ReportageWarum der Rocket-Motor stottert

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Investoren machen Bogen um Rocket

Wie aber sieht es mit anderen Geldgebern aus? Rocket hat immer auch davon gelebt, dass es frisches Geld für sein Wachstum auftreiben konnte. Ausgerechnet in seinem Heimatmarkt allerdings fällt es dem Unternehmen schwer, Anleger für sich zu begeistern. Kein Fonds führt Rocket in den Top Ten seiner Positionen. „Ich habe große Schwierigkeiten, denen in dem Zahlenwirrwarr zu folgen“, bekennt ein Fondsmanager für deutsche Nebenwerte. „Die ganzen Exit-Ankündigungen sind bisher heiße Luft gewesen.“

Der Leiter Technologieinvestitionen in einem Private-Equity-Haus wird noch deutlicher. „Es werden laufend neue Kennzahlen erfunden oder als relevant definiert: Kundenloyalität, monatlich wiederkehrende Umsätze oder Gewinne vor Marketing- oder Kundengewinnungskosten. Ganz wie in den schlimmsten Zeiten des Neuen Markts.“

Frage an Peter Kimpel: Täuscht der Eindruck, dass Rocket ein Problem mit strategischen Investoren hat? „Ja, der Eindruck täuscht.“

Die für die Märkte wichtige Frage, ob denn bald mal wieder ein Börsengang zu erwarten ist, will man bei Rocket Internet allerdings nicht beantworten. Zu frisch ist die Erinnerung an den vorerst gescheiterten IPO von Hellofresh.

Rocket baut sich eine neue Geldmaschine

Rocket Internet hat sich nun – mal wieder – auf die Suche nach frischem Geld begeben, und das ist eine Suche, bei der die Samwers schon immer ausgesprochen erfinderisch waren. Bereits seit 2013 hält das Unternehmen den Fonds Global Founders Capital. Der investiert nicht nur in die bisherigen Beteiligungen, sondern auch in alles andere, was möglicherweise einmal wachsen könnte. Allein in den Jahren 2015 und 2016 steckte der Fonds zweistellige Millionenbeträge etwa in ein israelisches Unternehmen für künstliche Intelligenz, den Umzugsvermittler Movinga oder in den deutschen Heizungsbauer Thermondo. Ein Gemischtwarenladen.

Doch damit nicht genug: Anfang 2016 kam noch ein weiterer Fonds zum Rocket-Reich hinzu. Der Rocket Internet Capital Partners Fund soll ähnlich wie sein Vorgänger nicht nur in Eigengewächse, sondern auch in bereits weiter entwickelte Start-ups investieren. Vor allem aber ist der Fonds ein Vehikel, mit dem, wie Samwer selbst sagte, der Kapitalzugang der Rocket-Beteiligungen „künftig weniger von Investments einzelner Co-Investoren abhängen“ würde. Mit anderen Worten: Rocket baut sich eine neue Geldmaschine, weil die alte nicht mehr so gut funktioniert wie früher.

Und aus der Gründerfabrik wird immer mehr ein klassischer Wagniskapitalgeber. „Ich interpretiere Rocket inzwischen als Spätphasenfinanzierer, der Firmen bei der Internationalisierung hilft“, sagt ein Investor, der ungenannt bleiben will. „Das scheint besser zu funktionieren als Inkubieren.“

Die große Frage ist, ob Rocket auf diesem Weg nicht völlig sein ursprüngliches Profil einbüßt. Finanzchef Kimpel weist diesen Verdacht zurück. „Wir bauen weiterhin Unternehmen von null an auf. Wir inkubieren in signifikantem Maße. Und wir haben immer investiert und machen es auch weiter. Beides sind gleichwertige Säulen unseres Geschäftsmodells.“

In dem Turm in Berlin-Kreuzberg scheint noch eine Menge Platz zu sein, auch wenn der erfolgreiche Modehändler Zalando bereits mehrere Etagen bezogen hat.

Über Rocket jedenfalls sitzt noch ein Immobilienmakler. Und ein Unternehmen für Facelifting – das sich darauf spezialisiert hat, Altes neu aussehen zu lassen.