EssayWut-Unternehmer

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Am Wahltag lässt sich die aufgeputschte Stimmung in Zahlen messen: Populisten feiern in diesen Monaten einen Erfolg nach dem anderen
Am Wahltag lässt sich die aufgeputschte Stimmung in Zahlen messen: Populisten feiern in diesen Monaten einen Erfolg nach dem anderen
© Daniel Downey

Der Verweis auf die vergessenen Verlierer der Globalisierung ist der geläufigste Erklärungsansatz für das Aufkommen neurechter Strömungen in der westlichen Welt.

Er ist so populär, weil er rechts und links gleichermaßen anschlussfähig ist. Die Globalisierung bietet an den beiden sich zunehmend überlappenden Rändern gerade deshalb ein geeignetes Feindbild, weil sie als Folgeerscheinung des verfemten Neoliberalismus gilt. Das bringt es mit sich, dass am Stammtisch wie in seriösen Untersuchungen gerade solche Menschen auf die Angst vor der „neoliberalen“ Globalisierung verweisen, die selbst direkt von dieser Verflechtung der Welt profitieren.

Dem muss nicht unbedingt eine kognitive Dissonanz zugrunde liegen. Ein solches Verhalten lässt sich auch als „Ex-post-Rationalisierung“ beschreiben: Mit dem Unerklärlichen konfrontiert, sucht man ein Argument, das einem die Befindlichkeit anderer Menschen ein Stück weit aus dem Reich des Irrationalen ins halbwegs Nachvollziehbare zurückzuholen verspricht.

Vor solchen Reflexen sind auch Liberale nicht gefeit, doch gerade sie müssen sich davor hüten. Natürlich ist der Verweis auf Schattenseiten der wirtschaftlichen Globalisierung an sich keineswegs abwegig, auch wenn er nicht das Wesentliche trifft. Die über Jahrzehnte immer intensivere ökonomische Verflechtung der Welt hat, obschon insgesamt ein imposantes Positivsummenspiel, nicht nur Gewinner hervorgebracht (auch wenn es ohne sie deutlich weniger Gewinner gegeben hätte). Und es ist eine empirische Tatsache, dass sich die Nichtgewinner, die sich „abgehängt“ fühlen, in manchen Regionen stark konzentrieren.

Das schlägt sich auch in den Wahlergebnissen nieder. So hat Trump im amerikanischen „Rust Belt“ seine vehementesten Anhänger; in den englischen Midlands haben mehr Wähler für den EU-Austritt gestimmt als in London; die AfD hat in Sachsen-Anhalt mit 24,3 Prozent mehr Stimmen abgeräumt als in Baden-Württemberg mit 15,1 Prozent. In ihrer Selbstwahrnehmung als Opfer fühlen sich viele Menschen in strukturschwachen Gegenden besonders von neurechten Populisten angezogen, die sie darin noch radikal bestärken.

Mut zur Dynamik

Umso dringender jedoch ist es notwendig, dass Liberale nicht müde werden, ihre optimistische Botschaft zu verbreiten. Dazu gehört es, selbstbewusst auf die Errungenschaft der sozialen Sicherung zu verweisen und dem Eindruck einer Unausweichlichkeit entgegenzutreten. Nirgendwo steht geschrieben, dass „Verlierer“ ewig abgehängt bleiben müssen.

Es ist vielmehr der Clou des globalen Wirtschaftens, dass sich in der Dynamik des Weltmarkts laufend neue Chancen auftun. Selbst wenn ganze Landstriche die Industrien verlieren, von denen die Leute lebten, bedeutet das noch nicht das Ende ihrer Existenz. In einer insgesamt wachsenden Wirtschaft ist damit oft vielmehr die Chance zu Fortschritt verbunden, etwa in Form einer Überwindung schmutziger oder gefährlicher Technologien.

Heikel wird die Angelegenheit erst, wenn sich die Menschen nicht neu zu erfinden vermögen. Dafür aber gibt es in der Regel institutionelle, in letzter Instanz also politische Ursachen. Mangelnde unternehmerische Kraft geht fast immer auf überhöhte Kosten und eine fehlerhafte Regulierung zurück; schlechte Eingliederungs- und Aufstiegschancen verweisen auf eine starre Verfasstheit der Arbeitsmärkte und eine den Wandel bremsende Sozialpolitik.

Unter den Härten des Strukturwandels haben sich die Menschen früher linken Parteien zugewandt. Heute sind diese bei ihrer Klientel in Ungnade gefallen; überall nimmt man ihnen „neoliberale“ Reformen übel. Die Sozialdemokratie ist ein Schatten ihrer selbst. Wo Deutschland stünde, wenn Gerhard Schröder (SPD) mit der Agenda 2010 den Arbeitsmarkt nicht reformiert hätte, möchte man sich zwar nicht ausmalen – aber das postfaktische linke Narrativ erweist sich als zählebig. Nur nährt es heute vor allem den rechten Rand.

Denn dort, anders als bei der ausgezehrten Linken, tummelt sich schon eine Phalanx gewiefter Polit-Unternehmer, die auf diesem Boden ihr eigenes Pflänzchen züchten. Es sind die Anbieter des neuen, feindseligen, völkisch untermauerten und ausgrenzenden „Wir“, das sich gegen den Rest des eigenen Landes und der Welt in Wallung bringen lässt. Das Gefühl einer Überforderung durch die Globalisierung ist mithin nur ein Vehikel, ein rhetorischer Anknüpfungspunkt mit großer Reichweite. Es macht jedoch keineswegs den Kern der Sache aus.