InterviewRente mit 68: „Wir brauchen einen verlässlichen Generationenvertrag“

Bis 2042 sollte das Rebtenalter 68 sein, empfiehlt der wissenschaftliche Beirat beim Wirtschaftsministerium.
Wenn die Babyboomer in Rente gehen, wird das Rentensystem teuerIMAGO / Sven Simon


Axel Börsch-Supan hat die Auswirkungen des demografischen Wandels zu seinem Foschungsfeld erkoren. Der Ökonom und Mathematiker, selbst Jahrgang 1954, leitet als Direktor das Munich Center for the Economics of Aging (MEA), das zum Münchner Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik gehört. Dort forscht er unter anderem zu sozialen Sicherungssystemen und dem Sparverhalten der Deutschen. Börsch-Supan hat in Cambridge, Massachusetts, promoviert und arbeitet heute noch gelegentlich in den USA.


Capital: Was sagen Sie zu der Debatte über das höhere Renteneintrittsalter, die nun losgetreten worden ist?

AXEL BÖRSCH-SUPAN: Ich muss sagen, ich finde das völlig hysterisch. Dass wir diese Debatte jetzt führen, liegt wahrscheinlich nur an der momentanen allgemeinen Nervosität.

Aber Sie haben ja doch einen Vorschlag gemacht, nach dem das Rentenalter auf 68 erhöht werden sollte, oder?

Nein, haben wir nicht.

Was dann?

Was wir vorgeschlagen haben, ist erst mal nur ein Prinzip. Nämlich das Prinzip, dass wenn sich die Lebenserwartung verändert, sich auch das Rentenalter ändern muss. Wenn die Menschen deutlich älter würden als heute, wäre es unvernünftig, weiterhin wie jetzt in Rente zu gehen. Und unser Vorschlag ist: Wenn man drei Jahre länger lebt, kann man ein Jahr länger Rente haben und zwei Jahre länger arbeiten.

Der Wirtschaftswissenschaftler Axel Börsch-Supan erforscht die ökonomischen Auswirkungen des demografischen Wandels
Axel Börsch-Supan, Foto: IMAGO / Horst Galuschka

Also doch eine Erhöhung?

Wir wissen, dass wir unser Rentensystem finanzieren können, wenn die Leute im Schnitt 40 Jahre arbeiten und 20 Jahre Rente beziehen. Insofern ist es nur vernünftig, das gleiche Prinzip auch für zusätzliche gewonnen Lebensjahre einzusetzen. Das ist das Einzige, was wir empfohlen haben. Aber es geht ja nicht darum, das sofort zu machen.

Wie meinen Sie das?

Die Frage ist doch, wann gewinnen wir denn im Schnitt drei Lebensjahre dazu? Wenn man dem Statistischen Bundesamt folgt, kommt man ungefähr auf das Jahr 2042, also in 21 Jahren – erst dann werden wir statistisch drei Jahre dazugewonnen haben. Das heißt, wenn wir im Augenblick ein Rentenalter von 66 Jahren haben – also 65 haben wir nicht mehr und 67 haben wir noch nicht erreicht – dann sollten wir im Jahr 2042 durchschnittlich mit 68 Jahren in Rente gehen.

Was haben Sie da nun konkret empfohlen?

Was wir gesagt haben, ist, dass wenn sich das tatsächlich so einspielt mit den zusätzlichen drei Jahren Lebenszeit, dann wird man in den 30er-Jahren dieses Jahrhunderts die Möglichkeit haben müssen, in den 40er-Jahren dieses Jahrhunderts etwas am Rentenalter ändern zu können.

Das klingt nicht danach, dass man das jetzt debattieren muss, oder?

Nein, das ist kein Thema, das man im Wahlkampf diskutieren sollte. Es ist wichtig, Ruhe in die Debatte zu bringen, aber wir sollten sie nicht heute führen. Man sollte wissen, dass das Gutachten auch nicht jetzt geschrieben worden ist.

Wann denn?

Das haben wir im Wesentlichen im vergangenen Jahr verfasst. Es hat aber gedauert, bis es veröffentlicht wurde. Der wissenschaftliche Beirat arbeitet sehr gründlich – und daher auch sehr langsam.

Wenn wir diese Debatte führen, sollte sie sich nicht eigentlich um etwas anderes drehen – eine flexiblere Rente zum Beispiel?

Ja, völlig richtig. Und das haben wir in dem Gutachten auch gesagt. Wir wollen das Regelrentenalter abschaffen und ein Rentenfenster einführen, also ein frühestes und ein spätestes Rentenalter, zwischen denen man flexibel in Rente gehen kann. Plus/minus drei oder vier Jahre. Das ist ein sehr wichtiger Punkt.

Warum?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen gibt es Menschen, die machen ihren Beruf sehr gerne. Die wollen vielleicht gar nicht zu einem bestimmten Stichtag in Rente gehen. Warum sollten die dann nicht länger bleiben können? Es gibt aber auch Menschen, die können es kaum erwarten, in Rente zu gehen. Zudem müssen wir uns um die Menschen kümmern, die körperlich arbeiten und die ihrem Beruf im höheren Alter schlicht nicht mehr nachgehen können. Wir alle kennen die Geschichte vom Dachdecker, der irgendwann ausgelaugt ist – und es gibt da ja noch viele andere Berufe. Für alle ein gleiches Rentenalter festzusetzen, ist grober Unfug.

Der Anteil derer, die körperlich arbeiten nimmt aber doch ab, oder?

Ja, das schon. Sie sind aber noch da und man muss sich um sie kümmern. Ich denke, das Problem liegt nicht bei der Rente. Es ist doch ein Unding, dass Arbeitgeber ihre Leute in einem körperlich anstrengenden Job arbeiten lassen, bis sie verschlissen sind. Das ist unmenschlich. Es ist sinnvoller, wenn ein Dachdecker bis er 50 Jahre alt ist aufs Dach geht und danach etwas anderes macht – Dachziegel verkaufen vielleicht. Und so müsste das in anderen Berufen auch sein. Dann muss man die Menschen nicht in Frührente schicken und dann haben sie auch anschließend noch etwas von ihrer Rente.

Wer ist da gefragt, dass wir das erreichen?

Da sind die Arbeitgeber gefragt. Sie müssen flexibler werden und mehr zwischen Jung und Alt umschichten. Sie müssen lernen, den Strukturwandel der Arbeit auszunutzen.

Warum ist das Thema Rente so brisant?

Das liegt daran, dass das Rentensystem in den kommenden Jahren sprunghaft teurer werden wird. Sprunghaft, aber vorhersehbar. Denn jetzt gehen die vielen Babyboomer in Rente. Gleichzeitig haben alle weniger Kinder bekommen, daher gibt es weniger, die einzahlen. Das weiß man alles seit 20, 30 Jahren. Das ist nichts Neues. Aber wenn man Wahlen gewinnen will, auf wen schaut man da? Nicht auf die Kinder, sondern auf die, die wählen gehen und das sind nun mal die, die jetzt schon oder bald Rente beziehen. Die Parteien und Gewerkschaften sind überaltert und stützen sich auf diese Wähler. Deshalb zögert die Politik auch Reformen heraus und erfindet Haltelinien, von denen man weiß, dass man sie nicht halten kann.

Können Sie diese Haltelinien kurz erklären?

Man hat im Prinzip das heutige Rentenniveau und eine Obergrenze der Beiträge bis 2025 festgeschrieben und dabei ignoriert, dass die Babyboomer jetzt in Rente gehen. Deren Finanzierung geht nicht mit dem jetzigen Beitragssatz und den jetzigen Leistungen.

Und daher auch der Vorschlag, das Rentenalter langfristig anzuheben?

Ja, aber nicht nur. Das ist einer von vier Bausteinen, die wir vorgeschlagen haben. Ein anderer ist, dass man die Beiträge erhöhen muss. Das sollte aber langsam passieren, was mit der Haltelinie inkompatibel ist. Der nächste Baustein sollte sein, dass man die Rentensteigerungen nicht mehr so großzügig macht wie in der Vergangenheit. Und dann sollte man noch aus Steuermitteln zuschießen. Alles vier zusammen verteilt die Last auf möglichst viele Schultern.

Sukzessiv steigende Beiträge werden künftige Generationen nicht unbedingt freuen. Nur leicht steigende Bezüge auch nicht.

Ja, daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die letzte Rentenkommission daran gescheitert ist. Sie hat es nicht geschafft, diesen Generationenkonflikt aufzulösen. Das muss die Politik aber. Was wir brauchen ist ein verlässlicher Generationenvertrag, auf den man auch bauen kann. Aber klar ist, dass wir in Zukunft etwas finanzieren werden müssen, was wir bisher nicht finanzieren mussten. Und das geht nicht damit, nur Geschenke zu verteilen. Das ist wie mit dem Klimawandel, den können wir auch nicht mit Geschenken lösen, sondern der kostet uns was – so ist das beim demografischen Wandel leider auch.


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