Interview"Chinesen wollen deutsche Marken"

Seite: 2 von 2

„Alibaba kopiert uns“

Wie kommt es, dass so viele Chinesen plötzlich Qualität wollen?

So sind Menschen nun mal, es ist ein Zeichen wachsenden Wohlstands, dann steigen die Ansprüche und Erwartungen. Die Deutschen haben das in den Sechzigern erlebt, auch heute noch wollen sie bestimmt bessere Küchen und Bäder.

Haben Ihre Landsleute mehr Geld und höhere Löhne – oder kaufen sie einfach auf Pump?

Die meisten Chinesen mögen keine Schulden, die Sparquote ist mit 40 Prozent eine der höchsten der Welt. Die Leute geben mehr Geld aus, weil sie höhere Löhne haben. Ich schätze, dass es in zehn Jahren kaum noch Armut in China geben wird.

Ist Amazon immer noch ein Vorbild für Sie?

Amazon ist eines meiner Vorbilder. Ich bewundere auch Ren Zhengfei, den Gründer von Huawei. Und -Steve Jobs. Aber ich kopiere sie nicht einfach. Als 2007 der erste Risikokapitalgeber in JD investierte, habe ich das „Last Mile“-Liefernetz aufgebaut, was Amazon damals nicht hatte. Und ich startete JD Finance, unsere Finanzsparte, mit der wir Kunden Dienstleistungen anbieten.

Ihr großer Rivale Alibaba ist nicht nur ein Marktplatz, sondern hat 2008 auch ein virtuelles Einkaufszentrum mit Tmall gestartet. Und mit der Logistiktochter Cainiao baut er an einem landesweiten Netz von Warenlagern …

Alibaba kopiert uns inzwischen. Weil sie gemerkt haben, dass ihr Geschäftsmodell in der Zukunft nicht mehr funktioniert. Wir sind jedes Jahr im Schnitt doppelt so schnell gewachsen wie Alibaba. 2004 waren sie noch der Elefant, sie hatten Milliarden an Cash von Yahoo bekommen. Aber wir haben aufgeholt. Innerhalb der kommenden vier Jahre werden wir die größte B2C-Plattform Chinas im E-Commerce sein und Alibabas Tmall überholt haben.

Alibaba verdient allerdings Geld, einige Milliarden jedes Jahr, während Sie Verluste machen. Wann wollen Sie profitabel werden?

Wir nähern uns der Gewinnzone. Unser E-Commerce-Geschäft JD Mall ist seit einiger Zeit schon profitabel, aber wir investieren viel. Und Wachstum ist wichtiger für uns als -Gewinn. Außerdem haben wir viel Cash, und wir werden weiter investieren, in neue Geschäfte, die Logistik, in Finanzen und Technologie.

Ihr größter Anteilseigner ist Tencent, der IT-Konzern hinter dem Messagingdienst WeChat. Welche Rolle werden solche Dienste beim Einkaufen spielen?

Ungefähr ein Drittel unserer neuen Kunden kommen über WeChat oder Dienste wie QQ zu uns. Ich sehe großes Potenzial in der Kombination von sozialen Diensten und E-Commerce. Das wird die Zukunft sein. WeChat hat über 800 Millionen aktive Nutzer, das bedeutet 800 Millionen Konsumenten, und zwar gute, die mobil sind und Geld haben. Das ist wie eine Goldmine, aber wir schürfen noch an der Oberfläche. Wir haben 1 000 Angestellte in Shenzhen, die mit Tencent daran arbeiten. Wir sollten tiefer graben.

Wollen Sie in andere Länder expandieren?

Wir sind schon expandiert, nach Indonesien etwa, dort haben wir ein erfolgreiches Joint Venture. Wir werden auch in anderen Länder starten, uns aber auf Südasien konzentrieren. In den reiferen Märkten in Europa und den USA wollen wir noch mehr Kooperationen mit bekannten Marken, auch kleinen Labels – und sie nach China bringen.

Wollen Sie auch chinesische Produkte nach Europa verkaufen?

Nein! Vielleicht in der Zukunft. Jetzt will ich vor allem mehr von euren Produkten in China verkaufen.

Wie reagieren denn westliche Marken, wenn Sie auf die zugehen?

Einige zögern zunächst, Miele zum Beispiel. Ich würde so gerne Miele in China verkaufen! Aber sie wollten nicht. Deshalb bin ich auch nach Berlin gekommen. Ich will hier Unternehmen treffen und sie überzeugen. Und mit vielen ist das ja auch schon gelungen: Nivea, Fissler, WMF, Schiesser, Puma, Zwilling-Messer – und deutsche Biermarken! Im März haben wir mit dem Verkauf von Continental-Reifen angefangen.

„Wir zahlen bessere Löhne“

Seit einiger Zeit wird ja über Chinas Wachstumsmodell diskutiert. Es gibt die Sorge, dass das Wachstum auf Dauer abflaut. Wie nehmen Sie die Stimmung wahr?

Seit mehreren Quartalen haben wir eine Abkühlung erlebt, auch beim Konsum. Aber im Januar und Februar haben sich Luxusprodukte, darunter BMW, Audi und Mercedes, sehr gut verkauft. Unser Markt ist intakt und wird weiter wachsen. Der chinesische Onlinehandel wird eines Tages der größte der Welt sein – auch weil der Handel anders als in Ihren Ländern strukturiert ist.

Was meinen Sie damit?

Die traditionellen Händler sind eher lokal organisiert und im Durchschnitt kleiner als die großen Player in Europa und den USA wie Carrefour, Aldi oder Walmart.

Stimmt es, dass Sie fast jeden Tag selbst auf Ihrer Website shoppen?

Ja, im vergangenen Jahr habe ich über 1 Mio. Yuan (rund 135 000 Euro, Anm. d. Red.) ausgegeben. Ich habe für Mitglieder meiner Familie Haushaltsgeräte gekauft. Normalerweise gebe ich weniger aus. Erst gestern habe ich etwas gekauft.

Und was, wenn ich fragen darf?

Etwas zu essen, Birnen. Ich zeige es Ihnen. (Er nimmt sein Smart-phone, öffnet eine App und zeigt ein Bild mit Birnen und chinesischen Schriftzeichen, darunter sieht man einige Krawatten.) 2,5 Kilo für 24,90 Yuan. Ach, ich habe auch ein Paar Schlipse gekauft, ich brauchte neue.

Wollen Sie Ihren Service testen, oder warum bestellen Sie so viel?

Ja, ich will ihn testen. Wenn Sie als CEO sagen, dass der Kunde an erster Stelle steht, muss man selbst sein treuster Kunde sein. Sonst ist das nur eine hohle Phrase.

Und warum ausgerechnet Birnen?

Weil der Onlineversand frischer Lebensmittel immer noch die schwierigste Übung ist. Die Qualität verdirbt so leicht.

Es wird erzählt, dass Sie einmal Eiscreme bestellt haben, die leicht geschmolzen zu Ihnen kam. Beim nächsten Meeting des Top-Managements wurden alle verdonnert, darüber zu diskutieren …

Ja, wir mussten das Problem doch in den Griff bekommen. Am Ende haben wir in die Verpackung mehr Eis zum Kühlen getan.

Werden die Leute künftig nahezu alles im Internet bestellen können?

Ich denke, ja. Schon heute kann ein Chinese auf JD.com Hummer aus Boston, Königskrabben aus Alaska und französische Austern kaufen. Und natürlich deutschen Wein: Riesling! Im vergangenen Jahr ist der Verkauf von Riesling um 450 Prozent gewachsen. Sehr schnell.

JD.com wächst rasant – wie stellen Sie Ihre Qualität sicher, und wie finden Sie noch gute Leute?

Wir zahlen unseren Mitarbeitern bessere Löhne als unsere Wettbewerber, den Lieferanten sogar doppelt so viel. Außerdem bieten wir eine Krankenversicherung an. Ich will sicher sein, dass meine Leute ihren Job nicht verlieren wollen. Aber sie müssen hart arbeiten und die Qualität halten. Wenn sie drei Beschwerden von Kunden erhalten, werden sie gefeuert. Und uns ist es egal, ob die Beschwerden gerechtfertigt waren oder nicht. Wir müssen auch schwierige Kunden zufriedenstellen.

Wenn Sie zurückschauen – was ist Ihr Rat an junge Unternehmer?

Wenn du einen Traum hast, mach immer weiter. Keep on going. Arbeite hart dafür. Und arbeite immer härter als deine Wettbewerber.

Alibaba-Gründer Jack Ma ist im Westen zu einer Art Rockstar geworden. Sollten Sie als einer der reichsten Chinesen nicht auch etwas bekannter werden?

Ich glaube, Jack ist einfach ein anderer Typ als ich. Ich arbeite lieber viel mit meinem Team, ich muss das nicht der ganzen Welt zeigen.

Heißt das: mehr Arbeit, weniger Show?

(Er lacht) Vielleicht werde ich künftig etwas mehr Show machen – aber weiter viel arbeiten.

Das Interview ist zuerst in Capital 05/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon