerzahler enteignet werden…  Ich kenne übrigens viele Mittelständler, die sich eine neue Rechtsform für Unternehmen wünschen, die ähnlich wie die Stiftungslösung funktioniert, aber für kleinere Unternehmen praktikabler ist. Zum Beispiel, weil sie keinen Nachfolger haben.

Finden Sie es denn richtig, dass der Staat einen Fonds für Staatsbeteiligungen aufgelegt hat?

Natürlich ist es im Interesse Deutschlands, die Zerstörung industrieller Substanz zu verhindern – denn nur so lässt sich der Wohlstand einer Volkswirtschaft bewahren. Aber es ist nicht Aufgabe des Staates, dauerhaft Unternehmen zu führen. Da finde ich das Stiftungsmodell oder eine an ihm orientierte neue Rechtsform attraktiver.

Soll sich der Staat denn künftig in die Geschäfte der Unternehmen einmischen, denen er jetzt hilft – etwa, indem er über Fahrzeugflotten und Flugrouten mitentscheidet?

Der Staat sollte sich da einmischen, wo ein Unternehmen sehr marktmächtig ist oder wichtige Interessen der Allgemeinheit berührt werden. Die Lufthansa hat als Staatsairline lange gut funktioniert, die Piloten und die Crew waren damals abgesichert, es gab keine Streiks. Wie gesagt, wir brauchen keine Staatswirtschaft, aber wir sollten uns auch von der Ideologie verabschieden, dass der Staat in der Wirtschaft nur stört. Dagegen spricht schon der Erfolg von Wirtschaftsmodellen, in denen der Staat eine äußerst aktive Rolle spielt, also vor allem China oder, zumindest in bestimmten Bereichen, die USA.