Corona-KriseRisikopatient Thyssenkrupp

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Die Krise frisst Kapital weg

Die Existenz des Konzerns aber sichert der Deal in der jetzigen Lage trotzdem nicht. Selbst wenn die eher glimpflichen Szenarien in der Corona-Krise eintreffen sollten, wird es eng. Die Stahlnachfrage kollabiert erst einmal. Und das 17-Mrd.-Euro-Polster ist nicht so dick, wie es auf den ersten Blick aussieht. Vor der Krise waren die Finanzschulden auf 7,1 Mrd. Euro gestiegen und das schwächliche Eigenkapital auf nur noch 1,9 Mrd. Euro gefallen.

Merz braucht einen Großteil ihrer neuen Einnahmen, um die Bilanz zu stärken und die sehr hohen Pensionslasten zu bedienen. Unter ganz normalen Umständen wäre trotzdem genug Geld übriggeblieben, um massiv in den künftigen Kernbereich Stahl und in andere hoffnungsvolle Geschäftsfelder zu investieren. Doch jetzt geht die Angst um, so ein Thyssenkrupp-Manager, „dass die Krise unser dringend notwendiges Kapital wieder wegfrisst.“

Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburg
Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburg (Foto: Imago)

Im letzten Jahr verbrannte Thyssenkrupp im laufenden Betrieb bereits rund 1 Mrd. Euro. Als der Konzern Mitte Februar seine Zahlen für das erste Quartal des neuen Geschäftsjahrs 2019/20 vorlegte, stand ein weiteres Minus in den Büchern – vor allem im Stahl, der seit Jahren nicht seine Kapitalkosten verdient. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur eine kleine Fußnote in der offiziellen Präsentation zur Entwicklung der Corona-Krise in China, die man sich „weiter anschauen“ müsse.

Jetzt ist mit weiteren Verlustquartalen zu rechnen. Das Horrorszenario: Die stabilen Erlöse aus dem Aufzugsgeschäft fallen künftig weg, gleichzeitig verbrennen die übriggebliebenen Geschäftsfelder in der Krise noch viel mehr Geld als im letzten Jahr. Die Folge: Der Spielraum für neue Investitionen, der sich gerade erst geöffnet hatte, schließt sich mit jedem schlechten Monat wieder.

„Corona-Meetings“

Die großen Themen, mit denen sich die Manager jetzt in ihren Diskussionen in Essen beschäftigen, sehen ganz anders aus als noch vor fünf Wochen: Sparen wo es nur irgend geht; die Betriebsmittel jeden Tag im Auge behalten; noch mehr Personal abbauen als gedacht, aber die wichtigsten Facharbeiter unbedingt halten; Kurzarbeit im Konzern vorbereiten; notorische Verlustbringer wie etwa den überalterten Grobblechbereich loswerden. Und dabei geht es härter zur Sache als jemals zuvor bei Thyssenkrupp. Schon nahmen Stahlchef Desai und der Finanzchef des Konzerns, Johannes Dietsch, ihren Hut.

Und auch im Kleinen kümmert man sich nun um ganz andere Fragen als ursprünglich geplant. Ein Krisenstab in Essen organisiert zum Beispiel die Heimarbeit der Angestellten – kein leichtes Ding in einem Top-Down-Konzern, der bisher nicht gerade durch hohe Affinität zum Internet aufgefallen war.

Alle zwei Tag schalten sich die Vorstandsmitglieder mit den wichtigsten anderen Managern bei einem „Corona-Meeting“ zusammen. Statt sich wie früher um Millionengeschäfte zu kümmern, steht plötzlich „Nieß- und Hustenetikette“ auf der Tagesordnung. Wie sorgt man zum Beispiel für genug Desinfizierungsmittel am Tor 9 im Duisburger Süden, wo jeden Tag besonders viele Menschen ins Werk strömen und auch wieder heraus? Wie kommen Angestellte nach der Schließung der Betriebskantine an ein Mittagessen?