FinanzevolutionRevolut und die Evolution der Challenger Banken

Revolut-Gründer Nikolay Storonsky
Revolut-Gründer Nikolay StoronskyWikipedia

Trotz zuweilen schriller Schlagzeilen über die Bedrohung des Finanzsektors durch neue Herausforderer vollzieht sich die Finanzevolution analog zur biologischen Evolution in kleinen Schritten. Aus etwas Bestehendem entsteht durch graduelle Anpassungen Neues, das am Markt erprobt wird. Bei ökonomischem Erfolg folgt die Ausweitung des Geschäfts, bei Misserfolg verschwindet die Neuentwicklung vom Markt. Sichtbar wird dies beispielsweise am Aufstieg der vor wenigen Jahren noch unbekannten Wirecard Bank, die sich auf moderne Finanztechnologie spezialisiert hat und deren Marktwert mittlerweile den der Deutschen Bank und der Commerzbank überschreitet.

Die moderne Evolutionstheorie besagt bekanntlich, dass nicht der Stärkere überlebt, sondern der Organismus, der sich an die jeweils herrschenden Umweltbedingungen gut anpasst. Die Menschen haben dazu mit Kommunikation und Kooperation eine besondere Strategie gewählt: Sie schließen sich verschiedenen Gruppen (z.B. Familien, Freunde, Vereine, Unternehmen) an und kooperieren in diesen Gruppen miteinander aber auch gegen andere Gruppen.

Fintechs auf Kooperations- und Konfrontationskurs

Kooperation und Konfrontation gehören also zur Natur des Menschen und menschlicher Organisationen. Fast lehrbuchmäßig lässt sich das derzeit in der modernen Finanztechnologie (Fintech) beobachten. Das nach der Finanzkrise entstandene Fintech-Narrativ über die digitalen Veränderungen des Finanzsektors hat eine kaum noch überschaubare Fülle neuer Unternehmen, Technologien und Produkte auf die Finanzmärkte für Privat- und Geschäftskunden gespült. Man denke etwa an Finanzierungslösungen wie Crowdfunding oder Marketplace-Lending, neue Bezahllösungen, automatisierte Anlageberatung (Robo-Advisory genannt), den Erwerb von Kryptowährungen und unzählbare Möglichkeiten mit Hilfe neuer Technologie wie maschinelle Intelligenz oder Blockchain bestehende Angebote und Prozesse zu verbessern.

Viele der neuen Angebote konnten sich aber bislang nicht in der Breite durchsetzen. Die Anpassung an den Markt war etwa beim mobilen Bezahlen lange nicht erfolgreich. Ambitionierte Lösungen wie Yapital oder MyWallet der Telekom sind früh ausselektiert worden. Jetzt keimt die Hoffnung auf, dass mit Google Pay, Apple Pay oder der Girocard Mobile der seit 20 Jahren immer wieder erwartete Durchbruch gelingen kann.

Challenger-Banken auf Konfrontationskurs

Viele Start-ups sind mittlerweile auf Kooperationskurs gegangen, manche suchen aber gezielt die Konfrontation. Während in der letzten Kolumne über Ökosysteme und Plattformen die kooperativen Ansätze im Fokus standen, geht es heute um die „Challenger Banken“ genannten Herausforderer. Kilian Thalhammer und Nicole Nitsche bezeichnen im Fachblog Payment and Banking eine Challenger-Bank als eine Firma, die versucht auf disruptive Weise die Funktion traditioneller Banken zu stören.

Auch wenn ich an den Aktivitäten dieser Challenger-Banken wenig Disruptives erkennen kann, werden die etablierten Finanzhäuser durch die neuen Services herausgefordert. Thalhammer und Nitsche schreiben: „Die ‚Challenger‘ Bankbranche ist eines der faszinierendsten Beispiele für die digitale Stärkung von Finanzdienstleistungen, dank ihres Innovationstempos und der starken Fokussierung auf technologiegetriebene Kundenorientierung. Das Challenger-Banking hat sich zu einem Mikrokosmos von Fintech-Trends und Innovationen entwickelt.“

Überblick Challenger Banken
Überblick Challenger Banken

 

Unter den Challenger Banken zählen Unternehmen, wie Holvi, Monzo, Starling, Kontist zu hoch interessanten Beispielen, die das Zeug haben, die Branche Schritt für Schritt zu verändern. Das Berliner Unternehmen N26, das nach eigenen Angaben mittlerweile über eine Million Kunden zählt und in 17 Ländern mit mehr als 430 Mitarbeitern aktiv ist, war schon häufiger Gegenstand dieser Kolumne (zuletzt hier) und gilt in Europa als einer der ambitioniertesten Start-ups im Finanzsektor.

Revoluzzer Revolut …

In die gleiche Kategorie reiht sich das in Deutschland noch vergleichsweise unbekannte britische Unternehmen Revolut. Revolut fällt nicht nur durch laute Töne auf, wie etwa den im Handelsblatt zitierten Satz „Wir wollen die Party der traditionellen Banken beenden.“ Interessanter als das zum Geschäft gehörende Klappern finde ich, dass Revolut die einzige mir bekannte Challenger Bank ist, die sich über Crowdfunding finanziert hat. Revolut hat im Juli 2016, ein Jahr nach der Gründung, 1,01 Mio. Pfund von 433 Investoren über Crowdcube eingesammelt. Nach Informationen des Fachdienstes Finextra betrug die Bewertung des Unternehmens damals 42 Mio. Pfund. In einer aktuellen Finanzierungsrunde wurde das Unternehmen mit 1,2 Mrd. Pfund bewertet.

Glaubt man den Daten, dann ist das 2015 gegründeten Unternehmen wie N26 gut durchgestartet mit seinem Smartphone Konto. Mittlerweile wird das in verschiedenen Währungen führbare Konto ergänzt durch Auslandsüberweisungen, Kreditaufnahme, Sparmöglichkeiten und Versicherungsdienstleistungen. Auch an Kryptowährungen, um die traditionelle Banken bisher noch einen Bogen machen, traut sich das Unternehmen. Zwei Millionen „User“ will das Unternehmen nach eigenen Angaben gewonnen haben. Auch wenn längst nicht alle Kunden Revolut als Hauptbankverbindung nutzen, ist das ein beeindruckendes Wachstum. Wie N26 erweitert das Unternehmen zügig seinen Produktumfang. So ist man nach Pressemeldungen dabei eine Vermögensverwaltung- und Handelsplattform aufzubauen.

… nimmt Banking auch ohne Banklizenz ernst

Während Revolut in imposanter Geschwindigkeit neue Produkte ausrollt, wartet das Unternehmen weiterhin auf die Erteilung der beantragten Banklizenz. Der Umfang dieser Lizenz (es gibt nicht die eine Banklizenz, sondern nur die Erlaubnis, bestimmte Bankgeschäfte betreiben zu dürfen) bleibt dabei unklar. Ebenso unklar sind die Konsequenzen einer ausbleibenden Banklizenz. Klar ist aber, dass Kontoinhaber bei der so wichtigen Einlagensicherung noch ins Leere schauen. Dies wird auch in der Revolut Community entsprechend diskutiert.

Gründer und CEO Nik Storonsky, zeigt aber zugleich, dass er nicht nur große Töne von sich geben kann, sondern sich auch für unbequeme Fragen im Backoffice interessiert. Dazu gehört etwa das Thema Compliance. In einem Blogeintrag schrieb er, mit welchen Hilfsmitteln das Start-up die Compliance-Anforderungen lösen will. Revolut setzt dazu Maschinen ein, die selbstlernend und selbstverbessernd sein sollen, manche nennen das künstliche Intelligenz. Storonsky ist der Überzeugung, dass viele Banken hier noch hinterherhinken, weil sie kreatives und alternatives Denken nicht fördern und auf altmodische Prozesse setzen. Konkret hat Revolut nach Darstellung von Storonsky u.a. ein Compliance-Technology Team aufgebaut. Diese Abteilung besteht aus mehreren technischen Teams, die sich auf die Lösung von Compliance- und Betrugsproblemen durch neue Technologien konzentrieren. Die eher traditionellen Compliance-Kollegen hat er in einem Compliance Service Team untergebracht, dass das Technik-Team beratend unterstützt (ausführliche Details in dem Blogeintrag).

Revolut scheut sich also auch nicht, auch bei schwergängigen Themen neue Wege zu gehen. Ob das noch junge Unternehmen, dass mittlerweile auch Angebote für Unternehmenskunden entwickelt, auch in den nächsten Jahren am oberen Ende der Finanzevolution stehen wird, lässt sich natürlich nicht sagen. Bisher jedenfalls gehört es zu den Herausforderern, die ihre DNA neben N26 unter den Kunden der alten Finanzwelt schnell verbreiten.