PorträtRené Benko - der Wunderwuzzi

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Die Karstadt-Story

Die Gorkistraße in Berlin-Tegel passt nicht recht zu Benkos Trophäensammlung: mausgraue Fassaden, miefige Ladengeschäfte, 70er-Jahre-Tristesse. Doch an einem Freitag Anfang Juni gibt es hier etwas zu feiern: die Grundsteinlegung einer Karstadt-Filiale. Es ist das erste neue Haus, das die Warenhauskette seit mehr als 30 Jahren eröffnet.

In Tegel gibt es zur Feier des Tages Pommes und Prosecco. Ein roter Teppich ist ausgerollt, Luftballons schmücken den Weg zur Baustelle, viel Lokalprominenz. „Wir sind wieder da“, sagt Karstadt-Chef Stephan Fanderl in seiner Rede. Viele hätten das Unternehmen schon abgeschrieben. „Aber wir haben uns in den vergangenen vier, fünf Jahren massiv verändert. Wir haben es verdient, wieder hier zu sein.“

Auch in Neukölln und am Berliner Ostbahnhof will die Traditionskette bald neue Häuser eröffnen – just da, wo der Konkurrent Kaufhof aufgegeben hat. Zudem plant Signa den Börsengang seiner mit mehr als 1 Mrd. Euro bewerteten Sporthandelssparte und hat sich gleich in ein halbes Dutzend Onlinehändler eingekauft, die das Geschäft voranbringen sollen. Die Offensive soll Benko als erfolgreichen Handelsmanager präsentieren, der aus einer todgeweihten Kette ein florierendes Geschäft gemacht hat.

Denn zu dem Zeitpunkt, als Benko dem gescheiterten Karstadt-Vorbesitzer Nicolas Berggruen für einen Euro das Warenhausgeschäft abgenommen hat, ist er zwar ein gewiefter Immobiliendealer, hat aber vom Handel keine Ahnung. Entsprechend kühl fällt die Begrüßung in Deutschland aus: Einen „Möchtegern-Retter auf Bewährung“ nennt ihn die „FAZ“ – in Anspielung auf Benkos Vorstrafe. Fast jeder unterstellt dem Immobilienunternehmer, dass er sich nur für die Häuser interessiere.

Doch Benko glaubt, dass sich das Warenhausgeschäft sanieren lässt. Dabei setzt er auf einen kleinen Kreis von Managern, allen voran den früheren Rewe-Vorstand Stephan Fanderl. Wer heute mit Analysten und Beratern spricht, hört viel Lob für Fanderls Arbeit – und auch Anerkennung für Benko. „Er versteht es, sich die richtigen Leute zu holen“, sagt ein Analyst.

Fanderl schrumpft die Belegschaft binnen vier Jahren von 16.300 auf 12.500. Durch einen Deal mit der Gewerkschaft Verdi muss Karstadt bis 2021 keinen Tarif zahlen. So drückt Fanderl die Personalkosten von 513 Mio. Euro im Jahr 2014 auf 377 Mio. Euro im Jahr 2017. Auch das Sortiment dampft er ein.

Nach vier Jahren unter Benko geht es Karstadt heute auf den ersten Blick wieder gut. Die Kette ist schuldenfrei, profitabel und sitzt auf einem Liquiditätspolster von mehr als 250 Mio. Euro – im Jahr vor der Pleite waren es 90 Mio. Euro. Von den heute 79 Häusern verbrennt nur ein einziges Geld, während es vor vier Jahren 30 waren. Unter dem Strich steht 2017 mit 1,4 Mio. Euro der erste Nachsteuergewinn seit mehr als einem Jahrzehnt – bei der Übernahme betrug der Verlust 190 Mio. Euro.