KolumneRosneft, Schröder und ein bißchen Heuchelei

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Igor Setschin ist ein ganz besonderer Mann. Der jetzige Chef des russischen Erdölkonzerns Rosneft begann seine Karriere im Geheimdienst KGB, diente schon 1991 in Petersburg als Sekretär Wladimir Putins in der Stadtverwaltung und begleitete danach den Aufstieg des heutigen Präsidenten nach ganz oben. Sein Meisterstück für Putin: die brachiale Zerschlagung des privaten Erdölkonzerns Yukos und die anschließende Neuordnung der ganzen Förderindustrie unter Führung des Kremls. Viele halten Setschin für den allerwichtigsten Vertrauten Putins. Nach der Besetzung der Krim im Frühjahr 2014 setzten die Amerikaner den prominenten Russsen deshalb an die Spitze ihrer Sanktionsliste. Setschin darf nicht mehr in die USA einreisen oder dort private Konten unterhalten.

Kann ein ehemaliger deutscher Kanzler guten Gewissens in den Board eines Mannes einrücken, der weltweit geächtet worden ist? Gerhard Schröder denkt offenbar, er kann das ohne weiteres. Der SPD-Mann verhält sich seit Jahren wie taub gegenüber der Kritik an seinem engen Verhältnis zu Putin. Rücksicht auf sein früheres Amt? Ethische Fragen? Das alles kümmert Schröder nicht. Und juristisch kann ihm keiner: Setschin steht zwar auf der Sanktionsliste der USA, aber nicht der Europäischen Union. Brüssel verhängte nach der Besetzung der Krim zwar auch zahlreiche Einreiseverbote und Kontensperrungen – aber nur gegen Russen, die unmittelbar mit dem Schlag gegen die Krim befasst waren.

Sanktionen so durchlässig wie ein Schweizer Käse

Die berechtigte Kritik an Schröder enthält deshalb ein gehöriges Maß an Heuchelei. Eigentlich hätte der Westen schon nach der Inhaftierung des damaligen Yukos-Eigentümers Michail Chodorkowski 2003 alle Kontakte zu den Drahtziehern der Verstaatlichung abbrechen müssen. Stattdessen machten und machen viele amerikanische und europäische Firmen gute Geschäfte mit Rosneft. Erst seit Juli 2014 gelten gewissen Beschränkungen für Lieferungen an den russischen Konzern.

Was viele vergessen: Die britische BP und andere westliche Konzerne halten große Beteiligungen an Rosneft. BP-Chef Robert Dudley sitzt im Board des russischen Konzerns – genauso wie der Amerikaner Donald Humphreys, der ehemalige CFO des Energieriesen Exxon. Schröder wäre als keineswegs der erste Ausländer, der sich für seine Mitgliedschaft in diesem Gremium rechtfertigen müsste. Dort sitzt seit Jahren auch der Deutsche Matthias Warnig, ein ehemaliger Stasi-Offizier und jetziger Vorstandschef der Pipeline-Gesellschaft Nordstream. Hinter ihm stehen in Treue fest deutsche Konzerne wie BASF oder Wintershall.

Die westlichen Sanktionen treffen Russland zwar, aber sie sind zugleich an vielen Stellen durchlässig wie ein Schweizer Käse. Deutsche Konzerne machen nach wie vor Milliardengeschäfte mit russischen Rohstoffkonzernen, die eigentlich doch die Hauptzielscheibe der Sanktionen sein sollen. Das ist der eigentliche Skandal – nicht die Berufung Schröders in die Rosneft-Führung. Solange ein Mann wie Setschin in deutschen Konzernzentralen willkommen ist, sollte man sich über den früheren Bundeskanzler nicht allzu sehr erregen.  


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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