EssayWut-Unternehmer

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Taktik der Populisten

„It’s not the economy, stupid“, möchte man in Umkehrung eines Spruchs des früheren US-Präsidenten Bill Clinton ausrufen, „it’s not globalization as such.“ Es mag ökonomische Frustrationen und Nöte geben, die eine Nachfrage nach einfachen wirtschaftspolitischen Lösungen wie auch nach demonstrativer Stärke entstehen lassen, vielleicht sogar nach derber Rhetorik. Aber das aktuelle Ausmaß des Rechtsrucks im Westen erklärt sich nicht durch eine lange vorhandene, bisher nur nicht bediente Nachfrage dieser Art. Es erklärt sich dadurch, dass sich ein solches Angebot seine Nachfrage tatkräftig selbst schafft.

Sämtliche neurechten Revolutionäre arbeiten mit derselben klassischen populistischen Methode, von Trump bis Höcke: Sie proklamieren einen Antagonismus und bauschen diesen zu der Verschwörungstheorie auf, „die Eliten“ als Privilegierte „des Systems“ schädigten „das Volk“. Dieser Antagonismus braucht nicht ökonomisch zu sein (Nord vs. Süd, Arm vs. Reich), er kann auch religiös, kulturell, rassisch oder in anderer Weise „identitär“ begründet sein (christliches Abendland vs. muslimische Welt, Weiß vs. Schwarz, Hetero vs. Homo). Am breitesten wirkt immer eine Kombination.

Passiv dem „Volk aufs Maul zu schauen“ genügt nicht; ein radikaler Populist muss den Antagonismus, den er in den Vordergrund stellt, aktiv pflegen und sich bemühen, ihn rechtzeitig zu ergänzen, um das „Wir“ auf eine breitere Basis zu stellen und es fortzuentwickeln.

Damit der Antagonismus sein Gift entfalten kann, ist es notwendig, sich mitsamt seiner Klientel rigoros auf der Verliererseite zu positionieren: als Überrollte, Überfremdete, Übergangene, als vom Untergang bedrohte Kreaturen und Kulturen. Je schärfer das Feindbild umrissen ist und je drastischer das Zerfallsszenario, desto besser, denn umso solider steht die mentale Angriffsfront.

Dabei hilft die perfide Praxis, den Menschen durch Wiederholung einen Affekt anzutrainieren: mit der Einübung von Beleidigungen, Veralberungen, Hass und Hetze. Bewusst bringt der neurechte Populist „das Niedrige im Menschen heraus“, wie es die Holocaustüberlebende „Oma Gertrude“ in einer viel beachteten Videobotschaft im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf beschrieb. Er bewirtschaftet und stärkt die Opferbefindlichkeit dieser Wahlverwandten, des von ihm erwählten Volkes („Populus“), des von ihm erst geschaffenen „Wir“. So treibt er die Manipulation gerade der Schwächeren auf die Spitze. Und die derart Missbrauchten scheinen es nicht einmal zu bemerken.

Wir brauchen eine liberale Sozialarbeit

Dagegen hilft nur selbstbewusste Aufklärung. Jenseits der politischen Sphäre, in der Zivilgesellschaft, bedarf es dafür eines gänzlich neuen Ansatzes. Allzu lange haben sich freiheitliche Köpfe am liebsten untereinander getroffen und gemeinsam an der Schärfe von Gedanken und Diktion gefeilt. Etliche Stiftungen und Vereine dienen diesem Zweck. Die Hoffnung war stets, dass jeder Einzelne, der sich dergestalt intellektuelle und moralische Stärkung holt, „draußen“ umso besser als Multiplikator wirken kann.

Das ist nicht falsch. Aber vordringlicher ist es angesichts der aktuellen Bedrohungen, einen breiten Diskurs zu pflegen, um möglichst viele grundsätzlich offene Menschen zu erreichen. Und darüber hinaus gilt es, um solche Leute zu kämpfen, die von Extremen angezogen sind und mit der Freiheit nichts am Hut haben, sie gar bekämpfen. Wir brauchen eine liberale Sozialarbeit.

Das mag eine Herkulesaufgabe sein. Aber vor dem gegenwärtigen Hintergrund heißt es: Wer nur irgend kann, sollte aktiv in eher feindliche Milieus hineingehen und dort in aller Vorsicht und Behutsamkeit ein gutes Werk für die Freiheit tun. Es bedarf dafür gewiss erheblichen Mutes, pädagogischer Begabung, feiner Einfühlsamkeit und natürlichen Charismas. Aber es ist dringlicher denn je, gerade dort sensible Überzeugungsarbeit zu leisten, wo, in welcher Virulenz auch immer, Gefahr für die Freiheit droht. Es sind die rechtsextremen, die linksextremen, die dem radikal-revolutionären, autoritären Populismus erliegenden, die religiös fundamentalistischen Menschen, kurz: alle Verführten.

Neben dem traditionellen politischen Engagement ist dies die vordringliche, womöglich überlebenswichtige Aufgabe unserer Tage.


Karen Horn, in Genf geboren, in Lausanne promoviert und Ende Oktober 2014 nach Zürich gezogen, ist freie Publizistin und Dozentin für ökonomische Ideengeschichte an der Humboldt-Universität Berlin sowie an der Universität Witten/Herdecke.  Sie ist Vorsitzende der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Hayek für jedermann – Die Kräfte der spontanen Ordnung“ (FAZ Buch, 2013)Karen Horn ist freie Publizistin und Dozentin für ökonomische Ideengeschichte an der Humboldt-Universität Berlin sowie an der Universität Witten/Herdecke. Weitere Beiträge von Karen Horn: Alles nicht so einfach, Man wird doch noch diskriminieren dürfen und Die große Freiheit


Der Beitrag ist zuerst in Capital 2/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon