ReportageWarum der Rocket-Motor stottert

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Baut Rocket wirklich etwas auf?

Der Wind weht Rocket jetzt ins Gesicht, und nicht alle wollen sich das dauerhaft antun. Zahlreiche führende Mitarbeiter haben sich verabschiedet. So verließ die Leiterin der Rechtsabteilung, Franziska Leonhardt, die maßgeblich den Börsengang mitgestaltet hatte, vor einem Jahr den Konzern und heuerte beim Digitallabor des Stahlhändlers Klöckner an. Zuvor waren Kommunikationschef Andreas Winiarski und der stellvertretende Finanzchef Uwe Gleitz ausgeschieden.

Die Frage, die über allem schwebt: Was ist mit dem Unternehmen passiert? Baut Rocket wirklich etwas auf? Oder haben die Samwers nur eine gigantische Geldverbrennungsmaschine geschaffen?

Besuch im „Rocket Tower“ am Rande von Berlin-Kreuzberg. In der Empfangshalle wird noch gehämmert und geschweißt, das Unternehmen ist erst seit wenigen Wochen hier. Die 16. Etage, in der die Führungsriege von Rocket sitzt, ist in dichten Nebel gehüllt. Die Büros sehen noch frisch aus. An den Wänden hängen Schilder mit Aufschriften wie „Get shit done“ und „Passion never fails“, die wirken wie eine Standard-Innendekoration für Start-ups. Vor einem Jahr war der Umzug verschoben worden und Teile des Gebäudes untervermietet. Ursprünglich sollten in dem Büroturm mit seinen 22.000 Quadratmetern und 35 Etagen rund 2000 Mitarbeiter unterkommen – aus den Zentralbereichen und den Beteiligungen. Wie viele es jetzt wirklich sind, sagt Rocket nicht. Das Unternehmen ist vorsichtig geworden mit Zahlen.

Rocket-Tower in Berlin-Kreuzberg
Rocket-Tower in Berlin-Kreuzberg
© dpa

Oliver Samwer hatte für ein Gespräch mit Capital keine Zeit. Stattdessen empfängt Finanzchef Peter Kimpel, den Laptop jederzeit neben sich, um auf Zahlen zurückzugreifen. „Wir sind dabei, das Unternehmen weniger komplex zu gestalten“, sagt Kimpel. Abgestoßene Firmen, Merger wie der von Foodpanda und Delivery Hero – alles Teil dieser Strategie. Aber war nicht eigentlich die Vorgabe, bis Ende 2017 wenigstens drei der Beteiligungen profitabel zu machen? „An dem Ziel, dass im vierten Quartal 2017 drei Unternehmen die Profitabilität erreichen, halten wir fest.“ Welche das sein werden? „Dazu äußern wir uns nicht.“

Der Finanzchef sieht keine Probleme

Wenn man mit Kimpel spricht, dann gibt es in der Rocket-Welt eigentlich kein Problem. Die Aktie wird sich erholen, die Gewinne werden kommen, die Wertberichtigungen sind nicht weiter wichtig. „Wir machen das, was operativ richtig für die Unternehmen ist. Das wird sich irgendwann auch im Aktienwert zeigen“, sagt er. Auch das Verhältnis zum schwedischen Investor Kinnevik, dem langjährigen Weggefährten und Miteigner (13 Prozent), ist danach immer noch „eng und partnerschaftlich“. Bei Analysten sorgt immer wieder für Verunsicherung, dass die Werte, zu denen Rocket und Kinnevik die Beteiligungen ansetzen, so stark voneinander abweichen. Während Rocket die Unternehmen grundsätzlich nach dem Kapitalzufluss der jeweils letzten Finanzierungsrunde bewertet, prüfen die Schweden in einem regelmäßigen Monitoring die Performance, die Aussichten und den Marktwert – und veröffentlichen dann die Bewertung. Man könnte sagen: Es steht ein eher undurchsichtiges Verfahren gegen ein sehr transparentes.

Rocket-Finanzchef Peter Kimpel
Rocket-Finanzchef Peter Kimpel
© Getty Images

Zudem schienen sich beide Seiten zunehmend voneinander zu entfernen. Im Sommer 2016 verließen die Kinnevik-Leute den Rocket-Aufsichtsrat. Die beiden Unternehmen kommen sich mit ihren Geschäftsmodellen immer häufiger in die Quere. Kinnevik baut sein „Company Building“ aus, vergrößert Anteile an wenigen Unternehmen und investiert zunehmend in Firmen, die mit Rocket nichts zu tun haben. Derweil dreht Samwer in die Gegenrichtung: Er konsolidiert größere Beteiligungen, ohne kleine groß zu machen, und sucht sein Glück in breit gestreuten Risikoinvestments.

Wird da also ein Partner zum Konkurrenten? „Unsere Philosophie hat sich nicht verändert“, sagt Kimpel. Wenn man Kinnevik dazu fragt, klingt das anders. „Wir haben uns sehr stark unterschieden, als unsere Partnerschaft begann. Jetzt sind wir uns in gewisser Weise ähnlicher“, sagt Investmentdirektor Christoph Barchewitz. Und: „Natürlich sind wir bis zu einem gewissen Grad Wettbewerber.“ Künftige gemeinsame Investitionen schließt Kinnevik nicht aus. „Aber es ist auch nicht wahrscheinlicher, als dass wir dies mit irgendeinem anderen unserer Partner zusammen tun.“ Eine Liebeserklärung hört sich anders an.

Im Grunde hat Kinnevik mit Zalando, an dem die Schweden heute 37 Prozent halten, den größten Brocken abgeräumt. Was jetzt noch kommt, ist eine nette Zugabe.